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Palliativpflege in Zeiten von Corona-Virus

Das Corona-Virus belastet die Gesundheitsinfrastruktur der Schweiz. Spitäler richten sich auf einen Ansturm von Patienten ein. Die Spitexpflege muss weiter funktionieren. In dieser Lage sind Palliativpatienten besonders gefährdet. Wie bewältigen Pflegefachpersonen die aktuellen Herausforderungen?

Wir stellen die Fragen an Maya Monteverde (Bild). Sie arbeitet im Tessin in einem palliativen Konsiliardienst.

In ihrer berührenden Rede rief die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich dazu auf, «keinen Kontakt mit ganz alten Menschen» zu haben. Was heisst das für die Pflege?

Maya Monteverde: Die Pflegenden sind nun oft die einzigen Personen, mit welchen die betagten Menschen überhaupt noch Kontakt haben, sei es im Pflegeheim oder in der Spitex. Das heisst, die sozialen Kontakte von älteren Menschen beschränken sich allein auf die berufliche und professionelle Ebene; «normale» soziale Kontakte wie diejenigen zu Partnern, Kindern, Enkeln, Urenkeln sind streng untersagt, sogar strikt verboten. Die Gefahr, welche daraus entstehen kann, ist der «soziale Tod», welchem die ältere Bevölkerung ausgesetzt werden kann. Diese Menschen leben häufig bereits in einer sozialen Isolation und wir Pflegefachleute können zur Zeit in keinerlei Hinsicht abschätzen, welche psychischen, physischen, existentiellen und sozialen Folgen die neuen Sicherheitsmassnahmen auf diese vulnerable Gesellschaftsgruppe haben werden.

Was bedeutet das für die Pflege?

Auf der einen Seite sind die Pflegefachleute eine der einzigen Kontaktgruppen, zu welchen die betagten Patientinnen und Patienten noch Zugang haben: Wünsche und Erwartungen an die Pflege, eine Rolle zu übernehmen, die über das Berufliche hinausgeht und das Fehlen des zwischenmenschlichen Kontaktes kompensiert, können aufkommen. Auf der anderen Seite wird die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme durch die Sicherheitsmassnahmen, wie Masken, Handschuhe, Schutzbrille und das «Social distancing» massiv erschwert. Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass nur schon das Tragen von Masken bereits bestehende Hörprobleme verschärft.

Viele Palliativpatienten wissen, dass ihre Lebenszeit beschränkt ist und sie bald sterben werden. Sie sind in dieser Zeit doch besonders auf Begleitung und Nähe angewiesen. Wie geht das in Zeiten von Corona-Virus?

In Zeiten von Corona-Virus gibt es zwei Gruppen von Palliativpatienten: diejenige Gruppe, welche vom Virus betroffen ist und ein sehr viel höheres Risiko als gesunde Menschen hat, daran zu versterben, und diejenige Gruppe von Palliativpatienten, welche nicht vom Virus betroffen ist. Nähe und Begleitung brauchen beide Gruppen und bei beiden ist es in diesen Zeiten erschwert bis fast verunmöglicht. Ein Beispiel: Ein 83-jähriger Mann, bei welchem vor kurzem eine akute Leukämie (eine Erkrankung, die sehr plötzlich und schnell tödlich verlaufen kann) diagnostiziert worden ist und im Pflegeheim lebt, darf keinen Besuch von seiner Frau und seinen Kindern mehr empfangen. Hier stellen sich wichtige ethische Fragen: Was ist wichtiger: Den älteren Herrn vor Corona zu schützen oder ihm und seiner Familie die Gelegenheit geben, voneinander Abschied zu nehmen?

Was ist Ihr Ratschlag?

Palliativpatienten und ihre Familien sind in Corona-Zeiten noch mehr dazu aufgefordert, sich über ihren Willen und ihre Wünsche Gedanken zu machen. Fragen wie: «Möchte ich bei einer allgemeinen Verschlechterung meines Zustands überhaupt noch ins Spital eingewiesen werden?» oder «Wenn ich sterben muss, wo möchte ich dann sein und wen möchte ich in meiner Nähe haben?» werden richtungsweisend. Patientenverfügungen und die vorausschauende Planung sind handlungsweisend. Es lohnt sich zurzeit besonders, sich über diese Themen und Fragen Gedanken zu machen und sie mit den nächsten Angehörigen und einer Fachperson zu besprechen. Wenn ein Palliativpatient wünscht, seine Angehörigen auch während des Sterbens bei sich zu haben, müsste er konsequenterweise zu Hause bleiben, oder es müsste vorgängig abgeklärt werden, ob das Pflegeheim, die Palliativstation oder das Hospiz Besuche rund um die Uhr zulassen.

Können Angehörige und Freunde in einem solchen Fall überhaupt noch angemessen Abschied nehmen? Vor und nach dem Tod?

Auf unserer Palliativstation im Spital Bellinzona ist das Abschiednehmen nach wie vor möglich, aber bisher betreuen wir dort bisher keine palliativen Corona-Patienten. Bei sterbenden Corona-Patienten müsste das Abschiednehmen meines Erachtens möglich bleiben, mit den entsprechenden Schutzmassnahmen.

Sollte es zu einer Rationierung von Pflegematerial kommen, wie sorgen Palliativpflegende dafür, dass die Menschen, die sie betreuen, nicht einfach als letzte in der Kette vergessen werden?

Ich sehe die Schwierigkeiten eher bei der Zuweisung von Beatmungsmaschinen auf den Intensiv-Stationen. Man hat in den letzten Wochen gesehen, dass Patienten, welche schon mehrere Grunderkrankungen haben und sich bereits vor der Infektion mit dem Covid-19-Virus in einem reduzierten Allgemeinzustand befinden, eine geringe Wahrscheinlichkeit und Chance haben, die Intubation zu überleben. Auch dieses Wissen stellt uns vor ethische Herausforderungen: Anhand welcher Kriterien wird entschieden, welcher Patient beatmet wird und welcher nicht? Und was geschieht, wenn Unfallopfer einen Platz auf der Intensivstation brauchen und diese voll belegt ist? Wem wird dann der Vorzug gegeben?

Kann man sich zu solchen Fragen irgendwo informieren?

In den letzten Tagen und Wochen sind Richtlinien von unterschiedlichsten Organisationen weltweit entwickelt worden, um den Umgang mit Covid-19-Patienten zu klären. In der Schweiz hat die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften eine Triage von intensivmedizinischen Behandlungen bei Ressourcenknappheit erarbeitet. Die Fachgesellschaft für Palliative Care in der Schweiz, palliative.ch, hat zudem eine Taskforce ins Leben gerufen, um Empfehlungen für Fachpersonen herauszugeben.

Weiterführende Informationen finden sich unter: samw.ch/de/corona und https://www.palliative.ch/de/fachbereich/task-forces/fokus-corona/


Maya Monteverde ist Pflegefachfrau und Dozentin, Master of Advanced Studies FHO in Palliative Care, Höhere Fachschule in Onkologiepflege. Sie arbeitet in einem palliativen Konsiliardienst und unterrichtet Palliative Care an der Fachhochschule im Tessin.

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