FrontKulturÜber Israels Befindlichkeit

Über Israels Befindlichkeit

Der deutsche Journalist und Autor Arn Strohmeyer hat nach mehr als zwei Dutzend Büchern, einige auch zu Israel, es unternommen, prominente, meist israelische Psychoanalytiker um ihre Erklärungen zum Zustand Israels und zur Lösung des seit Jahrzehnten dort schwelenden Konflikts zu befragen.

Entstanden ist eine spannende, erhellende und gut lesbare Analyse der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft des äusseren und inneren Zustandes dieses Landes, das nur euphemistisch als Heiliges Land bezeichnet werden darf. «Der Kampf um die Wahrheit. Israels Politik gegenüber den Palästinensern aus der Sicht der Psychoanalyse» ist der Titel des schmalen, wichtigen Buches.

Einführung

Mehr zum Autor ist einer früheren Buchbesprechung zu entnehmen. Mit folgenden drei Zitaten führt Strohmeyer ein in die Schilderungen der Analysen und Interpretationen bekannter Psychoanalytiker, aber auch Historiker, die den Regeln der Psychoanalyse folgen. Es sind dies Sigmund Freud, Erich Fromm, Benjamin Heit-Hallahmi, Ofer Grosbard, Ruchama Marton, Dan Diner, Moshe Zuckermann, Idith Zertal, Dan Bar-On, Judith Butler, Yehuda Elkana, Thea Bauriedl, Abraham Burg, Norman Finkelstein, Clemens Heni, Eva Illou, Margarete und Alexander Mitscherlich, Reuven Moskovitz, Peter Novick, Ilan Pappe, Dan Bar-On, Horst-Eberhard Richter und einige weitere.

Erich Fromm: «Die gründliche Erforschung des Unbewussten stellt einen Weg dar, die Menschheit in sich selbst und in jedem anderen menschlichen Wesen zu entdecken.»

Thea Bauriedl: «Je irrationaler die Politik, desto mehr brauchen wir die Psychologie des Unbewussten, um sie zu verstehen und zu verändern – und uns mit ihr.»

Fania Oz-Salzberger, Tochter des Schriftstellers Amos Oz: «Aus langsam wachsendem Irrsinn ist mittlerweile kompletter Wahnsinn geworden.»

Arn Strohmeyer (*1942). © promosaik.org

Tour d’horizont durch ein Land, ein Volk, ein Thema

Die nachfolgende Zusammenfassung folgt im Wesentlichen einem Aufsatz von Arn Strohmeyer zu seinem Buch. Ich habe ihn leicht bearbeitet und gekürzt. – Für mich ist dieser Text so etwas wie die Summe dessen, was ich zu Israel-Palästina gesagt haben möchte.

Sigmund Freund (1856 – 1939, Tschechien – England). © www.zeit.de

Das Judentum war von Beginn an in zwei Tendenzen gespalten: in ein partikularistisches Stammesdenken und in einen humanistischen Universalismus. Dies zeigt sich auch heute noch im Gegensatz zwischen dem radikal nationalistisch eingestellten Zionismus und dem sich an Menschenrechten und Völkerrecht orientierenden Teil des Judentums. «Wo Es war, soll Ich werden / Das Unbewusste soll bewusst werden», einer der Grundsätze der Lehre Sigmund Freuds, des geistigen Vater der Psychoanalyse, führt hinein in die nachfolgenden Ausführungen der verschiedenen Autoren. Dabei sind diese Denker vom radikalen zionistischen Standpunkt aus gesehen eigentlich Häretiker und Dissidenten, was jedoch den Reiz und die Faszination ihrer Argumentation ausmacht.

Nach der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 und schon davor zeigte sich diese Spaltung des Judentums in Partikularisten und Universalisten auch bei den Psychoanalytikern. Ein Teil ordnete sich den ideologischen Vorgaben des Zionismus unter, um so einen Beitrag zu Realisierung des Neuen Juden zu leisten. Die anderen, die universalistisch eingestellten Analytiker, blieben ihrer auf die ganze Menschheit bezogenen humanistischen Ausrichtung treu. Aus diesem Lager kommt denn auch die radikale Kritik an der zionistischen Ideologie, der Politik des Staates Israel und dessen Vorgehen gegen die Palästinenser.


Benjamin Beit-Hallahmi (* 1943, Israel). © wikipedia.org

Benjamin Beit-Hallahmi, einer der unerbittlichsten Kritiker des Siedlerkolonialismus, beschreibt die Politik Israels als zynisch, autoritär und reaktionär. Der Vorgang von Gewalt, Eroberung und Herrschaft ist in seinen Augen das Kennzeichen der israelischen Identität. Die Palästinenser sind die Leidtragenden. Die Zionisten betrachten diese als überschüssige Bevölkerung und sind bestrebt, sich von ihr zu befreien, wobei ihnen jedes Mittel Recht ist.

Die Palästinenser sind für die Zionisten eigentlich gar nicht vorhanden, kommen in ihren Plänen nicht vor. Man muss sie bekämpfen wie die Malaria. Wer so brutal vorgeht wie sie, muss eine Rechtfertigungs- und Verteidigungsstrategie entwickeln, um so die eigenen Untaten zu verschleiern. Dafür setzt Israels die Propaganda, vor allem den Antisemitismusvorwurf und die Instrumentalisierung des Holocaust, ein, und würgt so jede rationale Diskussion über seine Politik ab.


Ofer Grosbard (*1954, Israel). © wikipedia.org

Der israelische Analytiker Ofer Grosbard, bekannt durch sein Buch «Israel auf der Couch», konstatiert als Grundgefühl der israelischen Existenz die Angst, die bis zur Paranoia führt und ein Ergebnis der jüdischen Leidensgeschichte ist, die im Holocaust gipfelte. Die Folge ist ein Gefühl ständiger Bedrohung, auch wenn diese real nicht vorhanden ist. Der Paranoide schwankt zwischen Unsicherheit und Angst einerseits und Selbstgerechtigkeit, dem Gefühl der Einzigartigkeit und Auserwähltheit, Überheblichkeit und Arroganz auf der andern Seite. Wenn die schlimmen Erinnerungen aus der Vergangenheit in der Gegenwart immer präsent sind, kann der Paranoide den Anderen, den Palästinensern, nie wirklich begegnen, ohne das Gefühl der Bedrohung auf diese zu übertragen.

Das heisst, dass er die Schuld für sein Handeln nie bei sich suchen kann, sondern nur bei den Andern. Die Welt ist für ihn in gut und böse gespalten. Die aus einem solchen psychischen Zustand sich ergebende Aggressivität der israelischen Politik, für die der Krieg gegen die Palästinenser und ihre Unterdrückung der Normalzustand sind, wird immer als Selbstverteidigung dargestellt. Das ist für Grosbard der Ausgangspunkt der Tragödie. Aufgrund seiner paranoiden Haltung versteht Israel nur die Sprache der Gewalt, die Sprache des Friedens ist ihm verschlossen.

Ruchama Marton (*1937, Israel). © mondoweiss.net

Die israelische Analytikerin Ruchama Marton, die für die Gründung der Vereinigung Ärzte für Menschenrechte den Alternativen Nobelpreis erhalten hat und die BDS-Bewegung für Boykott, Sanktionen und Desinvestment offiziell unterstützt, steuert zum Komplex der Israel-Politik in psychoanalytischer Sicht einen weiteren Aspekt bei: Sie deutet die Mauer, die Israel gebaut hat, um sich von Palästinensern zu separieren, als metaphorische Blende. Dieses monströse Bauwerk ist für die Israelis ein Symbol der Trennung und Absonderung von den Andern, den Wilden, Unzivilisierten, mit denen man nichts zu tun haben will.

Dieser Haltung liegt der psychologische Mechanismus der seelischen Spaltung zugrunde. Man spaltet die äusseren wie die inneren Aspekte des guten Selbst vom bösen Selbst ab und überträgt die ungeliebten Anteile des eigenen Selbst auf die Andern, also die Palästinenser. Und damit wird der Staat zum Apartheidstaat.

Dan Diner (*1946, München). © faz.net

Der deutsch-jüdische Historiker Dan Diner zeigt einen weiteren Aspekt der israelischen Psyche auf: Die Israelis verleugnen das wirkliche Geschehen in Israel-Palästina, beispielsweise die durch den gewalttätigen Siedlerkolonialismus herbeiführte Unterdrückung eines ganzen Volkes, und ersetzen es durch Deutungen, die sie aus früheren Leidenserfahrungen ihres Volkes ableiten.

Die Palästinenser sind in dieser Projektion die neuen Nazis, die Israels Existenz bedrohen und aus einer antisemitischen Motivation heraus das Vernichtungswerk der Nazis fortsetzen und Israel beseitigen wollen. Dies ist eine völlige Verkehrung der wirklichen Situation, weil sie die Rollen von Opfer und Täter im Palästina-Israel-Konflikt vertauscht. Hier liegt ausserdem das bekannte Phänomen der Wiederkehr des Verdrängten vor. Da die eigene Vergangenheit nicht wirklich verarbeitet wurde, ist sie in der Gegenwart ständig präsent und zwingt zu Wiederholungen.

Judith Butler (*1956, USA). © swr.de

Die amerikanisch-jüdische Philosophin Judith Butler sieht nur einen Weg aus dem Dilemma der Zionisten: ihre eigne Vergangenheit so durchzuarbeiten, dass das Damals nicht ständig in das Heute eingreift, die Vergangenheit nicht die Gegenwart beherrscht. Erst dann kann die verzerrte Wahrnehmung der Gegenwart überwunden, der Andere wirklich wahrgenommen werden und würde Frieden erst möglich.

Seit Jahrzehnten streiten Israeli und Palästinenser nicht nur um das Recht auf das Land, sondern auch um das richtige historische Narrativ. Denn ein Friede kann nicht einfach dadurch geschaffen werden, dass die Palästinenser den Status quo und damit die Realität Israels bedingungslos anerkennen, ohne nach der Vorgeschichte der Entstehung dieses Staates und nach den Tatsachen zu fragen, die der Zionismus gegen den Willen der Palästinenser geschaffen hat.

Aus Platzgründen habe ich in meiner Übersicht die Kapitel über Moshe Zuckermann, Idith Zertal, Yehuda Eskana und Dan Bar-On weggelassen.

Meine persönlichen Schlussfolgerungen

Nicht nur Geschichtswissenschaftler – wie die Neuen Historiker Tom Segev, Ilan Pappe, Benny Morris oder Avi Shlaim – suchen ihre Wahrheit über Israel und belegen sie Stück um Stück mit Fakten und Zahlen; auch die Psychoanalytiker – was dieses Buch vortrefflich belegt – helfen mit, diese Fakten und Zahlen über Israel zu deuten und nach deren Sinn zu fragen; beide zusammen sind wichtig und zielführend.

Mit Resignation und gleichzeitig Hoffnung glaube ich persönlich beim Thema Israel an den berühmten Satz von Dschaelal ed-din Rumi, des Sufimeisters aus dem 13. Jahrhundert: «Die Wahrheit ist ein Spiegel, der vom Himmel gefallen ist, er ist in tausend Stücke zersplittert, jeder besitzt einen kleinen Splitter und glaubt, die ganze Wahrheit zu besitzen.»

Arn Strohmeyer: Der Kampf um die Wahrheit. Der Konflikt Israels mit den Palästinensern aus der Sicht der Psychoanalyse, Beiträge zur Internationalen Politik, D. 14, 217 Seiten, Gabriel Schäfer Verlag, Herne 2019. ISBN 978-3-944487-70-0. Die 2. Auflage erscheint im Mai 2020.

1 Kommentar

  1. In vielen demokratischen Staaten, wählen die Stimmenden gemäss Vorgaben ihrer frei gewählten Partei. Sie diskutieren die Probleme miteinander und stimmen über Lösungsvorschläge offen ab. Die Macht ist vernünftig verteilt. Das Volk lebt einigermassen zufrieden. Die freie Wahl der Führenden müsste auch hier neu betrachtet werden.
    In der übrigen Welt bestimmen die jeweiligen Machthabenden diktatorisch den Kurs ihrer Politik und ihre immer auch raffiniert begründeten „Wahrheiten“ werden mit mehr oder weniger Härte durchgesetzt. Friedliche Lösungen für Alle sind Mangelwahre.
    Auf der ganzen Welt werden Milliarden an Geld zu Rüstungszwecken, „Zur Verteidigung der eigenen Rechtsansichten“, eingesetzt. Die Rüstungsindustrie schafft Arbeit und Verdienst für Arbeiter und Organisatoren. Waffen, mit denen das staatlich definierte Menschenrecht, „Wie Alle leben müssen“, zu verteidigen ist“ werden immer raffinierter, was an grossartig präsentierten Militärparaden demonstriert wird. Das angebliche Recht, zum Einsatz der „optimal“ geformten Soldaten, wird immer ausgelöst von intelligenten, jedoch lieblosen Menschen, mit entsprechenden, einseitigen Ansichten über Recht und Unrecht.
    Kühle Intelligenz allein wird jedoch nie auszureichen, um verschiedene Menschen mit einseitigen, angeblich gewinnbringenden Philosophien, die raffiniert verteidigt werden, friedlich nebeneinander leben zu lassen. Dazu brauchen wir Menschen, deren vererbten realen Talente optimal weltoffen geschult wurden, die jedoch auch die Fähigkeit der tiefen Menschenliebe als Erbgut in sich tragen und mit heutigem realem Wissen verbinden können. In ihrem Denken ist vernünftiges und menschenliebendes Sein für alles Leben, das ist Weisheit, selbstverständlich. Heute sind wir noch nicht in der Lage, Weisheit als Talent bei Führenden, als unabdingbar zu fordern und die damit gesegneten Frauen und Männer, einzusetzen. Solche Menschen sind mit Sicherheit in jedem Staat vorhanden. Nur Sie sind in der Lage, uns in eine von allen vernünftigen Menschen erhoffte, friedliche Zukunft zu führen.

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