Veska ist im bulgarischen Svilengrad aufgewachsen und kehrt mit Fünfzig als Archäologin dorthin zurück, um die Ausgrabungen einer mittelalterlichen Burg zu leiten. Als ihr früherer Kollege Said ebenfalls dort ankommt, um schnelles Geld zu machen, wird sie in die Schattenwelt der Grenzregion hineingezogen. Valeska Grisebach erkundigt mit ihrem Film «Das geträumte Abenteuer» das Leben an den Rändern Europas. Schicht für Schicht legt sie Vergangenes frei und zeichnet ein packendes Porträt der Balkanregion zwischen gestern und heute. Dafür erhielt sie hochverdient am Festival in Cannes den Preis der Jury.
«Das geträumte Abenteuer» beginnt mit einem Mann, der über die Autobahn am grössten Grenzübertritt Europas in Matochina bei Svilengrad, Bulgarien, nahe bei der Türkei und nahe bei Griechenland, aufkreuzt. Es ist Said (Syuleyman Alilov Letifov), der ankommt, um alte Kontakte aufzufrischen, während sich auf der andern Seite der Strasse kilometerlang Camions aufreihen, die Waren legal von West nach Ost befördern; illegal hat sich der zwielichtige Handel über die Grenze vermehrt und diversifiziert. Eben angekommen, begegnet Said Veska (Yana Radeva), die er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Bald danach wird sein Auto gestohlen, und er verschwindet für vierzig Minuten aus dem Film. Während der ganzen Filmlänge nimmt Veska uns mit zu Frauen und Männern am Ort, die uns in ihre Vergangenheit und die Vergangenheit des Landes eintauchen lassen – in Ellipsen und Auslassungen.
Grenzregionen haben ihre eigene Aura und Anziehungskraft. In Svilengrad erblühen im Machtvakuum, das der zusammengebrochene Sozialismus hinterlassen hat, Träumen und Schmuggeln. Einen einfach erzählbaren Plot gibt es in diesem Film nicht, er wird ersetzt mit Kurzgeschichten: Ein Mann verschwindet und wird gesucht; ein paar hundert Liter Diesel wechselt als Schmuggelware die Besitzer; die allgegenwärtigen Gangster im bulgarischen Hinterland werden auf Distanz gehalten – alles vergleichbar mit den Scherben und Münzen in Veskas Ausgrabungen.
Said
Veskas Ähnlichkeit mit Valeska, dem Namen der Regisseurin, dürfte nicht zufällig sein. Sie beschäftigt sich in ihrer Heimatstadt professionell und zwischenmenschlich mit der Vergangenheit. Den Abenden nach der Arbeit folgen gesellige Gespräche und Begegnung im Kreise alter Bekannten. Saids Verschwinden weckt Veskas Spürsinn. Sie beobachtet, fragt nach, kombiniert und mischt sich in Saids halblegale Geschäfte ein. Auch ihre Jugendzeit am Ort lebt auf in den fröhlichen Tischrunden mit schlagfertigen Frauen, die viel erlebt haben und sich nicht unterkriegen lassen. Der Regisseurin gelingt es erneut, wie in ihrem letzten Film «Western», mit Laiendarsteller:innen, vor allem den zwei Protagonisten, eine Welt zu erschaffen, die sich realer anfühlt als jede fiktive. Bald schon macht sie sich die männlichen Konventionen spielerisch zu eigen, hält sich jedoch zurück, bis ihr der unterschwellige Wandel der Geschlechterrollen im Lauf der Zeit brutal offenbar wird. Dafür und zu ihrer Erbauung flaniert sie in der Freizeit durch die Strassen und verlassenen Lobbys von Restaurants und Hotels aus der Sowjetmoderne und macht sich die fremde Welt zu eigen.

Um die Vergangenheit in der Gegenwart dreht sich Veskas Beruf von Morgen bis Abend. Als Forscherin taucht sie in vergangene Jahrhunderte, sucht und entdeckt Artefakte der bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzregion. Mit ihrem Team arbeitet sie mit Schaufel, Rechen und Pinsel, Messband und Metalldetektor, um von den Fundgegenständen etwas vom früheren Leben zu erfahren. Mit Kamera, Ton und Montage und einer tief menschlichen Neugier gräbt die Filmemacherin nach dem Leben der Männer und Frauen, denen sie begegnet, und rekonstruiert ihr Leben aus den erfahrenen Fragmenten. Dass in diesem Einzugsgebiet Schattengeschäfte abgewickelt und zwielichtige Manöver durchgespielt werden, zeigt sich von Sequenz zu Sequenz mehr und mehr, anfänglich noch auf der «Hinterbühne», bald schon auf der «Vorderbühne», wie Erving Goffmann solche Auftritte nennt. Bald schon versteht man, was Slogans wie «Epoche der Männlichkeit» oder «Zeit der schönen Frauen und tollen Autos» bedeuten: insgesamt ein riesiges Konfliktpotential!

Aus den zahllosen kurzen und langen Gesprächen über alltägliche Ereignisse und Erinnerungen kristallisieren sich Szenen von gesellschaftlichen Verwerfungen und einem immanenten Geschlechterkampf ─ meist nur nebenbei angesprochen. Bis das alles auftaucht, wahrgenommen und bewertet wird, braucht Valeska Grisebach, unterstützt von Bernhard Keller an der Kamera und Bettina Böhler mit dem Schnitt, die vollen 167 Minuten, lange wie die Zeit, die bei der archäologischen Arbeit vergeht, bis Gegenstände ihre Aussagen machen. Immer deutlicher wird sichtbar und hörbar, dass der Untergrund dieser Gesellschaft, der sich in Gesprächen, Gesten und Mimik zeigt, bald ungemütlich, dann abstossend, schliesslich brutal wird. So hängen an den Wänden Poster von vermissten Personen, und heisst es einmal darunter, Svilengrad beginne dort, wo das Gesetzt ende. Zwischendurch packt auch Veska, die sich mit Humor und Reife schützt, die Resignation, und sie weigert sich, weiter vor den patriarchalen Zuständen und Mafia-Machos zu kuschen.
Doch «Das geträumte Abenteuer» ist kein Actionfilm. Sondern ein existenzielles Drama. Die ungebremste Neugier und Menschenfreundlichkeit Veskas greift in die Geschichten ein, entlädt sich aber nicht wie bei den Männern. Die Scherben, Knochen und Münzen mussten auch Jahrhunderte warten …

Auf dem historischen Gelände wird die Erde durchfurcht und untersucht. Gesammelte und sortierte Fundstücke geben Rätsel auf, wie sie sinnvoll zusammengesetzt werden können, während die menschlichen Fundstücke als Auftrag des Films nur subtil angedeutet liegenbleiben. Der Mafia-Boss Iliya (Nicolay Shekerdjiev) und das, was im Hintergrund an Waren- und Menschenschmuggel geschieht, im Macho-Traum weiterläuft und ins Gigantische expandiert, treiben Veska an, still und doch vehement. – Wer hier an die zehntausenden von Unmenschen im Umfeld des Weissen Hauses, des Pentagon und von Mar-a-Lago und die dort verübten Untaten denkt, liegt wohl nicht falsch. Dahin führt, was hier beginnt. Der Film gilt für hier und heute, in seiner Tiefe und Breite.
Veskas Sehnsucht nach der Wahrheit der Dinge und der Menschen wird jedoch bereits mit dem Titel gestoppt. Ist alles bloss ein Traum? Wo ist die Wirklichkeit? Vielleicht zeigt uns die Regisseurin mit ihrem Film die grundsätzliche Rollenverteilung von Traum und Wirklichkeit? Von Kunst und Leben? Und das Leben in seiner ganzen Spannung? Die Filmemacherin in Cannes: «Ich glaube, beim Filmemachen geht es vor allem darum, mit Menschen in Kontakt zu treten. Und manchmal geht es auch darum, nicht alles zu wissen.»
Titelbild: Veska
PS:
Bei meiner Besprechung des Films «In die Sonne schauen» von Mascha Schilinski schrieb ich, dass dieses Meisterwerk vielleicht auf eine neue Art Kino verweise. Genau das Gleiche möchte ich beim Film «Das geträumte Abenteuer» von Valeska Grisebach mit Überzeugung wiederholen.
