FrontGesellschaftWiedergelesen: Erich Fromm «Haben oder Sein"

Wiedergelesen: Erich Fromm «Haben oder Sein»

Zufällig bin ich vor einiger Zeit auf Erich Fromm gestossen und habe beschlossen, seine letzten Werke nochmals zu lesen und zu besprechen: «Die Kunst des Liebens», «Die Seele des Menschen», jetzt «Haben oder Sein» und schliesslich «Über den Ungehorsam». 

Die Schrift ist im humanistischen Geist Fromms geschrieben, verfasst ein Jahrzehnt vor Glasnost und Perestroika, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Gefahren der Atombombe. Anlass war auch die Kritik am materiellen Überfluss und am unbegrenzten Wachstum des Industriezeitalters, welche der Autor als «Fortschrittsreligion», sowohl im Westen wie im Ostblock, bezeichnete. Er stützte sich auch auf die Berichte des «Club of Rome» von Dennis Meadows, «Die Grenzen des Wachstums» (1972) und «Menschheit am Wendepunkt» (1974), mit der Begründung, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen für das Überleben der Menschheit unabdingbar seien. Auch E. F. Schumachers «Small is Beautiful» (1973) wird zitiert. Zum ersten Mal, so Fromm, seien für das weitere physische Überleben der Menschheit psychische und soziale Veränderungen nötig. Ersetzt man die vom Autor verwendeten und für damals aktuellen maschinenfixierten Beispiele durch computerfixierte, so ist das Werk weiter hochaktuell. 

Hinführung

«Haben oder Sein» dürfte Fromms populärstes und wohl auch wichtigstes Werk sein. Mehr oder weniger durchdacht, werden die beiden Begriffe auch im heutigen Alltag von vielen verwendet, meist in der Richtung, die der Autor vorgezeigt hat, doch selten in der Radikalität, in der er gedacht hatte – was mich persönlich fast zum Verzweifeln bringt, da es der Welt heute keinen Deut besser geht als damals.

Das Buch ist nach einer Einführung in drei Teile gegliedert. In der Einführung schreibt Fromm vom Ende einer Illusion, begründet, warum sich die grossen Verheissungen der Revolutionäre und Humanisten nicht erfüllt haben, schildert die ökonomische Notwendigkeit menschlicher Veränderung und skizziert Alternativen zur Katastrophe. Im ersten Teil schildert er die Unterschiede zwischen Haben und Sein, beschreibt diese mit dichterischen Werken, mit Beobachtungen früherer Denker, mit etymologischen Analysen, entwirft ein philosophisches Konzept des Seins und verweist auf den Zusammenhang von Haben und Konsumieren, Konsumieren in seinen Augen eine zentrale Form des Habens in den heutigen «Überflussgesellschaften»: «Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere.»

Haben und Sein in der alltäglichen Erfahrung

Als Annäherung referiere ich Fromms Unterschiede von Haben und Sein in der alltäglichen Erfahrung: «Da wir in einer Gesellschaft leben, die sich vollständig dem Besitz- und Profitstreben verschrieben hat, sehen wir selten Beispiele der Seinsorientierung; die meisten Menschen sehen die auf das Haben gerichtete Existenz als die natürliche, faktisch einzig denkbare. All das macht es besonders schwierig, die Eigenart der Seinsorientierung zu verstehen.» Für die Habenorientierung finden wir im Alltag mühelos genügend Anschauungsmaterial.

Lernen

Lernen im Habenmodus heisst, das Gelernte mechanisch festhalten und ins Gedächtnis einprägen. Lernen im Seinsmodus heisst, das Gehörte empfangen, in einem lebendigen Prozess darauf reagieren und sich dafür interessieren (inter-esse: dazwischen sein), was betroffen macht.

Wissen

Im Habenmodus heisst das, in Form verfügbarer Informationen etwas besitzen. Im Seinsmodus besteht es in einem funktionalen Akt, ist ein Mittel im Prozess des produktiven Denkens, mit der Wahr-Nehmung mit dem gesunden Menschenverstand, aber auch mit Ent-Täuschungen.

Erinnern

Im Habenmodus ist Erinnern ein passives Tun, im Seinsmodus ein aktives, in dem man sich Worte, Gedanken, Bilder oder Musik ins Bewusstsein zurückruft und Verbindung mit Bekanntem herstellt (verwandt mit Freuds «freien Assoziationen»).

Gespräch

Im Habenmodus vertritt A die Meinung X und B die Meinung Y, während keiner vorhat, seine Meinung zu ändern. In Gesprächen im Seinsmodus vertrauen beide darauf, dass etwas Neues entstehen kann, wenn sie loslassen und vom andern etwas annehmen können.

Lesen

Wer im Habenmodus das Werk eines Dichters liest, kann das Gelesen exakt wiedergeben. Im Seinsmodus lesen heisst, den Inhalt des Gelesenen infrage stellen, mit den Autoren zu reden beginnen, bis das Buch im Kopf und Herzen eine Auseinandersetzung erzeugt, bis es Teil meines Bewusstseins wird.

Autorität

Wohl jeder von uns hat schon Autorität ausgeübt. Im Habenmodus hat er seine Autorität vom Gesetz, vom Staat oder einer Wissenschaft. Im Seinsmodus ist der Handelnde selbst die Autorität, durch sich, mit seiner Persönlichkeit.

Glaube

Im Habenmodus ist Glaube der Besitz einer Lösung, für die man keinen rationalen Beweis besitzt, ist also ein Ding. Im Seinsmodus bedeutet es nicht Glaube an eine bestimmte Idee, sondern ist eine innere Orientierung, Einstellung, Haltung allem gegenüber.

Lieben

Lieben im Habenmodus bedeutet Besitzansprüche haben und Kontrolle ausüben, weil keine Freiheit herrscht. Im Seinsmodus ist Lieben ein produktiver Akt, es gibt kein «Falling in Love», sondern Liebe ist ein Gehen, Stehen und Erarbeiten einer Beziehung.

Soweit scheint alles einfach, ist bloss eine Sensibilisierung von Haltungen, die wir kennen. Oder sind darin nicht schon revolutionäre Forderungen beschrieben, die grosse Denker des Abendlandes und des Ostens formuliert haben? – Die Kapitel, in denen Fromm seine Thesen mit Aussagen im Alten und Neuen Testament sowie Meister Eckhard begründet, überspringe ich hier.

Sätze aus dem Buch – zum Bedenken und Handeln

Wie mich zahlreiche Zitate des zweiten Teils dieses Buches berührt, verunsichert, in Aufregung gebracht und in einen Gefühlszustand versetzt haben, der noch anhält, so möchte ich nachfolgend ähnliche Erfahrungen vermitteln, indem ich Zitate aus dem Buch unkommentiert, lediglich mit persönlichen Überschriften, aufführe, teils dialektisch, teils assoziativ geordnet – und Sie dann einlade, selber weiterzudenken oder das Buch nochmals zu lesen. – Beachten Sie, dass die Originalausgabe «To Have or to Be» 1976, also vor 44 Jahren, erschienen ist.

Einleitung

Die meisten von uns wissen mehr über den Haben- als über den Seinsmodus, weil Haben der weit häufiger erlebte Modus in unserer Gesellschaft ist. Aber es gibt einen anderen noch wichtigeren Grund, warum es so schwierig ist, den Seinsmodus zu definieren; es ist die Natur des Unterschieds zwischen den beiden Existenzweisen. Haben bezieht sich auf Dinge, und Dinge sind konkret und beschreibbar. Sein bezieht sich auf Erlebnisse, und diese sind im Prinzip nicht beschreibbar.

Haben und Sein

Da wir in einer Gesellschaft leben, deren Existenz auf den drei Säulen Privateigentum, Profit und Macht ruht, ist unser Urteil äusserst voreingenommen. Erwerben, Besitzen und Gewinnmachen sind die geheiligten und unveräusserlichen Rechte des Individuums in der Industriegesellschaft.

Tatsache ist, dass wir in dem Masse, in welchem wir die autoritäre Struktur unserer Gesellschaft internalisiert haben, im Habenmodus leben.

Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich habe?

Der Seinsmodus existiert nur im hic et nunc, dem Hier und Jetzt, und nicht in der Vergangenheit,

Menschen werden in Dinge verwandelt, ihr Verhältnis zueinander nimmt Besitzcharakter an.

Für den modernen westlichen Menschen ist es in der Tat nicht leicht, sich zu freuen, ohne zu haben.

Der produktive Mensch erweckt alles zum Leben, was er berührt.

Im Seinsmodus kann mehr als ein Mensch, können in der Tat Millionen Menschen sich an der gleichen Sache erfreuen, da keiner von ihnen sie haben muss, um sie geniessen zu können. Diese Tatsache verhindert nicht nur Streit, sie bewirkt eines der tiefsten Erlebnisse menschlichen Glücks, die geteilte Freude.

In letzter Konsequenz drückt die Aussage, «Ich (Subjekt) habe (Objekt)», eine Definition meines Ichs durch meinen Besitz des Objekts aus. Das Subjekt bin nicht ich, sondern ich bin, was ich habe.

Konsum

Der Konsumentenhaltung liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit.

Man kaufte, um zu behalten. Das Motto lautete: «Alt ist schön!» Heute kauft man, um wegzuwerfen. Verbrauchen, nicht bewahren, heisst die Devise. Das neue Motto lautet: «Neu ist schön!»

Die Maschine muss maximal genutzt werden und zwingt daher den Menschen ihren eigenen Rhythmus auf. Durch die Maschine ist die Zeit zur Beherrscherin des Menschen geworden.

Familie

Die Gesellschaft und die Familie als deren psychosoziale «Agentur» haben ein schwieriges Problem zu lösen: Wie breche ich den Willen eines Menschen, ohne dass dieser es merkt? Durch einen komplizierten Prozess der Indoktrinierung, durch ein System von Belohnungen, Strafen und entsprechender Ideologie wird diese Aufgabe im Grossen und Ganzen jedoch so gut gelöst, dass die meisten Menschen glauben, ihrem eigenen Willen zu folgen, ohne sich bewusst zu sein, dass dieser konditioniert und manipuliert wurde.

Wenn man bedenkt, dass die Frau die ganze Last zu tragen hat, ist kaum zu leugnen, dass die Erzeugung von Nachkommenschaft im Patriarchat ein Vorgang rücksichtloser Ausbeutung der Frauen ist. Die Mütter ihrerseits schwingen sich zu Eigentümern ihrer Kinder auf.

Aktiv, passiv

Bei der nicht-entfremdeter Aktivität erlebe ich mich als handelndes Subjekt. Nicht-Entfremdete Aktivität ist ein Prozess des Gebärens und Hervorbringens, wobei die Beziehung zu meinem Produkt aufrechterhalten bleibt.

Im Gegensatz zur heute herrschenden Überzeugung, dass Menschen, die in erster Linie von der Gier nach Geld, Besitz und Ruhm angetrieben werden, normal und angepasst seien, hält Spinoza sie für äusserst passiv und im Grunde krank.

Von den Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts hat niemand den passiven Charakter der heutigen Aktivität klarer gesehen als Albert Schweitzer, der den modernen Menschen als unfrei, unvollständig, unkonzentriert, pathologisch abhängig und absolut passiv charakterisierte.

Das Dogma

In der modernen Gesellschaft wird davon ausgegangen, dass der Habenmodus der Existenz in der menschlichen Natur verwurzelt und daher praktisch unveränderbar sei. Diese Idee liege dem Dogma zugrunde, der Mensch sei von Natur aus faul und passiv und würde weder arbeiten noch sonst etwas tun, wenn ihn nicht materielle Anreize dazu verlockten bzw. Hunger oder die Angst vor Strafe ihn dazu antrieben. Dieses Dogma wird allgemein akzeptiert und es bestimmt unsere Erziehungs- und Arbeitsmethoden. Aber es ist wenig mehr als ein Ausdruck des Wunsches, den Wert unserer gesellschaftlichen Arrangements zu beweisen, indem man ihnen bescheinigt, dass diese den Bedürfnissen der menschlichen Natur entsprechen.

Krieg

Solange die Völker aus Menschen bestehen, deren hauptsächliche Motivation das Haben und die Gier ist, werden sie notwendigerweise Kriege führen.

Heute und in Zukunft, als Folge der unglaublich anwachsenden Zerstörungskraft der neuen Waffen, ist die Alternative nicht länger Krieg, sondern gegenseitiger Selbstmord.

Kirche und Staat

Im Neuen Testament wird mit Freude belohnt, wer dem Haben entsagt.

Es ist auch nicht überraschend, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sich die Kirche fast von Anbeginn einer gesellschaftlichen Ordnung anpasste, die, damals wie heute, im Feudalismus ebenso wie im Kapitalismus, vom Einzelnen strikte Einhaltung der Gesetze fordern muss, um funktionsfähig zu sein, ob diese nun seinen wahren Interessen dienen oder nicht.

Der Mensch respektiert die Gesetze nicht nur aus Angst vor Strafe, sondern auch, weil Ungehorsam in ihm Schuldgefühle auslöst. Von diesen Schuldgefühlen entbindet ihn die Vergebung, die nur von der Autorität gewährt werden kann. Voraussetzung solcher Vergebung ist, dass der Sünder bereut, dass er bestraft wird und sich erneut unterwirft, indem er die Strafe abnimmt.

Staat und Kirche arbeiten zusammen, da sie beide ihre eigenen Hierarchien zu schützen hatten. Der Staat brauchte die Religion, um eine Ideologie zu haben, die Ungehorsam zu Sünde erklärte, die Kirche braucht Gläubige, die der Staat in der Tugend des Gehorsams geschult hatte.

Thomas von Aquins Begriff der Sünde ist nicht der des Ungehorsams gegenüber irrationaler Autorität, sondern derjenige der Verletzung des menschlichen Wohlseins.

Abschluss: Der neue Mensch und die neue Gesellschaft

Den dritten Teil des Buches referiere ich nicht und fasse ihn auch nicht zusammen, sondern lade Sie ein, das Buch «Haben oder Sein» selber zu lesen oder sich im Anschluss an die obigen Zitate eigene, Ihnen und unserer Zeit angepasste Antworten zu finden.

Erich Fromm: Haben oder Sein, New York 1976, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1976

2 Kommentare

  1. Danke Herr Stadler! Grossartig, was Sie mir hier, in Kürze über dieses Buch aussagen und doch lang genug, dass ich nun richtiggehend danach lechze, endlich Erich Fromm zu lesen (schon nach ihren letzten Beiträgen nahm ich mir dies vor). Obwohl, nach Ihrem Beitrag mit den Auszügen aus dem Buch, ich mich schon frage – mich vor meinem Verzweifeln und innerer Wut fürchtend – ob ich es lesen soll. Der tägliche «Anschauungsunterricht» über unser Verhalten, jetzt, selbst nachdem uns mit Corona die Decke richtiggehend (endlich) auf den Kopf fiel, scheint im Moment wenig «Umkehr» zu zeigen. Sei es beim Konsum, noch bei der Sorge für Umwelt und Klima. Ja, ich (76) bin sehr pessimistisch. Ach Mensch, wach auf! Lernen wir denn nie aus unseren Fehlern?

  2. Hanspeter Stalders Wiedergelesen: ist eine echter Denkimpuls.
    Ich möchte diesen noch etwas erweitern.
    Viele, die sich über ein friedliches Miteinander Gedanken machen, vergessen die heutigen Grundlagen zur Lebensphilosophie vieler machthabender Menschen. Ihre wichtigsten sind unterdrückende Weltanschauungen mit Hilfe einer riesigen Rüstungsindustrie, tödliche Geschosse, die immer weiterfliegen können, schnellere Kampfflugzeuge mit größerer Reichweite, Machtausweitung durch Unterdrückung oder Vernichtung offen Denkender. Ohne eine neue Definition von charakterlichen Eigenschaften, mit denen führende Menschen gleich welcher Herkunft, Rasse, Hautfarbe und Konfession ausgerüstet sein müssen, erreichen wir kaum eine friedliche Zukunft. Hohe fachliche Kompetenz und kühle, hart durchgreifende Intelligenz alleine, genügt nicht mehr.
    Der Mensch sei weder gut noch böse, ist eine völlig falsche, immer wieder gelesene Denkgrundlage. Jeder ist ein Individuum mit ganz spezifischen Talenten, Fähigkeiten und leider auch Mängel. Weltweit sind in Zukunft bei Führenden neben fachlicher Kompetenz Menschenliebe und Einfühlungsvermögen, das ist Weisheit, unabdingbar erforderlich.
    Der neue Weg, aus vorhandenen Potentialen friedenstaugliche Menschen zu finden, die hochintelligent, aber keine psychischen Krüppel sind, hat uns Carl Huter, 1861-1912, ein genialer Autodidakt mit seiner Ausdruckspsychologie und dem Einblick in die unendlichen individuellen Wirklichkeiten des Seins, gezeigt. Ein politisch neutrales Erkennen der unabdingbar nötigen individuellen menschlichen Fähigkeiten zur friedlichen Führung ganzer Staaten und der Zusammenarbeit aller Rassen mit Hilfe seiner genialen, individuelle Fähigkeiten erkennenden Ausdruckspsychologie und der darin vorhandenen verbindenden echten Weltweisheit, sind leider heute noch nicht tragend.

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