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Maria und Mohamed

Fremdlinge sind auch Menschen. Das Theater Matte zeigt, wie dieses Schlagwort Wirklichkeit werden kann.

Eigentlich ist es die letzte geplante Inszenierung für die von Corona so folgenschwer abgewürgte vergangene Spielzeit am Theater Matte. Sie wird nun zur Brücke zur 11. Saison am Wellenspiel der Aare. So oder so ist das Thema aktuell, und die heutige menschliche und politische Gesellschaft bemüht sich manchmal schlecht, manchmal recht darum, mit den vielen Herausforderungen und den echten oder eingeredeten Bedrohungen fertig zu werden. Das besondere an der Uraufführung der Vierpersonen-Komödie Die Maria und der Mohamed von Folke Braband liegt darin, dass das Ideologische eine vollends unwichtige Bedeutung neben dem Menschlichen einnimmt. Es wird kein soziologisch-politisches Problem diskutiert; es werden Menschen gezeigt, denen der Umgang mit Menschen gelingt, zuerst nur verhalten, dann immer besser.

Das Berührende an der subtil gedämpften Komödie ist die feinsinnige Zeichnung der handelnden Personen. Da ist Maria, von Widerwärtigkeiten des Alterns gezeichnet. Sie hätte Hilfe nötig, welche sie vehement abweist, und man spürt, in was für einer tiefen Angst, noch vollends zur Bewegungslosigkeit und zur körperlichen Hilflosigkeit zu verkümmern, ihr Aufbegehren wurzelt. Sie wehrt sich so ruppig wie manchmal sarkastisch gegen alles Gutgemeinte seitens ihrer Schwiegertochter Hanna; sie streckt voller Hohn die Nase in die Luft, wenn die etwas gar von sich selbst eingenommene Spitex-Pflegerin Nancy mit ihren eingeübten Zuwendungs-Phrasen und dem stereotypen «okay» ihr zu nahe tritt.

Von links: Mohamed (Dara Khalil), Hanna (Barbara Seidel), Maria (Marianne Tschirren)

Und da ist der Mohamed. Hanna, engagiert in Flüchtlingsfragen, bringt ihn mit. Er versteht kein Deutsch, wirkt unsicher und benimmt sich auf eine mitleidweckende devote Art. Was soll Maria jetzt mit diesem Fremden, der nicht Deutsch versteht, geschweige denn spricht, diesem Syrer anfangen? Er wäre auch gescheiter in der Heimat geblieben und hätte dort mitgeholfen, sein Land wieder aufzubauen. Überhaupt, was soll man mit diesen Flüchtlingen; es sind Fremde, sie bringen fremde Sprache, fremde Kultur mit und wer weiss was Übles sonst noch… – Natürlich hat Mohamed seine Leidensgeschichte, die man bis zum ein wenig ungewissen Ende des Stücks nach und nach erfährt. Doch auch hier, wie bei Hanna, Nancy und Maria, spielt das Menschliche, mehr oder weniger emotional und immer lebensnah, eine spürbare Rolle.

Von links: Cornelia Grünig, Marianne Tschirren, Dara Khalil

Man könnte denken, dass Marias Garten der entscheidende Ort der Begegnung für die beiden so verschiedenen Charaktere sei. Maria beobachtet ihn und lässt ihn dort arbeiten. Daraus wird mehr: Deutschunterricht, backen, kochen, pflegen – ein Dialog und eine Zweisamkeit, welche beide aufleben und einander in aufrichtiger Freundschaft begegnen lässt. Symbol für die einzige Möglichkeit echter Begegnung zwischen den Einheimischen und den Eingewanderten, denen, die hier zu Hause sind und den anderen, die hier bei uns Zuflucht suchen. Der Mensch, Frau oder Mann, müsste sich dem Menschen gegenüber setzen, ihm nahe kommen, ihn ansehen, mit ihm sprechen, mit ihm etwas teilen.

In der gutbürgerlichen Stube, reich ausgestattet mit zahlreichen Stimmungselementen (Pflanzen, Nippsachen, Gegenstände zum Anfassen), diesem Spielraum von Fredi Stettler, gelingt es der Regisseurin Renate Adam, viele menschliche und zwischenmenschliche Einzelheiten sicht- und spürbar zu machen, die für das Verstehen aller Vorgänge dieser Begegnung zwischen Menschen, und ein wenig auch zwischen Kulturen, wesentlich sind. Marianne Tschirren, Barbara Seidel, Cornelia Grünig, Dara Khalil sind Schauspieler, die unverfälscht und lebensnah mit Dialogen, Mimik, Bewegungen und der differenzierten Art ihres Zusammenspiels der Inszenierung die beabsichtigte engagierte Wirkung vermitteln. Die Dialoge strahlen Wärme aus, auch dort, wo Abwehr und Widerstreit aufkommt. Das Menschliche und das Lebensvertrauen breiten sich aus, unübersehbar und mit intensiver Wirkung auf die Frauen und Männer im Zuschauerraum. Deren verstehendes Lächeln weitet sich auch hie und da zum verblüfften, belustigten Lachen aus. Ganz am Schluss erwacht vielleicht etwas nachdenklich da und dort die Vermutung, dass so viel echte Menschlichkeit auf diesem Gebiet doch auch eher Wunsch als Wirklichkeit sein könnte.

Vorstellungen bis 27. September 2020
Alle Bilder: Rolf Veraguth
Theater Matte

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