FrontKulturIn dieser Kunst steckt Lebensgefahr

In dieser Kunst steckt Lebensgefahr

Das Museum Tinguely zeigt die erste Einzelausstellung der Berliner Konzeptkünstlerin Katja Aufleger in der Schweiz

Während das Kulturleben fast brach liegt und viele Menschen sich nur ungern aus ihrer Wohnung trauen, eröffnet das Tinguely-Museum in Basel eine Ausstellung, in der viel Explosivkraft steckt. Katja Aufleger (*1983) präsentiert fragil-heikle Skulpturen, Installationen mit gefährlichen Stoffen und Videoarbeiten rund um das Thema Vergänglichkeit.

Ein Licht nach dem andern explodiert, weil Schüsse drauf treffen : LOVE AFFAIR, 2017 (Filmstill), Video, Farbe, Ton, 22 Min. © Courtesy of the artist

Mit der Ausstellung GONE (deutsch: Gegangen) treten die Werke der norddeutschen Künstlerin in einen Dialog mit den Arbeiten von Jean Tinguely. In der grossen Halle hängt neben der riesigen begehbaren Méta-Maxi-Maxi-Utopia-Maschine ein Kugelstoss-Pendel – die Miniform mit fünf Metallkugeln demonstriert kinetische Energie und vertreibt Bürolangeweile – mit drei transparenten Glaskugeln an Stahlseilen von der Decke. Aber nicht berühren! Das Glas ist dünn, und die Flüssigkeiten drin sind hochexplosiv: NEWTON’S CRADLE (2013/2020) enthält die Bestandteile von Nitroglycerin. Aus der Spannung, die solch potentielle Gefahr evoziert, hinterfragt die Künstlerin Machtstrukturen.

Detail aus der Serie BANG!, 2013–2016  © Courtesy of the artist; Galerie STAMPA, Basel; Galerie Conradi, Hamburg. Foto: Michael Pfisterer, 2020

Die Ausstellung mit mehreren Werken befindet sich in direkter Nachbarschaft zum Mengele-Totentanz (1986) von Jean Tinguely. Dieses späte Werk thematisiert Tod und Vernichtung offenkundig, während man bei GONE das Ende allen Lebens nicht direkt anschauen kann, ihre Konzepte fordern Denkarbeit bei den Betrachtenden. Im Raum stehen Flaschenobjekte mit mehreren Kammern und amorphen Formen, produziert vom Glasbläser auf Museumssockeln. Sie enthalten verschiedenfarbige, klar unterscheidbare Flüssigkeiten und sind mit Gummistöpseln verschlossen. Dennoch unterscheiden sich die Objekte von «gewöhnlichen» Skulpturen durch die ihnen innewohnenden Möglichkeiten: BANG! nach dem Explosionswort in einem Comic nennt Aufleger die Installation, also wiederum ein Hinweis auf Sprengungen. Aber alles bleibt ruhig, nur die Spannung ist real, denn würden die Flüssigkeiten in Kontakt miteinander kommen, also würde ein Objekt vom Sockel gestossen, könnte die Mischung explodieren. «Gut, dass du keine Angst hast», sagte die Künstlerin zu Kuratorin Lisa Grenzebach beim Anheben einer 30 Kilogramm schweren Glasskulptur, die sie gemeinsam auf einen 1,55 Meter hohen Sockel setzten.

Diese mundgeblasenen Flaschen sind mit explosiven Substanzen gefüllt: BANG, 2013 bis 2016. © Courtesy of the artist. Installationsansicht. Foto Gina Folly

Die Destruktion bleibt hier im Bereich des Möglichen, in der Videoarbeit LOVE AFFAIR von 2017 dagegen springen Gläser, werden Glaslampen zerschossen, bis das Licht ausgeht: Jeweils eine Lampe beginnt aus der Dunkelheit heraus zu leuchten, wird unvermittelt getroffen und zerbricht. Wann das geschieht, ist nicht abzusehen, denn es gibt keine Regel, man rechnet mit der Zerstörung, aber weiss nicht, wann der erste Schuss trifft.

Zerstören ist auch Verändern, das interessiert die Künstlerin bei ihren Arbeiten. Sie nimmt Material aus dem Alltag und bringt sie in neue Zusammenhänge, baut einen Farbkreis aus Putzmitteln in transparenten Plastikflaschen mit dem Titel AND HE TIPPED GALLONS OF BLACK IN MY FAVORITE BLUE, 2014: Da stehen die Flaschen als ästhetisch ansprechende Installation, statt fürs Putzen eingesetzt zu werden.

Installationsansicht des Farbkreises aus Putzmitteln  ​​​​​​​© Courtesy of the artist; Galerie STAMPA, Basel; Galerie Conradi, Hamburg; Foto: Katja Aufleger

Oder sie zeigt in der Videoarbeit WHAT GOES AROUND COMES AROUND von 2014 in einem 7-Minuten-Loop eine gelbe Kugel, die von rechts unten nach links in einer Art endzeitlicher Wüstenlandschaft endlos aufwärts rollt und dabei ein blechernes Geräusch erzeugt. Die Arbeit des Sisyphus ohne den Handelnden. So gibt sie dem Bekannten oder auch dem Banalen mit der Umnutzung eine unerwartete Dimension, die zum Nachdenken anregt, oder eher auffordert. Konstant ist in den Arbeiten die Abwesenheit von Menschlichem – es sei denn, man sucht es hinter den Auslösern der Bewegung. Auflegers Werktitel orientieren sich an jenen von Marcel Duchamps, sind also Teil der Arbeit, jedenfalls Hinweisgeber, was sie mit der Installation aussagen will.

Installationsansicht vor dem «Klamauk» von Jean Tinguely, 1979 . NEWTON’S CRADLE besteht aus Glas, Stahl, Schwefelsäure, Salpetersäure, Glyzerin, Gummi © Courtesy of the artist. Foto: Gina Folly

Das multimediale und konzeptuelle Werk der zeitgenössischen Künstlerin, die sich vor allem mit der Spannung vor einem vielleicht eintreffenden Wandel oder einer Zerstörung mit Blick auf die Gesellschaft auseinandersetzt, ist im Tinguely-Museum auf verschiedene Räume verteilt. Einige Werke sind so auf dem Hintergrund der ständigen Präsentation von Tinguelys kinetischen Arbeiten, die ja auch die Veränderung als Konstante darstellen, zu betrachten.

Auflegers Arbeit ist jedoch nicht nur die Zerstörung, oder der Moment der Spannung kurz davor, es geht auch um die Wiederholung, um Bewegungen ohne Anfang oder Ende. All das fordert viel Gedankenarbeit der Ausstellungsbesucher, denn Aufleger will in der menschlichen Abwesenheit existentielle Fragen und Gesellschaftskritik angehen. Das geht auch mit Humor, beispielsweise in dem Video THE GLOW von 2019: Aus Lernfilmchen für Angler zusammengeschnitten sind bunte Plastikköder zu sehen, die durch das blau schimmernde Wasser eines Schwimmbeckens gezogen werden. Die Unterwasseraufnahmen werden von einem klickenden Geräusch begleitet, dessen Zusammenhang mit dem Optischen sich nicht eröffnet. Trotz der niedlichen Objekte könnte hier Unheilvolles geschehen.

THE GLOW, 2019 (Filmstill), Video, Farbe, Ton, 8 Min. 12 Sek. © Courtesy of the artist; Galerie STAMPA, Basel; Galerie Conradi, Hamburg

Gleichzeitig mit der Museumsausstellung zeigt ihr Basler Galerist Stampa eine Präsentation mit dem Titel Because it’s you. Katja Aufleger lebt in Berlin und war in diesem Jahr bei der Gruppenausstellung Studio Berlin im Berghain beteiligt, einem Techno-Club, der wegen des Lockdowns zu einem Ausstellungsraum umfunktioniert worden ist.

Titelbild: Katja Aufleger: NEWTON’S CRADLE 2013 (Videostill)

Bis 14. März 2021
Weitere Informationen für den Besuch finden Sie auf der Website des Museums.
Zur Ausstellung erscheint im Berliner Distanz Verlag ein zweisprachiger Katalog in deutsch und englisch, der zugleich eine wissenschaftliche Publikation samt Werkverzeichnis über das bisherige Schaffen Katja Auflegers darstellt. ISBN 978-3-907228-08-1.

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