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Die zweite Schöpfung

Ersetzen Maschinen den Menschen? Werden wir dank der Biotechnologie unsterblich? Sitzt Gott heute am Computer? Eine lustvoll-spielerische Ausstellung im Museum für Kommunikation Bern regt zum intensiven Nachdenken an.

Die erste Schöpfung geht – je nach Glauben oder Weltanschauung – auf den Urknall, ein gigantisches Blitzgewitter oder auf Gott zurück. Wenn man die Fortschritte von Biotechnologie, künstlicher Intelligenz und Digitalisierung bedenkt, könnte man zur Auffassung gelangen, wir steckten mitten in der zweiten Schöpfung: Die Welt, Flora, Fauna, der Mensch werden mit Hightech-Hilfe optimiert.

Was früher unmöglich erschient, ist heute bereits Realität. Dank Genmanipulation züchten Agrokonzerne gegen Krankheiten und Schädlinge resistente Pflanzen. An einem Schaf wurde eine Schwangerschaft in einer künstlichen Gebärmutter erfolgreich getestet. Super-Computer berechnen Flugbahnen, die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben oder den Klimawandel in einem Tempo, das die menschliche Hirnleistung überfordert.

Künstliche Gebärmutter ausserhalb des Körpers: Sieht so die Zukunft der Fortpflanzung aus? Foto: digitalemassarbeit

Walt Disney hoffte auf ein ewiges Leben und liess sich schon vor Jahren tieffrieren. Wird es bald möglich sein, das Filmgenie aufzuwecken und ihm neues Leben einzuhauchen? Zeugen wir in einigen Jahren Kinder, die immun sind gegen das Corona- oder das HIV-Virus? Werden wir inskünftig dank künstlicher Intelligenz von Robotern regiert, die uns Entscheidungen abnehmen, da wir komplexe Fragestellungen selber nicht mehr überblicken? Letzteres wäre nicht neu: Bereits 2018 kandidierte in einem Vorort von Tokio, in Tama City, eine Roboterfrau für das Bürgermeisteramt.

Segen oder Fluch?

Zahlreiche, nie dagewesenen Möglichkeiten der menschlichen Selbstoptimierung und Neuerfindungen präsentiert derzeit das Museum für Kommunikation in Bern. Die entsprechenden dynamischen Technologien treffen auf eine Gesellschaft, die in grossen Teilen nur bruchstückhaft über die modernen Werkzeuge informiert ist. Die Ausstellungsmachern haben sich zum Ziel gesetzt, die Besucherinnen und Besucher zu informieren und sie aufzufordern, sich mit den Möglichkeiten der Zukunft auseinanderzusetzen. Ob die Innovationen Segen oder Fluch bedeuten, will die Ausstellung nicht werten. Das Urteil überlässt sie den Besuchenden.

Ungewöhnlich ist das Vermittlungsformat: Gewählt wurde eine Mischung aus klassischer Exposition und Theater. Die digitale Projektassistentin Andrea liefert Informationen, während Schauspielende futuristische Szenen präsentieren, die zum Schmunzeln anregen. Ist das Gezeigte Utopie oder bereits Wirklichkeit? Ein armamputierter Mann spielt perfekt Schlagzeug, eine Roboterhand mit unglaublicher Feinmotorik beweist, dass gerade in der Medizin die technische Optimierung menschlicher Fähigkeiten bereits begonnen hat. Der Leichtathlet Oscar Pistorius lässt grüssen.

Pneumatische Roboterhand: Wer bestimmt, wie weit die Optimierung des menschlichen Körpers gehen darf? Foto: digitalemassarbeit

Selbstverständlich liefert die Schau auch für Seniorinnen und Senioren Denkanstösse: Wird es in Zukunft möglich sein, unser Sehvermögen dank künstlicher Intelligenz zu maximieren oder die menschliche Lesegeschwindigkeit von 200 auf 1000 Wörter pro Minute zu steigern? Gelingt es, dank Gentechnologie und Pharma, den Alterungsprozess zu verlangsamen und das Sterben hinauszuzögern? Ob wir das wollen, muss jeder und jede für sich selbst entscheiden. Die Ausstellung liefert lediglich Informationen zu den technischen Möglichkeiten der Gegenwart und Zukunft.

Japanisches Kampagnenplakat der ersten künstlichen Bürgermeisterkandiatin, 2018, in Tama City. Foto Peter Schibli

Auf dem Rundgang durch die Ausstellung wird man von vier wissenschaftlichen Erkenntnissen begleitet: «Die Erde ist nicht der Mittelpunkt unseres Sonnensystems» (Kopernikus). «Wir stammen vom Affen ab» (Darwin). «Unser freier Wille ist eine Illusion und wird gesteuert vom Unbewussten» (Freud). Die vierte Erkenntnis ist die Schlimmste: «Die Maschine wird in Zukunft perfekter sein als der Mensch.»

Gemäss einer Prognose werden im Jahr 2045 Computer mehr wissen als Menschen und aufgrund der Selbstlerntechnik auch vollkommen ohne menschliche Befehle handeln können. Von einem sprechenden Würfel in die Realität zurückgeholt, provoziert am Ausgang der Ausstellung ein vermeintliches Gesichtserkennungsprogramm mit wirren Angaben kritische Fragen: Wird die künstliche Intelligenz bald zu einer Bedrohung, die uns überflügelt und dominiert? Helfen uns die neuen Technologien, die grossen Probleme der Menschheit zu lösen, da sie nicht auf Machtstreben, sondern auf nüchternen Analysen beruhen? Entscheidend dabei ist, wer die neuen Technologien schafft und beherrscht. So könnte das Fazit des Ausstellungsbesuchs lauten: «Es wird nicht alles besser, vieles aber ist schon heute super.»

Titelbild: Mensch oder Roboter? Schauspielende aus Fleisch und Blut führen durch die Ausstellung. Foto: Peter Schibli


Sofern es die Pandemie erlaubt dauert die SUPER-Ausstellung im Berner Museum für Kommunikation bis 11. Juli 2021. Online gibt es einen 360-Grad-Rundgang durch die Ausstellung: www.mfk.ch

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