StartseiteMagazinWissenHochwasserschutz am Thunersee

Hochwasserschutz am Thunersee

Die Kander ist der grösste Wildbach der Schweiz. Der Kanderdurchstich war eine geniale Pionierleistung, die zahlreiche Nachahmer fand und die Entwicklung des Hochwasserschutzes bis heute geprägt hat. Auf einer Exkursion der Seniorenuni Bern gab der Hydrologe Prof. Rolf Weingartner Auskunft.

Mehrere Eiszeiten haben die Landschaft des Berner Oberlands mit ihren Seen, Tälern und Bergen geformt. Als Folge der letzten Eiszeit entstand vor rund 20 000 Jahren zwischen Gwatt und Einigen der Strättlighügel, eine Moräne. Der Hügelzug lenkte den Fluss der Kander bei Wimmis nach Norden ab. Mäanderartig floss der Wildbach im Spätmittelalter über die heutige Thuner Allmend und mündete bei Thierachern, Uetendorf und Uttigen in die wilde Aare. Bei hohem Wasserstand gelangte das Wasser bei Dürrenast auch zurück in den See.

Die wiederkehrenden Überschwemmungen, der Rückstau in Richtung Thun und das Geschiebe stellten die Bevölkerung zu Beginn der Neuzeit auf eine harte Probe: Die Allmend versumpfte, Gebäude stürzten ein, und Malaria sowie andere Krankheiten breiteten sich aus. Ende des 17. Jahrhunderts wandten sich mehrere Gemeinden an den Rat von Bern und baten um Abhilfe. Die Regierung setzte ab 1698 mehrere Kommissionen sowie ein Kanderdirektorium ein.

Verlauf der Flussläufe vor der Korrektion (links) und nach der Korrektion (rechts). Grafik aus dem GRP-Kanderbericht 2005.

Im Jahr 1710 präsentierte der Berner Geometer und Ingenieur Samuel Bodmer (1652-1724), der in Amsoldingen eine Mühle betrieb, einen Plan. Er schlug vor, die Kander direkt durch den Strättlighügel in den Thunersee zu leiten. Hierzu sollte die Moräne durchstochen werden. Als Folge dieser Massnahme sagte Bodmer jährliche Hochwasser an den Ufern des Thunersees voraus und empfahl zusätzliche Hochwasserschutzmassnahmen in der Stadt Thun. Bodmer dachte systemisch, seine Empfehlungen wurden aber nicht umgesetzt.

Die «Gnädigen Herren von Bern» bewilligten den Kanderdurchstich, weil sie das Matte-Quartier vor Überschwemmungen bewahren wollten. Auf Hochwasserschutzmassnahmen in Thun verzichteten sie jedoch. Anfang April 1711 begannen rund 300 Arbeiterinnen und Arbeiter, darunter auch Kinder, im offenen Tagbau damit, die Strättligmoräne terrassenförmig abzutragen und einen Einschnitt freizulegen.

Samuel Bodmers «Plan und Grundriss von dem so genannten Cander Wasser» zeigt das  Kanderbett vor 1711 mit Umgebung. Zu sehen sind auch das Profil des geplanten Bergdurchstichs (oben links) und die Ansicht Bälliz (unten links). Noch fliesst die Kander hinter dem Strättgliegenhügel Richtung Uttigen und mündet auf Höhe der Sulz unterhalb von Thun (unten rechts) in die Aare. Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern. AA V Kander-Simme 1.

Doch der Berner Regierung gingen die Arbeiten nicht schnell genug. Im Frühling 1713 erteilte sie dem gelernten Steinmetz und Baufachmann Samuel Jenner (1705-1779) den Auftrag, den Durchstich durch einen Stollen zu ersetzen. Nach der Fertigstellung des rund 300 Meter langen Tunnels wurde die Kander trotz Warnungen nach und nach durch den Stollen geleitet. Am 16. Juli 1714 brach der Tunnel unter der Gewalt der Wassermassen ein und riss fünf Menschen in den Tod.

Professor Weingartner referiert auf dem Strätlighügel. Hinter ihm das Kanderdelta. Foto PS.

Zwischen Genialität und Dilettantismus

Nach Aussage des emeritierten Berner Hydrologen Prof. Rolf Weingartner war die Idee, die Kander durch die Moräne umzuleiten, eine «geniale Pioniertat». Der Verzicht auf zusätzliche Hochwasserschutzmassnahmen in Thun war dagegen dilettantisch. Nach dem Einsturz des Stollens zeigte der Wildbach nämlich seine volle Kraft: Wegen des Gefälles (23 Prozent auf einer Strecke von 230 Metern) grub das Wasser eine Schlucht in den Strättlighügel und ergoss sich mit viel Geschiebe zwischen Gwatt und Einigen in den Thunersee. Dies führte noch im selben Jahr in Thun zu schweren Überschwemmungen.

Hochwassermarke in Thun aus dem Jahr 1721.

Nach Berechnungen von Prof. Weingartner gelangte dadurch auf einen Schlag die doppelte Wassermenge in den Thunersee. Für das bisherige Einzugsgebiet (Grimsel, Hasliberg, Grindelwald, Wengen und Mürren) errechnete er eine Gesamtfläche von 1150 Quadratkilometern. Mit der Kander, der Engstligen und dem Simmental kamen weitere 1000 Quadratkilometer hinzu. Ein Wildbach definiert sich laut Weingartner durch das Ausmass der potenziellen Niederschläge, die Geschiebemenge und die Steilheit des Flusslaufs. Die Kander ist seiner Aussage nach «der grösste Wildbach der Schweiz», die Gegend um den Thunersee für grosse Hochwasser prädestiniert.

Thuner in Not

Zwischen 1716 und 1720 wurde die Stadt Thun mehrfach überschwemmt. Der Geometer Samuel Bodmer bekam nun den Unmut der Thuner direkt zu spüren. Er wurde 1717 aus der Stadt vertrieben, musste sein Gut in Amsoldingen verlassen und nach Burgdorf-Oberburg umsiedeln. Immerhin hatte Bern aus den anfänglichen Fehlern gelernt und leitete Korrekturen ein.

«Plan des neuen Canals von der Kander und dessen alten Laufs samt der Gegend bey Thun im Grund gelegt durch Johann Adam Rüdiger. 1716.» Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern. AA V Kander-Simme 2.

Mit kantonaler Unterstützung erhielt die Stadt zwischen 1720 und 1726 wirksame Hochwasserschutzmassnahmen. Es wurden Aareschleusen gebaut und ein zusätzlicher Flussarm angelegt. Zudem wurden der Aarelauf zwischen Thun und Münsingen begradigt und die Ufer befestigt.

Im Gebiet der von Austrocknung bedrohten Thuner Allmend wurde anstelle der Kander der Glütschbach reaktiviert, der fortan die Bauern mit Wasser versorgte. Ab 1818 entstand im ehemaligen Sumpfgebiet der Waffenplatz Thun mit Kasernen und Übungsplätzen, der noch heute von der Artillerie genutzt wird.

Der Waffenplatz Thun, ca. 1840.

Der Thunersee als Auffangbecken

Die Massnahmen zeigten Wirkung: Zwischen 1880 und 1999 kam es zu keinen grösseren Überschwemmungen. Nach Angaben von Prof. Weingartner nutzte man während dieser «Katastrophenlücke» die gesammelten Erfahrungen und wappnete sich für weitere Risiken. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde ein 1,5 Kilometer langer Hochwasserstollen gebaut, der heute Wasser aus dem Thunersee unter der Stadt hindurchleitet.

Durch diesen leistungsfähigen Tunnel kann der Seespiegel zwei bis drei Tage vor Unwettern abgesenkt werden. Während eines Hochwassers lässt sich der See so als Auffangbecken nutzen. Das System hat sich bei Unwettern in den Jahren 2005, 2014 und 2021 bewährt. Der See hat ein Speichervolumen von 24 Millionen Kubikmetern. Zwischen dem Normalpegel und der Schadensgrenze liegen 50 Zentimeter.

Kander und Delta vom Niesen aus fotografiert, ca. 1920. Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern FN Wenger G 347.

Bodmers geniale Idee, den Wildbach in den See umzuleiten und diesen als Retentionsbecken zu nutzen, wurde in den vergangenen 200 Jahren mehrfach kopiert: bei der Linthkorrektion (1807, Hans Conrad Escher), der Juragewässerkorrektion (1868, Richard La Nicca), der Umleitung der Grossen Melchaa in den Sarnersee (1880, Hans Conrad Escher), bei der Flusskorrektion der Esch am italienischen Gardasee (1939–1959) und beim Entlastungsstollen bei Langnau am Albis, mit welchem Hochwasserspitzen aus dem Sihlsee in den Zürichsee bei Thalwil umgeleitet werden (2025). Der Kanderdurchstich legte damit die Grundlage für einen modernen Hochwasserschutz in der Schweiz.

Last but not least dürfen auch die «Learnings» am Oberlauf der Kander erwähnt werden. Anlässlich des Baus der Spiez-Frutigen-Bahn wurde ab 1899 der Wildbach im Kandertal korrigiert. Zwischen 1897 und 1899 wurde das Kraftwerk Spiez gebaut, zu dem das Kanderwasser durch einen Druckstollen geleitet wird. Ab 1913 betrieb die Firma Kanderkies AG im Delta Kiesabbau. Heute befinden sich im Delta ein Hotelresort und das 1974 angelegte Seebiotop «Unterer Kandergrien».

In den vergangenen Jahren wurden schliesslich auch in Kandersteg, Kandergrund, Frutigen und Reichenbach sowie im Engstligental Hochwasserschutzmassnahmen am Oberlauf vorangetrieben. So wurden die Bäche und Flussläufe im Frutigland mit kantonaler Finanzhilfe nachhaltig gesichert. Zudem wurden Rückhaltebecken und Dämme zur Aufnahme des Geschiebes gebaut.

Die Kanderschlucht kurz bevor der Wildbach in den Thunersee mündet. Foto PS

Forderung nach zusätzlichen Speicherräumen

Nach Einschätzung von Prof. Weingartner ist infolge des Klimawandels aus zwei Gründen auch in Zukunft mit neuen, intensiven Hochwasserphasen zu rechnen: Die zunehmende Luftfeuchtigkeit führt nach seiner Einschätzung zu mehr Niederschlägen. Auch die Schneeschmelze und der anhaltende Gletscherschwund trügen wesentlich zur Hochwassergefahr bei, versicherte er.

Das Kanderdelta bei Einigen nach einem Unwetter IM Jahr 2005. Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / AIC_02-0W-059916-012

Nichtsdestotrotz: «Seit 2005 haben wir gelernt, das Undenkbare zu denken», sagte Weingartner am Schluss der Exkursion und forderte: «Wir brauchen zusätzliche Speicherräume. Warum also nicht die Stauseen in den Alpen, die zur Energieerzeugung durch Wasserkraft gebaut wurden, auch als Rückhalte- und Ausgleichsbecken nutzen?»

Insgesamt ist der emeritierte Professor der Meinung, dass die Schweiz dank ganzheitlichen Denkens gut auf neue Hochwasser vorbereitet ist. Aber ein Restrisiko bleibt immer.

Weiterführende Literatur: Kander, Der prägende Einfluss auf die Region Thun, Thomas Bögli, Weber Verlag, 2018, ISBN 978-3-03818-184-2

Titelbild: Wirksame Hochwasserschutzmassnahme: Prof. Weingartner erklärt die Aareschleusen in Thun, die zwei bis drei Tage vor erwarteten Grossniederschlägen geöffnet werden. Foto PS.

Dieser Beitrag ist auch in der Zeitung «Frutigländer» erschienen.

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