Das Leben und Vermächtnis der hundertjährigen Friedensaktivistin Edith Ballantyne erinnert daran, dass Frieden möglich ist, wenn wir ihn gemeinsam schaffen. Der Schweizer Filmemacher Fabian Chiquet hat dies am Kriegsgeschehen und den Friedensbemühungen dieses Jahrhunderts im Dokumentarfilm «Imagine Peace» durchgespielt: erschütternd, traurig, hoffend, aufklärend, grossartig und die Welt umspannend. Ab 22. Oktober im Kino.
In «Imagine Peace» ruft Edith ein letztes Mal zum Widerstand gegen Krieg, Ungleichheit und Intoleranz auf. Sie analysiert aktuelle Konflikte, tritt mit Aktivistinnen wie Shirine Jurdi, Nina Potarska und Madeleine Rees in Dialog und erzählt von einem Leben des Kampfes und der Hoffnung. Ihr Vermächtnis: «Frieden ist möglich, wenn wir ihn gemeinsam gestalten.»
Die Crew
Fabian Chiquet ist der Drehbuchautor, Regisseur und Cutter von «Imagine Peace». Sein ersten Dokumentarfilm war «Die Pazifistin» über die Friedensaktivistin Gertrud Woker. Nathalie Kamber führte die Kamera, Kilian Vilim und Etienne Mory schufen die Animationen, Gisela Weibel war die Cutterin, Viktor Moser zuständig für Musik und Sound Designe und Nicolas Büttiker das Setton.
Die Figur des Erinnerns
Die Protagonistinnen
Edith Ballantyne (1922 ‒ 2025) blickt auf ein Leben im Dienst des Friedens zurück und will ihre Erfahrungen weitergeben, bevor ihre Stimme verstummt. Durch ihre Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, ihr Engagement für nukleare Abrüstung, ihre konsequente Integration feministischer Perspektiven und ihren Aufbau globaler Netzwerke inspiriert sie die Menschen bis heute weltweit. «Women’s International League for Peace and Freedom» (WILPF) gab ihr die Perspektive und später ihre Berufung. In «Imagine Peace» ruft sie ein letztes Mal zum Widerstand gegen Krieg, Ungleichheit und Intoleranz auf. Sie analysiert aktuelle Konflikte, tritt mit andern Aktivistinnen ins Gespräch und erzählt von einem Leben des Kampfes und der Hoffnung: «Frieden hat immer eine Chance. Und wir haben die Mittel, ihn zu gestalten.»
Shirine Jurdi ist libanesische Friedensaktivistin und Vorstandsmitglied von WILPF Libanon. Aufgewachsen im Libanesischen Bürgerkrieg, erlebte sie Flucht, Trauma und politische Instabilität. Heute setzt sie sich für Abrüstung, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe ein. In einem Community Center nahe Beirut organisiert sie Bildungs- und Unterstützungsprogramme für benachteiligte Menschen und Geflüchtete. Sie verbindet lokale Basisarbeit mit internationaler Friedenspolitik: «Frieden beginnt dort, wo lokale Stimmen gehört werden.»
Nina Potarska wuchs als Tochter eines sowjetischen Marineoffiziers in einem Militärcamp in der Ukraine auf. Später studierte sie Gender Studies und Politikwissenschaft in Kiew und engagierte sich im Euro-Maidan für Demokratie und Gleichberechtigung. Heute ist sie nationale Koordinatorin von WILPF Ukraine. Seit der russischen Invasion lebt sie mit ihren Kindern im Exil in Krakau: «Im Allgemeinen sind Frauen bessere Friedensstifterinnen wegen ihrer Rolle in der Gesellschaft, die immer noch patriarchalisch geprägt ist. Die Rolle der Frau besteht darin, horizontal zu kommunizieren.»
Madeleine Rees ist eine britische Menschenrechtsanwältin und eine prägende Stimme im internationalen Friedens- und Gleichstellungsdiskurs. Als UN-Genderbeauftragte in Bosnien deckte sie in den 1990er-Jahren einen Menschenhandelsskandal auf, der internationale Aufmerksamkeit erregte. Später wurde sie Generalsekretärin von WILPF, die sie zu einer global tätigen NGO weiterentwickelte. Rees setzt sich weltweit für Frauenrechte, Gerechtigkeit und Frieden in Konfliktregionen ein: «Ich glaube an das Recht. Aber ich glaube noch mehr an Gerechtigkeit.»

Regieanmerkungen von Fabian Chiquet
Mit den Trümmern von Mariupol und Gaza vor Augen und der weltweiten Aufrüstung im Blick, wollte ich der Welt Menschen zeigen, die seit je für den Frieden arbeiten, aber in den Verhandlungen fehlen: die «Friedensfrauen».
So begleitete ich Edith Ballantyne, die 100-jährige Ikone dieser Bewegung, während den letzten Jahren ihres Lebens. Die bis zum Schluss beeindruckend klare und den Menschen zugewandte Frau schaute auf ein bewegtes Leben zurück: Als Flüchtling und später Präsidentin der Women’s International League for Peace and Freedom beobachtete sie eine Welt, die aus den Fugen geriet, ohne dabei die Geduld und Hoffnung zu verlieren.
Man nannte sie zurecht das «Rückgrat der Friedensbewegung», weil sie immer die Bewegung und nicht sich selbst in den Vordergrund stellte. Ihr Gespür dafür, mit Andersdenkenden in einen Dialog zu treten, hat mich tief beeindruckt. Eine Brückenbauerin, die für Lösungen von Konflikten immer Diplomatie statt Aufrüstung und militärische Konfrontation suchte.
Frustriert war sie dabei über die gängigen Vorwürfe, sie bei Kriegsausbrüchen als naive Utopistin hinzustellen. Für sie war Friedensarbeit nicht Pazifismus. Es bedeutet stetige Arbeit und Investitionen in Strukturen, die verhindern, dass Kriege überhaupt entstehen: Bekämpfung sozialer Ungerechtigkeit, Bildung, Diplomatie und eine starke UN.
Als die Situation in der Ukraine eskalierte, sagte Edith zu mir: «I’m waiting for that harmless spark to come and flash.» Für mich ist Edith selbst dieser Funke – und als Filmemacher möchte ich ihn mit der Welt teilen. Denn ich bin überzeugt, dass, wenn Menschen wie Edith diese Welt anführen, das Leben für alle besser wird.
Quo vadis Welt? ‒ Nachbemerkung zum Weiterdenken

Ich kenne nur wenige Filme, die wie «Imagine Peace» das Ganze meinen: die Totalität der Kriege und des Friedens. Dazu fordert mich «Imagine Peace» heraus ‒ vielleicht auch Sie. Mit dieser Totalität verwandt ist für mich auch die Totalität der kaum mehr aufzuhaltenden Zerstörung der Natur und die Totalität der systematischen Vernichtung der Humanität. Doch der Film lässt uns allein, den Frieden zu finden, im Plural, nicht im Singular. Nachfolgend meine persönlichen, vielleicht auch fehlerhaften Nachbemerkungen zum Weiterdenken ‒ die auch meine Begeisterung für diesen notwendigen Film bekunden sollen:
- Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann forderte für Deutschland seit Jahren den Austritt aus der NATO und bezeichnet das Bündnis als eine gefährliche Kriegsmaschine.
- 1982 wurde in Solothurn «Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) gegründet, eine politische Bewegung, deren Mitglieder sich besonders in Kreisen der Friedensbewegung fanden.
- Ein Gedanke verfolgt mich: Bevor nur ein Soldat getötet ist, werden weltweit, grob geschätzt, 1 Million Franken zum Militär verschoben und fehlen nun im Sozialen, der Bildung, dem Flüchtlingswesen usw.
- Zu hinterfragen wäre vielleicht auch einmal die Jahrtausende alte Rechnerei, mit welcher Kriege geführt werden: Wir erschiessen z. B. 2000 Gegner, die Gegner 3000 von uns, also haben die Gegner gewonnen.
- Ich vermute weiter, meine Beobachtung stimmt, dass die drei grossen Buch-Religionen, also die Juden, die Christen und die Muslime, nur wenig bis nichts für den Weltfrieden getan haben.
- Schon der Titel des Buches, das ich gerade lese, «Über den Ungehorsam» von Erich Fromm, und mehr noch dessen Inhalt provoziert interessante Auseinandersetzungen, wenn es um Krieg und Frieden geht.
- Z. B. Der Mensch schafft sich Symbole, Werte und auch Götzen: Jeder Angriff auf einen Götzen wird als Angriff auf die vitalen Interessen empfunden, muss also bekämpft werden.
- Der bei Fromm zitierte Konrad Lorenz hatte festgestellt, wenn die Menschen nur über die Aggressivität und Destruktivität der Affen oder Schimpansen verfügten, hätten wir eine recht friedliche Welt.
- Das anregende Buch schliesst mit dem Satz: «Es ist schwer, mit dem Paradoxon der Hoffnung zu leben, aber das ist meiner Meinung nach für uns alle die einzige Möglichkeit.»
Titelbild: Edith Ballanatynew
Regie: Fabian Chiquet, Produktion: 2025, Länge: 95 min, Verleih: Royal Film
