StartseiteMagazinGesellschaftWie überleben in den Ruinen des Kapitalismus?

Wie überleben in den Ruinen des Kapitalismus?

Der japanische Philosoph Kohei Saito gibt mit seinem neuen Bestseller «Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus» zu denken. Ist der Kapitalismus gescheitert? Ist der Traum von einem immer besseren Leben vorbei? Geht es nur noch ums Überleben, nicht mehr um ein gutes, schönes Leben?

Dem Versprechen von Elon Musk, dass «jeder alles wird haben können, was er will. (…) Es wird bald keinen Mangel mehr geben», hält Saito entgegen, dass uns eine Zukunft bevorsteht, «in der Superreiche nur begrenzt vorkommende Ressourcen monopolisieren». Der Klimakollaps sei das Ende von Fortschritt und Wohlstand. Wir seien im 21. Jahrhundert «auf dem Weg zum Klimafaschismus» oder in die Barbarei. Uns erwarte im Zeitalter des Klimakollapses eine permanente Mangelwirtschaft. Durch die durch den Klimawandel ausgelösten Polykrisen würden «auch die materiellen Grundlagen der liberalen Demokratie zerstört und das, was bisher als Norm und Recht galt, dysfunktional gemacht.» Soweit ein Blick in die düsteren Vorahnungen von Saito.

Screenshot von bs aus Forbes Breaking News vom 29. September 2026 auf YouTube. Elon Musk erwartet von KI ein Zeitalter des Überflusses mit bedingungslosem Grundeinkommen und einem universellen hohen Einkommen…

Nach Kapiteln wie «Mit dem Technokapitalismus kommt der Faschismus» oder «Führt die Planwirtschaft in den Absolutismus» und nach einer Kritik an Hayeks Verteidigung des Marktes gelangt Saito zu einer Hoffnung, die er «Dunkler Sozialismus» nennt, dunkel, weil dieser Sozialismus nicht zu einem «Paradies auf Erden» führen wird, sondern wo es nur darum gehe, in den Trümmern des Kapitalismus zu überleben.

Mit den im 10. Kapitel erläuterten fünf Säulen des Dunklen Sozialismus wollen wir uns näher befassen.

Säule eins: Bedarfsorientierte Wirtschaft

Statt eine Wirtschaft mit unbegrenzter Profitmaximierung soll eine bedarfsorientierte Ökonomie geschaffen werden. Alles was der «Deckung universeller, grundlegender Bedürfnisse dient, soll produziert werden, auf umweltschädliche Luxusgüter soll verzichtet werden. Im Zentrum liegt eine generationsübergreifende Befriedigung der materiellen, sozialen, medizinischen, politischen, kulturellen Grundbedürfnisse.

Dazu braucht es eine Planung der Wirtschaftstätigkeit. Aber wer plant, wer entscheidet? Wie werden lokale Bedürfnisse befriedigt unter Berücksichtigung der Bedürfnisse anderer und zukünftiger Menschen? Wie können unverbesserliche Anhänger des Profitkapitalismus eines Besseren belehrt werden? Saito weist auf Ansätze konkreter, lokaler Grundversorgungsmodelle hin, aber da ist noch viel zu tun.

Müllhalde

Säule zwei: Vergesellschaftung/ Demokratisierung der Investitionen

Kapitalisten sollen mit ihrem Geld nicht mehr tun können, was sie wollen. Sie sollen daran gehindert werden, Menschen auszubeuten und die Natur wegen egomanen Profitinteressen zu zerstören. Einer zentralisierten Planwirtschaft erteilt Saito im Blick auf das Scheitern der Planwirtschaft in der ehemaligen Sowjetunion allerdings eine Absage. «Im Zuge der Vergesellschaftung sollten nicht der Staat, sondern die Arbeiter selbst die Entscheidungsgewalt über Produktion und Investitionen aktiv ausüben.»

Aber wie soll dieser Wandel von kapitalistischer Marktwirtschaft zu einer demokratischen Planung einer bedarfsorientierten, umweltschonenden Wirtschaft vollzogen werden? Wird die Mehrheit wegen zunehmenden Klimakatastrophen, bevor es zu spät ist, umdenken? Wer hat den Überblick darüber, was wo für wen produziert wird?

Seit langem kein Regen

Säule drei: Mehrdimensionalität der Preise

Nach Saito greift der Preismechanismus des Marktes zu kurz. Im Preis seien Kriterien wie «Umwelt, Ethik oder Glück» zu berücksichtigen. Der Neoliberalismus habe die Wirtschaft entpolitisiert. Die Frage eines möglichst glücklichen Lebens sei «eine hochgradig politische und ethische, bei der verschiedenste Wertvorstellungen aufeinanderprallen.»

Aber wo sind die Gesprächs- und Entscheidungsräume, um Fragen des guten Lebens zu diskutieren. Wie werden Entscheidungen gefällt und innert nützlicher Frist umgesetzt?

Säule 4: Nutzung von implizitem Wissen

Aufgrund der Profitmaximierung wird in einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft Wissen und Know How Konkurrenten vorenthalten. Demgegenüber sei beim solidarischen Wirtschaften alles Wissen frei verfügbar und ist auch über digitale Plattformen allen zugänglich.

Überschwemmung

Säule 5: Einbeziehung ökologischer Grenzen in die Wirtschaft

Nach Saito gibt es jetzt schon viele Daten, welche die Umweltbelastungen,  Ressourcenbestände, das Artensterben usw. beim Wirtschaften abbilden. Solche Daten müssten für ein ökologisches Wirtschaften genutzt werden.

Wie können Daten für gemeinsames, bedarfsorientiertes Wirtschaften auf allen Ebenen genutzt werden?

«Radikale Hoffnung statt Resignation»

«Um das Potential eines Dunklen Sozialismus zu erkennen», so Saito, «müssen wir uns von den Träumen des Modernismus und den damit verbundenen Lebensstilen und Wertvorstellungen verabschieden. Es gibt keinen Grund, weiterhin an den Idealen des 20. Jahrhunderts festzuhalten: an Wirtschaftswachstum, Konsumismus und Individualismus. Jetzt sei die Zeit, eine andere» Art der Freiheit zu erfinden», selbst wenn es vielen als vermessen erscheine und man dafür belächelt werde.

Nachwort

Im Nachwort warnt Saito vor den Gefahren des Techno- und des Klimafaschismus. Eine Kontrolle der «Tech-Eliten» über den digitalen Raum könne zu einem Technofaschismus führen. Des Weiteren führe eine imperiale Lebensweise, die auf der Ausbeutung anderer basiere, zu einem unerbittlichen Kampf um Land und Ressourcen und zu einem Klimafaschismus.

In seinem Buch sei es darum gegangen, Widerstand gegen solch düstere Zukunftsszenarien zu leisten. Der Dunkle Sozialismus sei «die Grundlage für ein Planwirtschaftsprojekt, das es uns ermöglicht, der harten Realität ins Auge zu blicken und den Wandel hin zu einem System zu schaffen, durch das wir überleben können.»

Saito sieht in einer «Diktatur der Ökologie» eine Rebellion der Leidtragenden der Klimakrise von unten hin zu einem Netzwerk, «das auch die Staaten einbezieht und sich global ausbreitet. Sowohl der Klimakollaps als auch der Technofaschismus sind, wie auch das Anthropozän, nämlich Phänomene, die den ganzen Planeten betreffen.»

 

Zur Zeit sehen wir allerdings auf dem Planeten

  • nationale Abschottungen gegen Kriegs-, Armuts- oder Klimaflüchtlinge,
  • eine rasante, teure, ressourcenzerstörende militärische Aufrüstung,
  • eine Zunahme von Autokratien und eine Aushöhlung demokratischer Strukturen,
  • Staatschefs wie Putin und Trump, die sich an der Macht halten müssen, um nicht wegen Kriegsverbrechen oder Korruption im Gefängnis zu landen
  • ein offenes und verstecktes egomanes Wirken von Tech-Milliardären, die in Weltuntergangsszenarien für sich ein Überleben auf Erden oder auf dem Mars «organisieren.»
  • Demonstrationen in Europa gegen schlechte Bildung, gegen Wohnungsnot, gegen Arbeitslosigkeit oder schlechte Arbeitsbedingungen, gegen schlechten Lohn und hohe Lebenskosten. Damit drückt sich vielleicht eine latente Zukunftsangst aus und ein Unmut gegen den Reichtum für wenige und die Armut und Perspektivenlosigkeit für viele aus.

Kohei Saito wirft in seinem Buch Fragen auf, die wir nicht übergehen können. Theoretische Antworten hat er auch, aber realpolitische Umsetzungen seiner fünf Säulen wirken momentan utopisch.  Viele Menschen sind pessimistisch und haben Zukunftsängste, Verarmungsängste, Angst vor Umweltkatastrophen. Andere lassen sich von politischen Trostpflästerchen einlullen oder negieren mit «Lebensgenüssen» pessimistische Zukunftsszenarien. Rechtsextreme Parteien haben Zulauf, wenn sie wie in Sachsen-Anhalt versprechen: «Alles ist möglich».

Kohei Saito (Foto © Bettina Theuerkauf)

Das Buch von Kohei Saito ist «hartes Brot», sehr lesenswert und anregend. Dystopische Schilderungen und pessimistische Zukunftsszenarien können nicht mehr durch schrumpfende Volksparteien schöngeredet werden. Man glaubt ihnen nicht mehr. Eine «green economy» innerhalb kapitalistischer Strukturen wirkt für viele wie eine unwirksame Beruhigungspille. Wie stark müssen Klimakatastrophen und die Kluft zwischen Arm und Reich zunehmen, bis einer Wirtschaftsweise, die auf die Unbewohnbarkeit des Planeten hinarbeitet, eine Absage erteilt wird und ein hoffnungsvoller Weg durch die Ruinen des Kapitalismus beschritten wird?

Kohei Saito, geb. 1987 in Japan ist Associate Professor für Philosophie an der Universität von Tokio. Er promovierte 2016 an der Humbolt Universität zu Berlin und ist Mitherausgeber der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Im Jahr 2020 verlieh ihm die Japanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften den hoch angesehenen JSPS-Preis für die besten jungen Wissenschaftler des Landes. Sein Buch «Systemsturz» wurde ein internationaler Erfolg und verkaufte sich in Japan seit 2019 mehr als eine halbe Million Mal.

Titelbild: Screenshot von bs aus Kulturzeit 3sat vom 10. 6. 2026: Kohei Saito über das Ende des Fortschritts. Die weiteren Fotos sind ebenfalls Screenshots von bs aus dieser Sendung.

Buch: Kohei Saito: Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus. München 2026. ISBN 978-3-423-28534-6

vgl. auch die Besprechung des Buches «Systemsturz» von Kohei Saito auf Seniorweb.

 

 

 

 

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