StartseiteMagazinKulturAugenschein in der Lokremise

Augenschein in der Lokremise

 «Città irreale« eine Stadt ohne Menschen, ohne Grün – vollgestellt mit bizarren Wohneinheiten – die Bezeichnung irreal trifft da wirklich zu. Gleichzeitig fasziniert diese Anhäufung von Behausungen und Gehäusen, alle eigenartig und unbelebt.

Der Einbezug von Ikonen der Zivilisation erzeugt gespannte Erwartung in dieser umfangreichen Ausstellung von riesigen Installationen und raumgreifenden Werken aus den Beständen des Kunstmuseums St. Gallen, die zurzeit in der Kunstzone der Lokremise besucht werden kann.

Alex Hanimann: Conversation Piece, 2018-2019, Erworben vom Kunstmuseum St. Gallen 2019

Gleich beim Eingang steht man vor einem jungen Mann, silberfarbig, aus Aluminiumguss, mit erhobener Faust. Unklar, was er will, bizarr in seiner eingefrorenen Geste. Ein weiteres lebensgrosses Figurenensemble von Alex Hanimann mit typischen Posen junger Menschen befindet sich im Foyer der benachbarten Ostschweizer Fachhochschule.

Ein Blick in die hohe Halle zeigt, die Ausstellung setzt auf Monumente. Für die aktuelle Präsentation hat die amerikanisch-kanadische Künstlerin Jessica Stockhammer eine bereits früher gezeigte Installation adaptiert. Im Industriecharakter der Lokremise scheint die XXL-Skulptur aus Container in ihrer Mächtigkeit perfekt zu passen.

Città irreale, Installationsansicht mit Jessica Stockholders Containern

Die ungewohnte Zelle aus vier Matratzen erregt Neugier. Sie wirkt abweisend und abgeschlossen. Geht man um sie herum, steht man vor einer Kühlschranktüre, die sich öffnen lässt, ja, man kann sogar hineinsteigen in dieses von mattem Licht erhellte Gehäuse. Assoziation an den Rückzug ins „Private und Häusliche“, wie er ja aktuell verordnet ist.

Bob Gramsma: –, OI#0278, 2002. Erworben vom Kunstmuseum St.Gallen und von der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur

Weiter hinein in die Kunstzone zur raumgreifenden Installation von Jessica Stockholder. Ein Environnement aus Objekten der Arbeitswelt umspielt von Alltagsdingen, die Bewohnbarkeit simulieren: Eine Sitzbank, ein Tuch oder Gegenstände vom Baumarkt, farblich effektvoll inszeniert, die das Irreale auflösen.

Jessica Stockholder: Vortex in the Play of Theater with Real Passion, In Memory of Kay Stockholder, 2000/2020. Erworben vom Kunstverein St.Gallen 2000

Eine Gipskonstruktion mit dem Titel Tunnel wird zu einem sich höhlenartig verjüngenden Trichter, der einen Einstieg in den Höhlengang erlaubt. Eine physisch und psychisch einwirkende Urform – ein illusionärer Raum in der irrealen Stadt. Die Installation baut auf einem früheren Objekt auf und erforderte einen enormen physischen Einsatz, ist sie doch 15 Meter lang.

Sara Masüger: Tunnel, 2014/2020. Erworben vom Kunstmuseum St.Gallen 2020

Das Hauptstück der Ausstellung, so ist zu vermuten, ist die rekonstruierte Kabine einer Swissair MD-11, eine Ikone der globalen Mobilität. Der ausgeräumte und begehbare Teil dieses Flugzeug-Reliktes erinnert an den tragischen Unfall 1998 bei Halifax. Die Sitzbänke sind weg, ein einzelner, irreal wirkender Hocker ist übrig geblieben. Gleichzeitig erhält die leere Kabine bei den heutigen Reiseinschränkungen eine geradezu nostalgische Bedeutung. Eingespielt wird eine Audio-Collage mit realistischem Ton bis zum Crash.

Bob Gramsma:  –, OI#0486, 2004, Depositum der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur, 2018

Etwas Besonderes ist der Audiowalk, erstellt in Zusammenarbeit mit dem Schauspiel des Stadttheaters St. Gallen. Man erhält einen Kopfhörer, der einen beim Gang durch die Ausstellung begleitet. Und erlebt ein melodramatisches und auch zur Reflexion anleitendes installationsbezogenes Theaterstück, welches auch die aktuelle pandemische Situation reflektiert.

Stimmen, die direkt hinter einer Skulptur hervorklingen, präsentieren Themen in Echoräumen, eine professionell gestaltete akustische Begleitung. Die irreale Stadt bekommt imaginäre Bewohner. Dieses Theater für das Ohr hat einen besonderen Reiz, weil es Bühne und Kunstraum zusammenbringt. Jede Viertelstunde kann eine Person individuell starten. Um Wartezeiten zu vermeiden, kann man sich im Voraus zu den Öffnungszeiten der Kunstzone in der Lokremise einen Termin buchen.

Zusätzlich ist der Besuch der seit 2013 fest eingerichteten, zwar durchaus veränderbaren Rauminstallation von Christoph Büchel im benachbarten Wasserturm möglich, beklemmend und herausfordernd. Dieses House of Friction oder Pumpwerk Heimat, wie der Künstler seine Arbeit nennt, ist eine nochmals ganz anders interpretierte Wohnzone der irrealen Stadt.

Titelbild: Jessica Stockholder: Container wohnen
Fotos: Justin Koller
Bis 08. August
Informationen für den Besuch gibt es hier: Kunstmuseum St. Gallen / Città irreale

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