FrontKulturEinsam mit 600 000 Followern

Einsam mit 600 000 Followern

Der Spielfilm «Sweat» des Schweden Magnus von Horn mit Magdalene Kolesnik in der Hauptrolle hinterfragt das Leben einer erfolgreichen Influencerin und ihr Umfeld: wichtig, weil das Thema viele Junge beeinflusst. Ab 6. Mai im Kino.

Drei Tage im Leben der polnischen Fitness-Influencerin Sylwia Zajac, deren Präsenz in den sozialen Medien sie berühmt macht. Obwohl sie Hunderttausende von Anhängern hat, von loyalen Mitarbeitern umgeben ist und von Bekannten bewundert wird, ist sie auf der Suche nach echter Intimität. Sylwia ist eine hart arbeitende Selfmade-Frau, die ihren Körper in bestmöglicher Form hält und Tausende inspiriert, es ihr gleichzutun. Als ein Instagram-Post, in dem sie gesteht, sich einsam zu fühlen, aufs Netz gegangen ist, signalisieren Sponsoren ihr Missbehagen. Und nachdem ein Stalker vor ihrer Wohnung aufgetaucht ist, versucht sie, diesen zu ignorieren und sich an ihren vollen Terminkalender zu halten. Doch als sie seine Präsenz nicht mehr erträgt, schickt sie ihn energisch weg. Es fällt ihr schwer, positiv und fröhlich zu bleiben, da sie bei dieser Begegnung feststellt, dass sie ihm als Sexobjekt dient. Auf der Geburtstagsfeier ihrer Mutter versucht sie, die Bewunderung der Familie zu bekommen, bricht am Schluss aber in Tränen aus. Eine Schulkollegin, die sie zufällig trifft, welche ihr Single-Dasein beendet hat, bringt sie zum Nachdenken. Und als der Stalker nachts in ihre Strasse zurückkehrt, bringt sie ihren Fitness-Partner, den sie erstmals zu sich nach Hause eingeladen hat, dazu, diesen zu verprügeln. Doch das blutige und entstellte Gesicht des Stalkers versetzt Sylwia in Angst, nie hätte sie sich vorstellen können, dass sie jemanden zu einem solchen Akt anstiften könnte. Sie bringt den Mann ins Krankenhaus, möchte so die Sache wieder gutmachen.

Am nächsten Morgen hat sie einen Live-Auftritt im Frühstücksfernsehen. Bis zum letzten Moment weiss sie nicht, was sie nach der aufwühlenden Nacht von sich geben soll. Als das Moderatorenpaar ihr Fragen zu ihrem viralen Instagram-Post stellt, öffnet sich Sylwia und spricht aus dem Herzen. Einen Moment lang weiss sie genau, wer sie ist und was ihr im Leben wichtig ist.

Für mich ist die Welt der Social Media ziemlich fremd. Mit «Sweat» lernte ich sie etwas kennen, doch es scheint mir wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, da diese vor allem bei jungen Menschen, doch nicht nur bei diesen, das Leben mitbestimmen können. Da ich mich persönlich erst langsam an dieses Phänomen herantaste, gebe ich nachfolgend dem Filmregisseur das Wort, wie er sich Sylwia und ihrer Welt nähert – und uns dorthin mitnimmt:

Die Influencerin im Bad der Menge

Aus einem Kommentar des Regisseurs Magnus von Horn

Emotionale Exhibitionisten faszinieren mich, wahrscheinlich weil ich mich auf der Gegenseite dieses Spektrums befinde; ich behalte meine Emotionen für mich und teile sie nur selten mit, weil ich fürchte, beurteilt und verurteilt zu werden. Wenn ich also Menschen treffe, die sich mühelos und ohne Scham ausdrücken, empfinde ich Neid. Bei den sozialen Medien bin ich ein passiver Beobachter, befrage jene, die aktiv sind, sich und ihre Gefühle offenlegen. Wie viel ist Wahrheit? Ich fantasiere über ihr wirkliches Leben. Wie sind sie, wenn ihr Handy schläft?

Ich habe angefangen, einer Fitness-Motivatorin und -Influencerin zu folgen. Die riesige Anzahl Fotos und Videos, die sie jeden Tag postete, verblüffte mich: die Fahrt von der Arbeit nach Hause, ihre Kopfschmerzen und emotionalen Probleme, ihr Abendessen, Fotos ihres Körpers, das Öffnen von Geschenktüten, bei denen sie via Kamera ihre Anhänger entdecken lässt, was sich darin befindet. Sie hat 600 000 Follower auf Instagram, war auf dem Cover von Bodybuilding-Magazinen und hat DVDs veröffentlicht. Ihr Privatleben zu posten und zu teilen ist ihr Job. Sie ist selbstständig und ihr Körper ihr Produkt. Aber wer ist sie im Moment, bevor sie anfängt, sich zu filmen? Gibt es einen Unterschied zwischen ihrer Online- und Offline-Persönlichkeit? Ist sie gelangweilt? Einsam? Und dann postet sie einen Tag lang nichts. Was ist passiert? Ich wollte einen Film über sie machen und fragte sie an, ob ich sie für meine Recherche treffen könne. Sie antwortete nicht, weshalb ich begann, anderen Fitness-Promis zu folgen.

Sylwia ist eine zeitgemässe Figur, eine pragmatische Geschäftsfrau, gleichzeitig eine Inspiration für viele Menschen, die einen gesunden Lebensstil pflegen wollen. Sie wirkt als Botschafterin, sich in seinem Körper wohlzufühlen und darauf stolz zu sein. Akzeptiere dich selbst, sagt sie. Doch was passiert, wenn sie Probleme bekommt? Als der Stalker in ihr Leben tritt, beginnt sie an sich zu zweifeln, denn er ist ihr in vieler Hinsicht ähnlich.

Sylwia mit ihrem Fitness-Partner

Aus einem Interview mit dem Filmemacher

Was hat Sie an Sylwias Geschichte gereizt? Wie haben Sie den Film entwickelt?

Angefangen hat alles mit Snapchat, als das noch die Hauptplattform der Social Media war. Ich konnte nicht aufhören, Fitness-Motivatoren zu beobachten und ihre Art, wie sie ihr Leben in Reality Shows einbringen. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie auf eine bestimmte Art kennenlerne, weil sie so viel von ihrem täglichen Leben erzählen. Zwanzig Videos von ihrem Hund, der mit einem Gummispielzeug spielt, dann eine emotionale Rede über Liebesprobleme. Das war provokativ! Ich hatte sie gehasst und zugleich geliebt. Ich fragte mich, wer ist wirklich narzisstischer, sie oder ich? Beim Filmen war es uns wichtig, Vorurteile abzulegen. Die letzte Szene des Films wurde erst am letzten Drehtag fertig. Bis zu diesem Tag wusste ich nicht genau, was Sylwia auf dem Sofa der Morgenshow sagen würde. Doch aufgrund der eineinhalb Jahre, die Magda Kolesnik damit verbrachte, Sylwia zu sein, war ich ziemlich sicher, dass sie wissen würde, was sie sagen soll. Und sie tat es. Ich denke, dass das, was sie sagte, für Sylwia, aber auch für Magdalena und für mich gilt.

Mit Hund und Handy im Bett

«Sweat»: ein Beitrag zur Situation der Social Media

Das Drehbuch und die Regie von Magnus von Horn, die intime, nie voyeuristische (Hand-)Kamera von Michał Dymek, die Montage von Agnieszka Glinska, welche inhaltliche Beziehungen schafft, und das Spiel von Magdalena Kolesnik als Protagonistin machen «Sweat» zum eindrücklichen Porträt einer modernen jungen Frau und zu einem herausfordernden Dokument über die Welt der Social Media.

Da diese Medien in der heutigen Welt keine Nebensache sind, die vernachlässigt werden darf, sondern für sehr viele Menschen überaus wichtig ist, bin ich dankbar, dass «Sweat» versucht, diese Wirklichkeit adäquat abzubilden, da diese Abbilder oft gleichzeitig als Vorbilder wirken.

Im Hintergrund des Psychodramas stellen sich Fragen: nach der Bedeutung des Körpers, des Sports, des Essens, der Musik, der personalen und medialen Kommunikation, der Freundschaft, Liebe und Sexualität, der Familie, der Mutterschaft und der Zeit, die mit den Social Media ausgefüllt respektive verbraucht wird. Verweise auf gewisse ähnliche Kommunikationsformen in der Esoterik oder der Religion werden uns überlassen. Die Themen werden nicht analysiert, sondern in Bildern festgehalten – deren Bedeutung und deren Sinn wir zu suchen eingeladen sind. Vielleicht kommen wir dabei sogar zum gleichen Schluss wie der Filmemacher: «Sylwia ist meine Projektion. Ich bin Sylwia».

Titelbild: Sylwia Zajac arbeitet mit Körpereinsatz

PS: Ein Buch, das die Hintergründe des Influencer-Wesens wissenschaftlich ausleuchtet: Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt: Influencer. Die Ideologie der Werbekörper. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2021

Regie: Magnus von Horn, Produktion: 2020, Länge: 100 min, Verleih: First Hand Films

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