Als wortgewaltiger und satirischer Schriftsteller wird Friedrich Dürrenmatt auch 36 Jahre nach seinem Tod hoch geschätzt. Er beschäftigte sich nebst vielen anderen Themen mit Zukunftsvisionen. Das zeigt das Centre Dürrenmatt in Neuenburg in seiner aktuellen Sonderausstellung.
Die Bezeichnung «Prophet» hätte Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) sicher weit von sich gewiesen. In seinen schriftlichen Werken, in seinen Gemälden und Zeichnungen vertiefte er sich jedoch in alles, was Denken und Fantasie anregt. Seien es die griechischen Mythen – der Minotauros etwa -, das Wissen der modernen Physik, das Weltall und die Reise zu fernen Welten oder der Kalte Krieg der 1950er Jahre. Wie Dürrenmatt seine Erkenntnisse in Literatur und bildende Kunst einbrachte, können wir durchaus visionär nennen.
Zum Dürrenmatt-Museum, in das Dürrenmatts früheres Wohnhaus mit wunderbarer Weitsicht integriert ist, gehört die bei Führungen geöffnete Bibliothek. Dort stehen Dürrenmatts Lieblingsbücher: Jules Verne (Reise von der Erde zum Mond) war seit seiner Jugend ein Favorit, daneben Fahrenheit 451 (Ray Bradbury), 1984 (George Orwell) oder 2001 – Odyssee im Weltraum (Arthur C. Clarke), die Filme sind fast berühmter als die Bücher. Zeichnungen aus Dürrenmatts Jugend lassen erkennen, wie sehr ihn solche Science Fiction-Themen faszinierten.
Blick in Dürrenmatts Bibliothek (Foto mp)
Sein Teleskop – Blickfang auf der grosszügigen Terrasse – zeigt, dass sich Dürrenmatt ebenfalls für die wissenschaftlichen Aspekte der (Zukunfts-)Visionen interessierte. Er erhielt 1974 die Gelegenheit, das CERN in Genf zu besuchen, 1981 sogar die Sternwarte auf dem Mount Palomar in den USA.
Für die aktuelle Ausstellung hat Kuratorin Julia Röthinger drei Dürrenmatt-Texte ausgewählt, die als längere Zitate zusammen mit Zeichnungen und Bildern von Dürrenmatt selbst und von eingeladenen zeitgenössischen Künstlerinnen ein Thema beleuchten. Dabei frappiert besonders, wie früh sich Dürrenmatt Entwicklungen vorstellen konnte, die uns heute als bedrohliche Utopien vor Augen stehen.
Friedrich Dürrenmatt, Die beiden Tiere, 1975, Tusche (Feder) auf Papier, 35.9 × 50.6 cm, Sammlung Mario Botta © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft
Das Unternehmen Wega veröffentlichte Dürrenmatt im Jahre 1954. Die Geschichte spielt im Jahre 2255 und handelt von der Reise einer Diplomatengruppe von der Erde zur bewohnten Venus, um die Venusbewohner zur Parteinahme für die Europäer und die USA zu bewegen. – Da scheinen die Kategorien des damaligen Kalten Krieges auf. Ob wir heute diese Spaltung überwunden haben, ist gegenwärtig alles andere als sicher.
Die Venus wird zu einem idealen Sehnsuchtsort, heisst es bei Dürrenmatt: «Auf der Venus haben wir die Freiheit, recht zu handeln und das Notwendige zu tun. Auf der Erde konnten wir das nicht. Sie verführt zur Ungleichheit. So haben wir . . . . Furcht vor dem falschen Leben.»
Friedrich Dürrenmatt: Letzter Angriff; Gouache auf Karton 1987; Centre Dürrenmatt Neuchâtel (Foto mp)
Ebenso erschreckend aktuell erscheint uns die 1981 publizierte Erzählung Der Winterkrieg in Tibet: Das Leben kann nur noch in Bunkern stattfinden, denn nach einem Atomkrieg ist die Erde zerstört. In unterirdischen Anlagen arbeitet die Regierung, es gibt dort auch Kinos und Fitnesscenters. Es ist ein total absurdes Leben, denn alle tragen die gleiche weisse Schutzkleidung, so dass niemand mehr erkennen kann, zu welcher Kriegspartei eine Person gehört. Als Letzter überlebt ein Söldner, der – ganz archaisch – mit einem Griffel die Geschichte des Krieges in die Wände ritzt.
Friedrich Dürrenmatt: Zornige Zentauren; Gouache auf Karton, 1979; Centre Dürrenmatt Neuchâtel (Foto mp)
Die dritte Erzählung, Der Versuch, erst posthum veröffentlicht, behandelt das Verhältnis von Mensch und Maschine, eine Frage, die gerade in diesen Jahren hochaktuell ist und von Dürrenmatt gewohnt raffiniert zugespitzt wird. Während das Leben in der «Vergangenheit», d.h. in unserer Gegenwart, von Überwachungen und stetig wachsenden Lebenshaltungskosten immer mehr eingeschränkt wird, werden die Menschen im zweiten Teil der Erzählung, vom 7.7.7777 an, mit der Einschaltung des Zentralcomputers, von diesem beherrscht. – Das schreibt Dürrenmatt 1989, wir könnten meinen, er hätte die aktuellen Diskussionen zu Künstlicher Intelligenz mitverfolgt!
Friedrich Dürrenmatt, Baum der Erkenntnis, zwischen 1967–1971, Collage, Mischtechnik, 32 × 23.5 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft
Zitat aus Der Versuch: «Der Mensch ist vollkommen auf den Computer angewiesen. Körperlich und geistig. Der Mensch muss ernährt und gepflegt, gekleidet und herumgeführt werden usw., aber damit nicht genug, am liebsten sitzt der Mensch vor dem Bildschirm . . . «
Das gibt zu denken.
Ergänzt werden die Dürrenmattschen Textabschnitte von eindrucksvollen Arbeiten der polnischen Künstlerin Ernestyna Orlowska (*1987, lebt und arbeitet in Bern), von Esther Hunziker (*1969, lebt und arbeitet in Basel) und von Zilla Leutenegger (1968, lebt und arbeitet in Zürich). Wie bei früheren Ausstellungen geht die Schriftstellerin und Dramatikerin Martina Clavadetscher (*1979 in Zug) mit ihren literarischen Mitteln auf Dürrenmatts Werk ein.
Zilla Leutenegger, Der Mond ist verloren, 2026, Videoinstallation, Masse variabel, Courtesy der Künstlerin und Galerie Kilchmann, Visualisierung erstellt durch Atelier Zilla Leutenegger © Zilla Leutenegger, Galerie Kilchmann
Die Ausstellung wird begleitet von einer ganzen Reihe von Veranstaltungen. Beachten Sie bitte, dass einige davon nur auf Französisch durchgeführt werden, einige sind zweisprachig, einige auf Deutsch. Alle Texte innerhalb der Ausstellung stehen in Deutsch und Französisch zur Verfügung – eine schöne Anregung für alle Besucherinnen und Besucher aus der deutschen Schweiz, die zweite Landessprache zu aktivieren.
Das Centre Dürrenmatt in Neuenburg CDN, eine Institution der Schweizerischen Nationalbibliothek, positioniert sich selbst als Ort, in dem die Mehrsprachigkeit gross geschrieben wird. Im CDN ist der gesamte künstlerische Nachlass von Friedrich Dürrenmatt beheimatet. Während die literarischen Werke grösstenteils schon zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurden, betreut vom Schweizerischen Literaturarchiv in Bern (Teil der Nationalbibliothek), sind die graphischen Werke, Gemälde und Zeichnungen (insgesamt ca. 1’700 Werke), erst nach Dürrenmatts Tod mit der Gründung des CDN im Jahre 2000 der Öffentlichkeit zugänglich geworden.
Ausstellung «Zukunftsvisionen» bis 13. Dezember 2026.
Geöffnet Mittwoch bis Sonntag 11 – 17 Uhr
Titelbild: Friedrich Dürrenmatt, Collage, blau/rot, mit Landkarte Rioja-Gebiet, 1968, Collage und Mischtechnik auf Papier, 30 × 45 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN/Schweizerische Eidgenossenschaft
