Das Kunstmuseum Basel zeigt mit «Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet» die allererste umfassende Ausstellung über eine der wichtigsten Kunstsammlerinnen des frühen 20. Jahrhunderts: die Solothurnerin Gertrud Dübi-Müller.
Gertrud Müller (*1888) wächst in einer gutsituierten Fabrikantenfamilie in Solothurn auf. Sie ist die jüngste Tochter, ihre Mutter stirbt am Kindbettfieber kurz nach der Geburt des jüngsten Töcherchens. Auch ihr Vater stirbt früh, als Gertud gerade sechs Jahre alt ist. Doch der Zusammenhalt in der Familie beschützt die jüngsten Geschwister, neben Gertrud der ein Jahr ältere Josef. Die beiden werden viel gemeinsam unternehmen.
Ferdinand Hodler: Bildnis Gertrud Müller, 1911 Öl auf Leinwand, 175 x 132.5 cm Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung Foto: Kunstmuseum Solothurn
Dass Gertrud, Josef und weniger intensiv die anderen Schwestern beginnen, sich für moderne Kunst zu interessieren, hat mit einem Nachbarn zu tun, dem Biberister Fabrikant Oscar Miller (1862-1934). Er sammelt Kunst der Gegenwart und macht die Jugendlichen damit bekannt. An der Eröffnung des Kunstmuseums Solothurn 1902 dürfen sie teilnehmen und begegnen Cuno Amiet (1868-1961) und Ferdinand Hodler (1853-1918).
Bei Cuno Amiet erhalten sie Malunterricht, Gertrud ist jedoch mehr von der Persönlichkeit des Malers beeindruckt als vom Malen. Sie beginnt zu fotografieren – daraus wird ihre Leidenschaft: Mit ihren Fotografien dokumentiert sie die Begegnungen mit ihren Künstlerfreundinnen und -freunden. Sie richtet sich ein Fotoatelier ein, entwickelt ihre Bilder selbst und kauft hochwertiges Material, eine Kamera mit zwei Objektiven beispielsweise, die eine gewisse Stereoskopie erlaubt. Ihre Fotografien wurden 1980 der Fotostiftung Schweiz in Winterthur übergeben, aber erst in letzter Zeit digitalisiert und somit für Leihgaben gerüstet.
Cuno Amiet: Der gelbe Hügel 1903. Tempera auf Gewebe, 98 x 72 cm. Rechts Kuratorin Géraldine Meyer. Foto: René & Elisabeth Bühler
Ihre Faszination gilt von nun an dem Kunstsammeln und dem Fotografieren. Die Ausstellung in Basel zeigt dies in neun Kapiteln, klug zusammengestellt von Kuratorin Géraldine Meyer. Gemälde und Fotografien ergänzen sich aufs Beste. Und weitere Leidenschaften folgen: Fürs Reisen, am liebsten zu Künstlern, die sie kennt oder kennenlernen möchte, Giovanni Giacometti (1868-1933) und seine Familie im Bergell, oder später Max Liebermann (1847-1935) in Berlin oder die zu Unrecht vergessene Alice Bailly (1872-1938) in Genf, bei der sie kubistische bzw. futuristische Kunst sieht.
Für ihre Besuche fährt Gertrud mit ihrem eigenen Auto, einem Picccard-Pictet-Cabriolet. Sie ist die erste Solothurner Autofahrerin. Das Auto hat sie 1911 in Genf gekauft und dort auch fahren gelernt. Im gleichen Jahr malt Ferdinand Hodler sie in rosa Robe – ein Bild, das für Aufsehen sorgen wird. Insgesamt malt Hodler siebzehn Portraits von ihr.
Gertrud Dübi-Müller (Umkreis): Ferdinand Hodler malt Gertrud Müller, Genf 1916. Fotografie, digitalisiertes Glaspositiv. Gertrud Dübi-Müller-Archiv / Fotostiftung Schweiz, Winterthur
Gertrud «antwortet» mit ihrem Fotoapparat: Sie fotografiert Hodler beim Arbeiten; dann, als sie ihn 1918 zum letzten Mal besucht, bei einem gemeinsamen Spaziergang. Am nächsten Tag ist Hodler gestorben und Gertrud fotografiert ihn auf dem Totenbett. – Wir können davon ausgehen, dass Gertrud dabei an Hodlers Gemälde vom Tod seiner Freundin Valentine Godé-Dare dachte.
Auch andere Künstler hatten Gertrud Müller schon portraitiert. Giovanni Giacometti und Cuno Amiet hatten geradezu einen Wettstreit veranstaltet: Sie malten Gertrud, im vertrauten Kreise auch «Trutti» genannt, 1907 mit einem extravaganten violetten Hut.


Links: Giovanni Giacometti: Bildnis Trutti Müller, 1907 Öl auf Leinwand, 61 x 50 cm Privatsammlung. Foto: SIK-ISEA Zürich
Rechts: Cuno Amiet: Der violette Hut (Bildnis Gertrud Müller) 1907. Öl auf Gewebe, 60,5 x 54 cm. Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung. Foto: SIK-ISEA Zürich (Martin Stollenwerk) © D. Thalmann, Aarau
Als die Sechsjährige ihren Vater verloren hatte, engagierte ihre älteste Schwester Emma für die drei Jüngeren eine Kinderfrau, über die nichts Positives berichtet wird. Sie sei «strikt und lieblos» gewesen. «Trutti» wuchs dennoch zu einer heiteren, mutigen und selbstbewussten Frau heran.
Vincent van Gogh: Porträt Charles-Elzéard Trabuc, 1889. Öl auf Leinwand, 60 x 45 cm. Kunstmuseum Solothurn, Dübi-Müller-Stiftung Foto: Kunstmuseum Solothurn
Mit ihrem Auto fuhr sie weit herum, auch nach Arles in die Psychiatrische Klinik, in der sich Vincent Van Gogh aufgehalten hatte. Das erste Gemälde, das sie erworben hatte, war Van Goghs Portrait Charles Elzéard Trabuc (ein «Irrenwärter»). Sie wählte dieses Bild wohl ganz bewusst– nicht eine Landschaft oder Sonnenblumen von Van Gogh. – Wagemutig muss sie auch gewesen sein. Ein undatiertes Foto zeigt sie in der Gondel eines Gasballons.
1921 heiratete Gertrud den Solothurner Juristen Otto Dübi, der im gleichen Jahr zum Direktor der Schraubenfabrik der Familie Müller ernannt wurde. Wie Fotos zeigen, liebten beide das Schlittschuhlaufen. Es heisst, dass er beim Ankauf von Kunstwerken dem Urteil seiner Frau vertraute. Sein erstes Geschenk, wohl auf ihren Wunsch, war Gustav Klimts Goldfische (An meine Kritiker), ein Bild, das in Wien einen Skandal verursacht hatte. Aber wie beim Kauf ihres ersten Werkes hatte Gertrud Sinn für Besonderes und für Qualität.
Ausstellungsansicht: links Gustav Klimt, Goldfische (An meine Kritiker) 1901-1902. Öl auf Leinwand 181 x 67. Kunstmuseum Solothurn. Foto: René & Elisabeth Bühler
Privates trennte sie stets von ihren Unternehmungen, ihre Briefe sollte niemand ausser den Adressaten lesen. Zweimal bat der Direktor des Kunstmuseums Basel darum, eine Ausstellung ihrer Sammlung zu zeigen. Gertrud Dübi-Müller lehnte ab, sie wollte ihren Namen nicht öffentlich als Sammlerin sehen. Einzelne Werke gab sie jedoch gern in Ausstellungen.
Von der selbständigen Frau, die sie war, hätte man in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erwarten können, dass sie sich zu den Bemühungen ihrer Geschlechtsgenossinnen um gleiche Rechte für Frauen zumindest einmal äussert. – Das schien sie nicht zu interessieren. Sie hatte ihren privaten Weg gefunden und war damit wohl zufrieden.
Sie fuhr gern in die Berge und unternahm anspruchsvolle Bergtouren. Sie hat, wie auf Fotos zu sehen ist, auch das Matterhorn bestiegen. Der Schweizer Alpen-Club SAC beschloss zum 1.1.1980, Frauen als Mitglieder aufzunehmen. – Am 20.1.1980 starb Gertrud Dübi-Müller. Aber sie hatte noch die Ehre erlebt, 1974 als einzige Frau ihrer Generation in der Zürcher Ausstellung Photographie in der Schweiz 1840 bis heute vertreten zu sein.
Ferdinand Hodler: Blick ins Unendliche, 1913/14-1916. Öl auf Leinwand 446 x 895cm. Kunstmuseum Basel. Rechts Kuratorin Géraldine Meyer. Für die Frau in der Mitte stand Gertrud Dübi-Müller Modell. Ausstellungsansicht Foto: René & Elisabeth Bühler.
Die aktuelle Ausstellung in Basel verknüpft Gertrud Dübi-Müllers Tätigkeit als Sammlerin und Mäzenin geschickt mit vielen Fotos, die sie selbst aufgenommen hat und auf denen wir Einblick in ihr Leben erhalten. So entsteht ein facettenreiches Bild einer vielseitigen Frau, in deren Leben Freundschaften eine wichtige Rolle spielten. Durch ihre Intuition und den Austausch mit ihren Künstlerfreundinnen und -freunden entwickelte sie einen ausserordentlichen Kunstverstand, der in dieser Ausstellung sichtbar wird.
«Van Gogh, Hodler und ein Cabriolet. Die Sammlerin und Pionierin Gertrud Dübi-Müller» im Kunstmuseum Basel / Neubau. Bis 7. Februar 2027.
Titelbild: Gertrud Dübi-Müller in ihrem Automobil der Marke «Pic-Pic», ca. 1911. Fotografie, digitalisiertes Glaspositiv © Gertrud Dübi-Müller-Archiv / Fotostiftung Schweiz. Photo: Gertrud Dübi-Müller (Umkreis)
