FrontKulturFlora Tristan ist quicklebendig

Flora Tristan ist quicklebendig

Frauen aus der freien Theaterszene haben die dumpfe Zeit des Lockdowns genutzt und für ihre Gruppe «der grosse tyrann» einen Stoff recherchiert, dazu ein Stück erfunden und geprobt: «Der Nebenwiderspruch Eine Kampfansage» wird am kommenden Wochenende uraufgeführt.

«Erst die Weltrevolution, der Rest erledigt sich von selbst,» erinnert Liliane Koch, Regisseurin und Schauspielerin an die Bedeutung des Begriffs Nebenwiderspruch, der während der Studentenrevolte in den 60er und 70er Jahren aufgekommen war. Die jungen Männer hatten kein Gehör für die junge Frauenbewegung von damals, wenn sie gleiche Rechte einforderte – eben, das sei nur ein Nebenwiderspruch.

Wanda Wylowa probt am Agnes-Robmann-Weg, genannt nach der Sozialistin, Gewerkschafterin und Frauenrechtlerin (1876-1951), die u.a. bei der Zimmerwald-Konferenz 1915 dabei war.

Das Thema ist auch heute nicht erledigt, der erste Frauenstreik 1991 war ein Hinweis, und der heutigen Generation ist klar: «So was funktioniert in Wellenbewegungen, wenn Mama der Meinung ist, sie habe nie Diskriminierung erlebt, sagt die Tochter, schau doch genauer hin.»

Das Stück vom Nebenwiderspruch hat seinen Ursprung in einem Geburtstagsgeschenk: Theaterschneiderin Maude Hélène Vuilleumier schenkt ihrer Freundin Liliane das Buch «Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben» von Kristen R. Ghodsee. Nicht der Inhalt wars dann, der die Theatermacherinnen beflügelte, als Impulsgeber für diese neue Performance des Kollektivs der grosse tyrann diente eine der Abbildungen: Flora Tristan (1803-1844). Die sozialistische Kämpferin für die Rechte der Arbeiterinnen ist selbst im feministischen Diskurs weitgehend vergessen, bei Kunsthistorikern als Grossmutter von Paul Gauguin ein geläufiger Name.

Flora Tristan (1803-1844), Feministin, Sozialistin und Literatin. Lithographie in: Le Charivari, 22. Februar 1839.

Nun steht sie als Ikone am Beginn der Aufführung, einer Zeitreise, welche von den Arbeiterinnenvereinen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts über die Saffa, die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit 1928 zum wilden, aber erfolgreichen Streik der Arbeiterinnen in Pierburg 1973 führt und von da den Bogen zur Frauenstreikbewegung von 1991 und 2019 schlägt.

Während die grossen Veranstalter – Landesmuseum, und andere historische Museen – den Fokus auf das Jubiläum 50 Jahre Frauenstimmrecht legen (wird das Ende eines Desasters oder der späte erste Schritt zur politischen Gleichheit der Geschlechter gefeiert?), führt das Theater von der grosse tyrann durch die sozialistische Arbeiterinnenbewegung der letzten zwei Jahrhunderte, ausgehend von der ikonischen Flora Tristan, die als Gründerin der Gewerkschaftsbewegung in Frankreich einst sehr bekannt war.

Wie kommt ein feministisches Kollektiv zur Bezeichnung der grosse tyrann? Liliane Koch und Maude Hélène Vuilleumier, welche die Gruppe 2012 gründeten, verweisen auf den Film Barbarella, wo sich die dunkle Macht, vor der sich alle ängstigen, am Ende als Frau entpuppt.

Das Bühnenbild beim Theaterspaziergang besteht aus Gewerbebauten und unwirtlichen Strassenkreuzungen; von links Rosanna (mit Radio), Wanda, Maude Hélène, Liliane.

Unkonventionell und überraschend wird die Geschichte der feministischen Arbeiterinnenbewegung auf einem Spaziergang immer wieder neu umgesetzt. Zitate aus Flora Tristans Werk zeigen die Modernität dieser Frühsozialistin, deren bewegtes und tragisches Leben in einer Moritat nacherzählt wird. Ein anderer Song handelt von der Schnecke, dem Symbol der Saffa-Frauen von 1928 fürs Frauenstimmrecht. Und das Unionslied, das Flora Tristan einst wünschte, aber von keinem angefragten Komponisten bekommen hatte, wurde hier von Rosanna Zünd kurzerhand vertont.

Liliane singt, begleitet von Rosanna, der Komponistin aller Songs, die Moritat vom schaurigen Leben der Flora Tristan

Es mögen willkürlich gewählte Stoffe aus der Geschichte des Kampfs um Gleichstellung sein, hier die frühe Fabrikarbeit der Frauen im 19. Jahrhundert, dort der einzige erfolgreiche wilde Streik ohne Rückhalt und gegen den Willen der Gewerkschaft in den bewegten 70er Jahren, erfolgreich, weil ihn Frauen – Einheimische und Ausländerinnen – gemeinsam führten, hier die erste Saffa, bei der eine selbstbewusste und selbständige Frau in ihrem Streben nach Gleichberechtigung gesellschaftlich und politisch präsentiert wurde, oder die ziemlich schräge Reminiszenz der von linken Feministinnen aufgemischten feierlich-bürgerlichen Jubiläumsstunde 75 Jahre Frauenstimmrechtsverein (1893 bis 1968) zu einer Zeit, als eben dieses Frauenstimmrecht noch immer nicht erreicht war.

Saffa 1928 in Bern: Berühmt geworden ist die riesige Schnecke, die im Eröffnungsumzug vor dem Bundeshaus durchkroch, als Anspielung auf das Schneckentempo der Politik in der Stimmrechtsfrage. Bild: Gosteli-Archiv

Was die Revue durch die «Her-Story», durchsetzt mit Songs, besonders eindrücklich macht, ist der Umstand, dass die Rollen der Dargestellten direkt mit dem Alltag der Darstellerinnen verknüpft sind. Sie bringen ihre eigenen Ideen und ihre eigene Lebensgeschichte in den direkten Zusammenhang dessen, was sie für ihren theatralischen Spaziergang gesucht und aufbereitet haben: Wenn von Klassismus die Rede ist, kennen sie die Diskriminierung hautnah, wenn es um die Lohnungleichheit geht, weiss die Theaterschneiderin, wieviel weniger sie bekommt, verglichen mit dem Schreiner am Theater.

Ein Kleid für Flora Tristan im Atelier der Theaterschneiderin Maude Hélène

Die ersten drei Zürcher Vorstellungen vom kommenden Wochenende sind ausverkauft, tut gut, besonders wenn Liliane Koch und Maude Vuilleumier an die vergangenen Monate im Lockdown denken. Immerhin konnten sie sich über Wasser halten, die eine dank einer unglaublich schwierigen Regiearbeit in einer deutschen Altersresidenz, deren Laiendarstelllerinnen sie nie aufsuchen konnte, weil die ganze Inszenierung vollständig über Zoom ablaufen musste, die andere empfand sich mit ein paar Monaten Kurzarbeit richtig privilegiert. Die Rettung waren vor allem ihre regelmässigen Arbeitstreffen, bei denen sie ihr Projekt entwickelten: Nun erlebt das Projekt vor und mit Publikum seine Feuertaufe.

Titelbild: Das Frauenkollektiv der grosse tyrann bei den Proben. Im Vordergrund immer dabei: die Tasche der Schneiderin mit allem Nötigen und ihrer Strickarbeit, die auch im Stück eine Rolle spielt.
Alle Fotos: © der grosse tyrann

Auf der Website dergrossetyrann.com gibt es Informationen, vor allem wird der Tourneeplan regelmässig ergänzt, Die ersten Zürcher Aufführungen sind ausverkauft, in Basel gibt es am 25. Juni ein Gastspiel.  

2 Kommentare

  1. Da war ich auch, aber noch ein paar Jährchen jünger. Leider ohne Erinnerung, wer mich dazu bewegte. Vielleicht war es meine Mutter, die lebenslänglich Mühe hatte mit der Diskriminierung der Frauen und natürlich nach 1971 regelmässig abstimmen und wählen ging. Vermutlich weil sie mit etwa zwanzig die Bäuerin auf dem Hof ihres Vaters zu vertreten hatte und nebenbei zwei um einiges jünger Brüder zu erziehen hatte. Sicher ist eins: Als die Ehefrauen ihren Heimatort wieder bekommen konnten, hat sie das gleich beantragt.

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