FrontKultur«Wiener Blut» auf Schweizerdeutsch

«Wiener Blut» auf Schweizerdeutsch

Eine Wiener Operette auf Schweizerdeutsch? Geht das? In Möriken (Kanton Aargau) beweisen derzeit professionelle Sängerinnen und Sänger, Musikerinnen und Musiker sowie ein talentiertes Produktionsteam, dass diese Herausforderung gelingen kann. Die in der Schweiz verortete Neufassung der Operette «Wiener Blu(e)t» nach Johann Strauss (Sohn) macht Spass und weckt Lust auf mehr.

Möriken gilt als Operetten-Mekka der Schweiz. Wegen Corona musste auch im Aargauer Dorf die nächste grosse Produktion, «Eine Nacht in Venedig», auf 2023 verschoben werden. Um die Lücke zu füllen, hat das Berner Multitalent Simon Burkhalter den Strauss-Blockbuster «Wiener Blut» in eine Mundartfassung umgeschrieben und gleich selbst inszeniert. Von Burkhalter stammt auch das üppig grüne Bühnenbild, eine Art «Lustgarten», in dem er selbst mitsingt. Der gebürtige Emmentaler hatte 2019 mit Lehars «Die lustige Witwe» in Möriken einen überzeugenden Einstand gegeben. In der aktuellen Inszenierung liegt die musikalische Leitung in den Händen von Monika Nagy. Die Choreografie stammt von Martin Schurr, die Kostüme sind von Bettina Setz. Für die passende Maske sorgen Fredi und Lis Schmid und Marina Keller. Das Lichtdesign stammt von Mario Böseman.

Franziskas Vater Kagler mischt sich in die Affären ein und wird vom kräftigen Sekretär Josef aus dem Verkehr gezogen.

Das Stück ist eine klassische Verwechslungskomödie, deren Geschichte rasch erzählt ist: Die lebenslustige Wienerin Gabriele Graf (Flurina Ruoss) und der fiktive Schweizer Politiker, Balduin Graf (Raimund Wiederkehr), haben geheiratet. Schon nach kurzer Zeit entpuppt sich Balduin als spiessig, und da ihm das Wiener Blut fehlt, zieht Gabriele zurück auf das Schloss ihrer Eltern. Der flatterhafte Ehemann beginnt daraufhin eine Affäre mit der schönen Sängerin Franziska Cagliari (Andrea Hofstetter). Gleichzeitig wirft er ein Auge auf die Freundin seines Sekretärs Josef (Erwin Hurni): Vreni Hösli (Stefanie Frei) ist Schneiderin und widersteht dem Werben des prominenten Freiers. Misstrauisch beäugt und kommentiert wird die abendlange Flirterei von Franziskas Vater Kagler (Yves Ulrich).

Unter dem gestrengen Blick seiner Gattin (rechts) bekräftigt Bundesrat Graf seine Unschuld, doch alle wissen, dass er schummelt.

Als Gabriele vom Treiben ihres Mannes erfährt, kehrt sie in dessen Villa in die Schweiz zurück. Nach turbulenten Verwechslungen treffen alle Figuren in einem Waldstück beim Picknick aufeinander. Gabriele lässt sich von Sittenwächter Ypsheim-Gindelbach (Simon Burkhalter) begleiten. Balduin macht der schönen Schneiderin den Hof, und Josef erscheint mit der Sängerin Franziska. Konfrontiert mit den tatsächlichen Partnerinnen verstricken sich die Männer in Ausreden und Lügen. Trotz der wechselnden Affären gelingt – oh Wunder – das Happy End: Die ursprünglichen Paare finden wieder zueinander, und Gabriele vergibt ihrem Ehemann die versuchten Seitensprünge.

In der Schweiz verortet

Burkhalter hat den Strauss-Klassiker gleich vierfach in der Schweiz verortet: Lokal, zeitlich, textlich und musikalisch. Statt in Wien spielt die unterhaltende Boulevardkomödie im fiktiven Ort «Längwyligen», irgendwo zwischen Lenzburg und Wildegg. Balduin von Zedlau (Version Strauss) mutiert zu einem leibhaftigen Schweizer Bundesrat mit Akten unter dem Arm. Eine Kutsche sieht man nie, dafür rauschen ein Fahrrad und ein modernes Trottinett über die Bühne. Von einer Covid-Verordnung ist die Rede. Aus Franziska wird Fränzi, Blut verwandelt sich in «Bluet». Und statt «Liaison» versteht der Schweizer Sekretär «lieber Sohn».

Die Schneiderin Vreni darf für die Sängerin Fränzi einspringen und vor versammelter Runde ihre Arie vortragen.

Musikalisch werden die unsterblichen Strauss-Melodien, alles Ohrwürmer, die der Wiener Walzerkönig aus anderen Werken in die Operette übernommen hat, durch bekannte Schweizer Melodien ergänzt. Unhörbar klingen das «Im Aargau sind zwöi Liebi», der «Berner Marsch» oder das «Guggisberglied» an. Die Schneiderin Vreni trägt eine Berner Sonntagstracht und jodelt. Aus Walzer Schritten werden Trachtentanz-Bewegungen. Einer der Höhepunkte der Inszenierung ist die kraftvoll vorgetragene Arie der selbstbestimmten Schneiderin in einem kitschigen Blumenkleid vor einem roten Vorhang.

Herausforderung Mundartgesang

Die grösste Herausforderung für die Sängerinnen und Sänger, aber auch für das Publikum, ist die Mundartfassung. Die Wiedergabe der Schweizer Vokale o,a,e,i,u erfordert eine grosse gesangliche Präzision sowie stetige Anpassung an das Tempo. In den musikalischen Vorträgen steckt viel Arbeit der Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller. Für das mit Deutsch oder Italienisch verwöhnte Operetten- und Opernpublikum sind die Arien und Duette in Schweizer Mundart gewöhnungsbedürftig. Die Reime wirken zuweilen holprig. Erst mit der Zeit erahnt der Zuhörer, die Zuhörerin den gesungenen Mundarttext. Die gesprochenen Zwischentexte dagegen sind viel besser verständlich.

Zwischendurch erscheinen sogar Orchestermitglieder auf der Bühne. (Foto Peter Schibli)

Übers Ganze betrachtet ist das Experiment «Mundart-Operette» indes gelungen: Die Popup-Version wurde mit sehr viel Witz, Ironie und tollen Pointen inszeniert. Ein 14köpfiger Chor bereichert die Tutti-Partien. Nicht vergessen seien die Musikerinnen und Musiker im Orchestergraben. Sie begleiten die Sängerinnen und Sänger mit viel Einfühlungsvermögen und einer fantastischen Balance. Unübertreffbar wirkt die Komik der Szene, in der sich die Schneiderin Vreni mit der Flötistin im Orchestergraben duelliert. In einer anderen Szene gegen den Schluss der Operette begeben sich mehrere Orchestermitglieder auf die Bühne, werden dort Teil des Bühnenbildes und musizieren mitten im Lustgarten. Eine tolle Bereicherung der Aufführung.

Spannende Entstehungsgeschichte

«Walzerkönig» Johann Strauss (Sohn). (Foto Wikipedia/ Fritz Luckhardt, 1843-1894)

Regisseur Burkhalter hat sich im Rahmen der Neufassung intensiv mit der Entstehungsgeschichte der berühmten Operette beschäftigt. Eigentlich hatte Johann Strauss nach dem «Zigeunerbaron» nicht mehr für die Bühne komponieren wollen. Doch dann willigte er ein, aus bereits vorhandenen Walzerkompositionen eine «Pasticcio-Operette» zu formen, für die Victor Léon und Leo Stein, die Autoren der «Lustigen Witwe», das Libretto schrieben. Die Uraufführung am 26. Oktober 1899 erlebte Strauss nicht mehr. Seine letzte Operette wurde dank der Fülle an Walzermelodien gleichwohl zu einem der beliebtesten und erfolgreichsten Werke dieses Genres. «Wiener Blut» erlebt heute im gesamten deutschsprachigen Raum Neuinszenierungen und wurde mehrfach verfilmt.

Titelbild: Farbige Kostüme vor einem grünen Hintergrund. (Alle nicht speziell gezeichneten Fotos: © Nico Kobel)

Weitere Vorstellungen der Operette «Wiener Blu(e)t» im Gemeindesaal Möriken: 20./22./23./24./27. und 29. Oktober. Dernière: 30. Oktober. Beginn jeweils um 19.30 Uhr (ausser Sonntag, 24. Oktober, 17 Uhr). Zertifikatspflicht. http://www.popup-operetta.ch

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