FrontKulturZwischen Flüchtlings- und Kunstwelt

Zwischen Flüchtlings- und Kunstwelt

Sam ist aus Syrien geflohen und möchte zu seiner Geliebten Abeer nach Brüssel; ein renommierter Künstler will ihm dabei helfen. Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania schuf mit dem Film «The Man Who Sold His Skin» eine scharfsinnige und radikale Satire über die Käuflichkeit der Menschen. 

Sam Ali und Abeer sind ein Paar aus Raqqa am Euphrat. Es hat sich ewige Liebe versprochen und träumt von einem Leben in Frieden. Sam kommt wegen unpassender Aussagen ins Gefängnis, bricht aus und erreicht über Libanon Europa; Abeer wird von ihrer Familie an einen Diplomaten verheiratet, der das Land in Brüssel vertritt und sie dorthin mitnimmt. Sam will ihr nachreisen. Doch wie kommt ein syrischer Flüchtling nach Belgien? Mit diversen Jobs schlägt er sich durch, bis er die Kunstagentin Soraya und über sie den berühmten Künstler Jeffrey Godefroy trifft. Dieser bietet dem verzweifelten und geflüchteten Verliebten an, ihn zu einem prestigeträchtigen Kunstwerk zu machen und als solches nach Brüssel zu bringen. Er tätowiert Sam das begehrte Schengen-Visum auf den Rücken und verändert seinen Körper statusmässig vom Flüchtling zum Kunstobjekt. Nun steht Sam die Welt offen. Doch zu welchem Preis?

Zynischer lässt sich unsere Welt zwischen Flüchtlingselend und Kunstbusiness kaum beschreiben als in «The Man Who Sold His Skin». Der 1977 in Tunesien geborenen Kaouther Ben Hania ist dies bravourös gelungen. Die Idee basiert auf einem realen Fall. Schon mit ihrem früheren Film «Le challat de Tunis» hat die Regisseurin bewiesen, wie spannend es sein kann, Fakten zu fiktionalisieren, um scharfsinnig zum Kern einer Aussage vorzudringen. In «The Man Who Sold His Skin» verbindet sie das Schicksal eines Flüchtlings mit Machenschaften der Kunstwelt und entlarvt dabei die absolute Käuflichkeit der Welt. Der Film wurde 2020 an der Biennale in Venedig ausgezeichnet, 2021 für den Oscar nominiert.

Soraya zeigt Sam ein privates Fotos von ihm

Eine Begegnung zwischen zwei Welten

Sie ist weiss und rein, die Welt der Kunst. Die Menschen, die hier tätig sind, tragen weisse Hemden und Krawatten, ihre Hände sind in weisse Samthandschuhe gehüllt, sie bewegen sich langsam durchs Weiss der Museumsräume. Der Künstler dirigiert mit sanfter Geste, wie ein Bild an die Wand zu hängen ist. Das Bild, das in der ersten Sequenz des Films aufgehängt wird, zeigt ein Stück Rücken mit einem auftätowierten Visum. Schnitt: Es ist dunkel, ein Rücken liegt auf einem Bett, eine Katze streicht um den Mann mit diesem Rücken. An der Tür klopft es, ein Polizist kommt ins Zimmer und holt den Mann, er landet im Gefängnis. Er soll etwas gesagt haben, was sich unter den herrschenden Umständen nicht ziemt. Wir sind in Syrien, 2011.

Der Flüchtling ist staatenlos und statuslos, der Mann in der Galerie, der «giftigste, provokanteste und teuerste Künstler auf dem Kunstmarkt». Sein aktuell geplantes Kunstwerk ist der Rücken Alis, dem er zur Reisefreiheit verhilft, indem er ihn zum Kunstwerk macht. Doch eigentlich will dieser nur eines: nach Brüssel zu seiner Geliebten. Godefroy tätowiert Sam das Visum auf den Rücken und bringt ihn als Kunstwerk auf den Kunstmarkt. Sam wird Ausstellungsobjekt und muss als solches im königlichen Museum zu den üblichen Zeiten öffentlich sitzen. Sam und Jeffrey werden fast ein wenig Freunde und machen gemeinsame Sachen. Doch am Ende geht es um das, worum sich alles dreht: das Geld. Dazu Jeffrey: «Das Leben ist bedeutungslos. Wir sind weniger als nichts. Doch die Menschen wollen Bedeutung. Und diese verkaufe ich. Ich verwandle Objekte in Kunstwerke von Millionenwert.»

Das lebendige Kunstwerk betrachtet Kunstwerke im Museum

 Aus einem Interview mit der Regisseurin Kaouther Ben Hania

Was war der Ursprung von «The Man Who Sold His Skin»?

Die Idee für den Film keimte bereits 2012 in meinem Kopf. Ich war im Louvre, der zu dieser Zeit dem belgischen Künstler Wim Delvoye eine Retrospektive widmete. Dort sah ich den Schweizer Tim Steiner, dem der Künstler den Rücken tätowiert hatte und mit ausgezogenem Hemd auf einem Sessel vor dem Publikum sass. Von diesem Moment an hat mich dieses singuläre und übergriffige Bild nicht mehr losgelassen. Nach und nach hatten sich weitere Erfahrung, Aktualität und Begegnungen zu diesem Bild gesellt. Als all diese Elemente zusammenkamen, fühlte sich die Geschichte fertig an und zwang mich, sie aufzuschreiben. Als ich 2014 dabei war, die x-te Version des Drehbuchs für «La belle et la meute» zu überarbeiten, ertappte ich mich dabei, wie ich fünf Tage lang nonstop an der Geschichte von «The Man Who Sold His Skin» geschrieben hatte. Nach der Lancierung des letzten Filmes sah ich mir 2017 den ersten Entwurf des Drehbuchs an und begann, ihn zu überarbeiten, bis ich eine solide Version hatte. Das Drehbuch dazu entstand also in einem langen Prozess, der mit einem Bild begann und zu eine Geschichte wurde.

Jeffrey bringt Sam in die richtige Position

Können Sie erklären, wie Sie dazu gekommen sind, Flüchtlinge in die Kunstwelt zu bringen?

Dieser Film ist die Begegnung zwischen zwei Welten, die mich beschäftigen: die Welt der zeitgenössischen Kunst und die Welt der Flüchtlinge. Es sind zwei abgeschottete Welten, die von völlig unterschiedlichen Codes bestimmt werden. Auf der einen Seite haben wir eine etablierte, elitäre Welt, in der Freiheit das Schlüsselwort ist, auf der andern eine Welt des Überlebens, die von aktuellen Ereignissen beeinflusst wird und in der die Abwesenheit von Wahlmöglichkeiten die tägliche Sorge darstellt. Der Kontrast zwischen diesen beiden Welten provoziert eine Reflexion über die Freiheit. Als der Flüchtling den Künstler trifft, meint er: «Du bist auf der richtigen Seite der Welt geboren.» Das Problem ist aber, dass wir in einer Welt leben, in der die Menschen nicht gleich sind. Trotz des Geredes über Gleichheit und Menschenrechte sorgen die immer komplexeren historischen und geopolitischen Zusammenhänge dafür, dass es zwangsläufig zwei Arten von Menschen gibt: die Privilegierten und die Verdammten.

Der Film beschreibt einen faustischen Pakt zwischen den Privilegierten und den Verdammten. Sam Ali erklärt sich bereit, dem Teufel den Rücken zu geben, weil er keine andere Wahl hat, und so betritt er die elitäre und hypercodierte Sphäre der zeitgenössischen Kunst durch eine unwahrscheinliche Tür. Sein scheinbar naiver und ungebildeter Blick präsentiert uns diese Welt aus einer anderen Perspektive als derjenigen, die das kulturelle Establishment üblicherweise zeigt. Für jemanden, der so stolz und aufrecht ist wie Sam, kann es einen in den Wahnsinn treiben, ein Objekt zu werden, blossgestellt, verkauft und von einer Seite auf die andere geschoben zu werden. Konfrontiert mit einem aussergewöhnlichen Schicksal und im Griff eines herzzerreissenden Konflikts wird Sam Ali versuchen, seine Würde und seine Freiheit wiederzuerlangen.

Sam wird als Kunstwerk für 5 Millionen versteigert

Nachbemerkung

Jeffrey Godefroy, der Künstler im Film: «Es gibt Pessimisten, die sagen, die Kunst ist tot. Ich dagegen glaube, die Kunst war nie lebendiger als heute. Mit meinem neuesten Kunstwerk erforsche ich eine ganz neue Dimension. Ich habe Sam zu einer Ware gemacht. Als solche kann er in die ganze Welt reisen. Denn in der heutigen Zeit ist der Warenverkehr freier als der Verkehr der Menschen.»

Als ehemaliger Kunsthistoriker, für den, wie ich es im Editorial meiner Website formuliere, Kunst ein Mittel sein kann, dem Leben Sinn zu geben, nehme ich traurig und wütend zur Kenntnis, wie dekadent Kunst im Kunsthandel werden kann und als kapitalistische Megamaschine die Werte der Humanität systematisch zerstört. Dies hat die Regisseurin Kaouther Ben Hanias auf überzeugende und grossartige Weise entlarvt – was mir den Glauben an die Kunst nochmals zurückgibt.

Titelbild: Das menschliche Kunstwerk wird von den Kunstliebhabern besichtigt

Regie: Kaouther Ben Hania, Produktion: 2020, Länge: 104 min, Verleih: trigon-film

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