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Worte werden Bilder

Erstmals sind Werke des belgischen Künstlers Walter Swennen in der Schweiz ausgestellt. Die Retrospektive «Das Phantom der Malerei» im Kunst Museum Winterthur umfasst mehr als 60 Gemälde, die in der Sprache sowie in der Welt der Comics verwurzelt sind.

Walter Swennen (*1946 in Brüssel) ist bei uns kaum bekannt, obschon sein Werk in Belgien durch Ausstellungen in bedeutenden Museen gefeiert und von Galerien international vertreten wird. Der Künstler arbeitet abseits des Mainstreams und ist eine Inspiration für jüngere Kunstschaffende.

Le Boniment, 2013, Private Collection Courtesy Nicolas Krupp, Basel. Foto: © Serge Hasenböhler.

Bis zum Alter von fünf Jahren sprach er zu Hause ausschliesslich Flämisch, doch dann entschieden die Eltern abrupt, nur noch Französisch zu reden. Dies erlebte der kleine Walter als «Lost in Translation», zwischen zwei Sprachen pendelnd, und die Erkenntnis setzte sich bei ihm fest, hinter jeder Bedeutung würden sich immer weitere Bedeutungen verbergen, und die Welt mache keinen Sinn: «Die Sprache ist ein Fluch. Engel kommunizieren von Geist zu Geist», so ein Zitat des Künstlers. Für ihn ist Malerei ein kontinuierliches Gespräch mit dem Phantom geworden.

Conversation avec le fantôme, 2017, Collection Carole Vanderlinden, Brussels. Der alte Mann in Rückenansicht spiegelt sich in einem Gespenst oder Phantom.

Swennens künstlerischer Weg verläuft nicht geradlinig. Als Teenager erhält er zwar Malunterricht, doch es zieht ihn weiter zur Philosophie und zu einem Psychologiestudium, das er 1973 abschliesst. In den 1960er Jahren macht er sich einen Namen als Poet im Umfeld der Beatnik-Generation. Lange beschäftigt ihn nicht das Bild, sondern die Sprache.

Walter Swennen, Untitled (mots effacés), 1981, Öl und Lackfarbe auf Papier, 250 x 160 cm, Sammlung des Künstlers.

Den Auftakt der Ausstellung macht ein frühes Bild Untitled (mots effacés) von 1981, das wie ein riesiger Notizzettel gestaltet ist. Auf einer langen Papierbahn ist in schwarzer Öl- und Lackfarbe ein flämischer Text aufgemalt, einzelne Satzteile sind lesbar, andere übermalt. Die Fliessspuren der Farbe weisen darauf hin, dass es sich um ein Gemälde handelt. Vergeblich versucht man den Text zu verstehen. Sprache und Buchstaben dienen dem Künstler nicht als Lektüre, sondern als visuelles Element.

Seiner Ansicht nach ist ein Motiv auf einem Gemälde nie mit dem Bild identisch, trotzdem seien Motiv und Malerei untrennbar miteinander verwoben. Damit unterläuft Swennen jede Form von Eindeutigkeit in der Malerei, die zwischen Sinn und Unsinn, zwischen Bedeutung und Bedeutungslosigkeit pendelt.

Piet, Georg & I, 2016, Sammlung Ringier, Schweiz. Verschiedene Gemälde beziehen sich auf Piet Mondrians Kompositionen.

Seine Kunst knüpft an die belgischen Surrealisten, an René Magritte und besonders an Marcel Broodthaers (1924-1976) an. Dieser war ebenso Dichter und Künstler und wurde sein entscheidendes Vorbild. Der Motivfundus der belgischen Comic-Tradition, die Literatur sowie Werbelogos dienen ihm ebenso als Inspiration. Zudem verbindet Swennen ikonische Bildelemente aus der Malerei der Surrealisten, Konstruktivisten und Pop-Art mit seinem Bild- und Sprachwitz sowie seinem bad painting.

Untitled (Philip Guston), 1985, Privatsammlung, Belgien.

In der Ausstellung finden sich mehrere Gemälde, versehen mit einer Art Anschrift oder Widmung, etwa Untitled (My Dear Gregory) (1982) oder Allo Patti (2011). Wen genau der Künstler anspricht, ist nicht ersichtlich. Eine Referenz an Kunstschaffende steckt in Untitled (Philip Guston): Der Geist entsteigt nicht einer Flasche, sondern einer Konservendose, die an Andy Warhols berühmte Campbell’s Soup erinnert. Und der Geist mit den Initialen P.G. spielt auf Philip Gustons (1913-1980) rauchende Kapuzenmänner an. Doch während Guston in seinen Bildern den Rassismus des Ku-Klux-Klans kritisiert, wirkt Swennens Geist mit Melone durchaus freundlich. Da Swennen selbst ein passionierter Raucher ist, erscheinen Zigarette, Zigarre oder Pfeife in mehreren seiner Bilder.

To Mona Mills, 2015. Collection Jan Meeus.

Das Gemälde To Mona Mills (2015) ist eine ironische Widmung an die Malerin und Dichterin Mona Mills. Sie ist für ihre schwülstig-allegorischen Figuren und schillernden Farben bekannt, auch für ihre Malanleitungen, etwa How to Paint Horses and Other Animals. Auf Swennens Bild erscheint ihr Name wie eine rote Signatur, umgeben vom Titel der Malanleitung in Variationen, im Zentrum die Umrisse eines Reiters, wohl ein Cowboy, daneben eine Windmühle. Vielleicht ein Verweis auf Don Quixote, aber sicher ein Wortspiel mit dem Namen der Künstlerin Mills, englisch Mühlen.

Der Hintergrund in violett und dunkelrot fliessenden Farbtönen sowie die blaue Zone im oberen Bereich erinnern an eine Landschaft des wilden Westens. Hier und auf anderen Gemälden staunt man bei näherer Betrachtung über die Gestaltung des Bildhintergrundes. Die überaus komplex aufgebauten Farbschichten und -strukturen lassen traumhafte Assoziationen zu.

Tears for N., 2011, Privatsammlung, Belgien.

Wenngleich viele Darstellungen witzig wirken, so verbirgt sich auch Trauer dahinter, wie etwa in Tears for N. (2011). Unter der weissen Deckfarbe der Ölmalerei sind geheimnisvolle Schatten wahrnehmbar, auch eine liegende Acht unter den Buchstaben. Deutlich erkennbar sind im oberen Bildsegment sieben verschiedenfarbige, stilisierte Tränen und darunter die Schrift «Tears for N.». Dieses Bild malte Walter Swennen als Hommage an Nan, seine drei Jahre zuvor verstorbene Lebensgefährtin Annick Truyens.

Titelbild: Apple & Pear, 2005, Privatsammlung, United Kingdom
Alle Bilder:
© 2022, ProLitteris, Zürich

Bis 24. April 2022
Walter Swennen, «Phantom der Malerei», im Kunst Museum Winterthur Beim Stadthaus, mehr Infos hier
Reich illustrierte Publikation zur Ausstellung mit verschiedenen Beiträgen, dt./engl., Hannibal Books, Bonn 2021, CH 39.00

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