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Psychische Belastungen während der Coronakrise

Seit Dezember 2019 ist die Welt mit Corona konfrontiert. Neben den körperlichen gesundheitsbezogenen Herausforderungen hat die Pandemie auch soziale und psychologische Folgen. Die Universität Zürich hat die psychischen Belastungen der Bevölkerung während der Krise erforscht.

In internationalen Studien wurde festgestellt, dass zu Beginn der Pandemie 29.6% der Menschen in dieser Zeit hohen Stress, 31.9% Angst und 33.7% depressive Symptome erlebt haben.  Daraus wird ersichtlich, dass die Pandemie entsprechende Aufmerksamkeit von Seiten der psychologischen Forschung erfordert.

In einer Studie zur psychischen Belastung während der Corona-Pandemie wurden von Forschenden der Universität Zürich die Reaktionen auf eine akute, langanhaltende Stresssituation  untersucht. Ein Teil der Studienergebnisse sind nicht nur spezifisch für die akute Pandemie-Situation relevant, sondern tragen dazu bei, allgemeinere Phänomene der Psychopathologie besser zu verstehen.

Drei Ziele

Das erste Ziel der Zürcher Studie war es herauszufinden, wie belastet die Schweizer Bevölkerung zu Beginn der Pandemie war. Zusätzlich war auch ein Vergleich zwischen der Stressreaktion in der Schweiz, Israel und China von grossem Interesse, da es sich um drei kulturell und sozialpolitisch sehr unterschiedliche Länder handelt.

Gibt es international Unterschiede im Erleben der Pandemie?

Ein weiteres Ziel dieser Studie war es zu untersuchen, welche Strategien genutzt wurden, um mit Stresssituationen umzugehen. Ausserdem galt herauszufinden, ob es zu einem sogenannten «posttraumatischen Wachstum» aufgrund der Pandemie gekommen ist. Schliesslich wollten die Forschenden klären, welche Faktoren (u.a. demografische Merkmale oder Einstellungen und Überzeugungen) die Unterschiede im Umgang und Erleben dieser Pandemie erklären können.

Angst vor einer Infektion

Aufgrund der Neuheit und Bedrohlichkeit, welche die Pandemie darstellte, führte sie zu einem deutlichen Erleben eines Kontrollverlusts, dessen primäre Reaktion Angst war. Über 70 Prozent der in der Schweiz Befragten hatten während der Pandemie manchmal, oft oder immer Angst vor einer Infektion. Ebenfalls über 70 Prozent zeigten sich sehr besorgt über eine unkontrollierte Ausbreitung. Signifikant war auch die Furcht vor negativen Folgen der Pandemie auf das eigene Leben.

Konsum von Alkohol und Zigaretten

21.9% der Befragten gaben an, während des 1. Lockdowns Alkohol und Zigaretten «etwas häufiger» konsumiert zu haben als vor der Pandemie. 4.2% sagten, sie hätten Alkohol und Zigaretten «viel häufiger» konsumiert als vorher. Eine Studie aus Deutschland berichtete über ähnliche Statistiken zum Zigarettenkonsum: 26.7% gaben an, seit dem Lockdown eine Zunahme ihres Zigarettenkonsums festgestellt zu haben.

Anpassungsstörungen

Gefragt wurde auch nach Symptomen einer Anpassungsstörung. Die Anpassungsstörung beschreibt eine «Fehlanpassung» infolge eines kritischen psychosozialen Stressereignisses (z.B. Scheidung, finanzielle Probleme, Krankheiten oder eben die Pandemie). Zentrale Merkmale dieser Störung sind wiederkehrende und belastende Gedanken an die stressauslösende Situation oder deren Auswirkungen und «Fehlanpassungssymptome» (z.B. Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, mangelnde Erholungsfähigkeit). Die Symptome werden innerhalb eines Monats nach dem Stressereignis entwickelt und sind mit einer Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit in Alltag oder Beruf verbunden. Die Ergebnisse wurden mit den Resultaten einer ähnlichen Studie in Israel verglichen.

Häufigere Anpassungsstörungen in der Schweiz als in Israel.

Im Vergleich zu Studienteilnehmenden aus Israel war die Häufigkeit der Anpassungsstörung bei Schweizer Studienteilnehmenden höher (Schweiz 18.8% und Israel 10.2%). Als potentielle Ursache wird einerseits die politische Lage in Israel genannt, die möglicherweise den Schweregrad der Pandemie relativiert hat, weil sich Menschen in Israel häufig mit gravierenderen Stressoren konfrontiert sehen.

Kontrollüberzeugungen

Untersucht wurden ausserdem folgende drei Formen von Kontrollüberzeugungen und deren Einfluss auf Corona-bezogene Ängste und daraus resultierendes negatives Befinden:

1) Fatalismus: Die Überzeugung, dass das eigene Schicksal von aussen bestimmt wird und die eigenen Handlungen keinen Einfluss auf den Verlauf der Dinge haben.

2) Selbstwirksamkeit: Gesundheitsbezogene Selbstwirksamkeit bezieht sich auf die Überzeugung, die eigene Gesundheit selbst beeinflussen zu können.

3) Institutionelles «Betrogenheitsgefühl»: Das Gefühl, von den eigenen staatlichen Institutionen betrogen oder im Stich gelassen zu werden. Der Zusammenhang zwischen Corona-bezogenen Ängsten und negativer Stimmung konnte sowohl in der Schweiz als auch in Israel bestätigt werden. Die persönliche Corona-Exposition (z.B. Infektion eines Bekannten oder Familienmitglieds) hatte hingegen keinen Einfluss auf das negative Befinden. Dies deutet darauf hin, dass die subjektive Einschätzung und nicht die objektive Bedrohung für die emotionalen Konsequenzen verantwortlich sind.

Stresssituationen können zu einer Stärkung der inneren Widerstandskraft führen.

Herausfordernde Zeiten können zu einem sogenannten posttraumatischen Wachstum und stärkerer Widerstandskraft in Stresssituationen führen. Als Folge der Corona-Pandemie wurden in der Studie folgende Aussagen am meisten genannt:

  1. Ich weiss jetzt, dass ich in schweren Zeiten auf andere Menschen zählen kann.
  2. Ich weiss jetzt, dass ich mit Schwierigkeiten umgehen kann.
  3. Ich würdige jeden Tag.
  4. Ich habe neue Vorstellungen darüber, was im Leben wichtig und vorrangig ist.
  5. Ich habe ein neues Gefühl dafür, wie wertvoll mir mein Leben ist. Interessant ist, dass Menschen mit stärkerer Stressreaktion mehr posttraumatisches Wachstum berichtet haben. Zudem scheint die Pandemie interessanterweise bei Frauen stärker zu Wachstum geführt zu haben als bei Männern.

Praktische Implikationen

  1. Prävention: Wichtig ist eine klare, glaubwürdige und verständliche Kommunikation und Information seitens staatlicher Institutionen.
  2. Niederschwellige Interventionsangebote: Für spezifische Risikogruppen (z.B. Jugendliche und junge Erwachsene, da sie von der Pandemie stärkere Beeinträchtigung erleben) sollten massgeschneiderte niederschwellige Interventionsangebote implementiert werden wie z.B. Informations- und Selbsthilfematerial mit unterschiedlichen Zugangskanälen. Zentral ist dabei, dass mögliche Quellen der Widerstandskraft berücksichtigt werden.
  3. Unterstützung durch Fachpersonal: Der Zugang zum Fachpersonal (z.B. Psychotherapeuten und Therapeutinnen) soll durch Internet-Optionen sichergestellt werden. Hierbei sollen dem Fachpersonal ausserdem Schulungen und Weiterbildungen ermöglicht werden.

Quelle: Universität Zürich, Zusammenfassung der Studienergebnisse «Psychische Belastung während der Coronakrise»

Psychologisches Institut der Universität Zürich

Titelfoto: Die Corona-Pandemie und damit verbundene Ängst waren Gegenstand einer Studie der Universität Zürich. Alle Fotos Pixabay.

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