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Sozialzeit-Engagement

Wie können in einer demographisch alternden Gesellschaft Dienstleistungen in Pflege/Betreuung und in der Alltagsunterstützung von älteren Personen gewährleistet werden? Ist der sogenannte «Pflegenotstand» nur ein Signal dafür, dass die Lebensarbeitszeit neu zu denken ist?

Im Kanton SG macht sich die Pro Senectute seit geraumer Zeit Gedanken, ob die Ressourcen und Kompetenzen des dritten Alters (65- bis 80-Jährige) stärker in die gemeinnützige Arbeit einbezogen werden können. Zwar sind Pensionierte oft sehr aktiv als Grosseltern, in Vereinen, in der Politik und in Projekten der Freiwilligenarbeit tätig und leisten wertvolle Beiträge für das Wohlergehen aller Generationen. Aber reicht eine bloss emotionale und symbolische Anerkennung dieser Arbeit, etwa wenn kostenlose Care-Arbeit bei Angehörigen, Nachbarn und Freunden oder unbezahlte Freiwilligenarbeit geleistet wird?

Pro Senectute SG hat seit über vier Jahrzehnten eine Kultur des Sozialzeit-Engagements entwickelt.  Dabei werden wichtige gesellschaftliche Aufgaben übernommen, die im Rahmen der traditionellen Erwerbsarbeit nicht finanziert werden könnten. Sozialzeit-Engagierte können im Unterschied zu Freiwilligen eine monetäre Entschädigung erhalten, lassen sich aber stärker verpflichten, werden in ihre Aufgaben eingeführt und weitergebildet und erleben ihre Arbeit wie Freiwillige in der Regel als sinnstiftend und erfüllend.

Die folgenden Interviews mit Peter Baumgartner (Stellenleitung der Regionalstelle der Pro Senectute Wil-Toggenburg) und zwei Sozialzeit-Engagierten ermöglichen ein klareres Bild des Sozialzeit-Engagements.

Interview mit Peter Baumgartner:

Seniorweb: Pro Senectute Wil-Toggenburg feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum am Standort Wil. Was leistet die Regionalstelle heute für die ältere Bevölkerung?

Peter Baumgartner: In den letzten 50 Jahren hat sich Pro Senectute stark entwickelt und wir haben sehr viele Angebote (vgl. Artikel: Zu Besuch bei der Pro Senectute Wil-Toggenburg). Wir sind im Bereich der Grundversorgung tätig und offerieren älteren Personen in verschiedenen Lebensbereichen das, was ihre Lebensqualität erhält und ein würdiges Alltagsleben ermöglicht. Einige brauchen nützliche Informationen, andere Gemeinschaft und Geselligkeit und wieder andere schätzen, wenn sie im Alltag unterstützt werden.

Wer finanziert diese Leistungen?

Das ist ganz unterschiedlich, je nach Art der Leistung. Grundsätzlich stammt über die Hälfte der Einnahmen aus den Beiträgen derer, die unsere Angebote nutzen, Kurse besuchen oder Unterstützungsangebote beanspruchen. Dann haben wir auch Spendeneinnahmen. Wir haben Beiträge vom Bund und Leistungsvereinbarungen mit Gemeinden für Sozialberatung, Alltagshilfe und Betreuung.

Vom Kanton erhalten Sie nichts?

Im Kanton St. Gallen ist diese Aufgaben an die Gemeinden delegiert. Die Regelungen sind je nach Kanton unterschiedlich.

Erhalten Sie als Spenden auch grössere Beiträge, etwa Legate?

Das variiert von Jahr zu Jahr. Es gab Jahre mit Legaten von 5000 Fr., aber auch mal von 100 000 Fr. Wir hoffen natürlich immer darauf, dass jemand die Pro Senectute berücksichtigt und damit für uns viele Fragen und Probleme löst.

Sie machen in der Region Wil auch Spendenaufrufe per Post in jedem Haushalt. Was schenkt das ein?

Im Vergleich zu andern Regionalstellen des Kantons SG erhalten wir die höchsten Spenden pro Kopf, worauf wir ein bisschen stolz sind. Im Jahre 2021 erreichten wir in unserer Regionalstelle mit Spenden und Legaten über 168 000 Fr.

Spendenaufrufe tragen aber auch dazu bei, dass Pro Senectute mit ihren Dienstleistungen bekannt ist und bleibt. Die Flyer, die wir mit den Spendenaufrufen verschicken, zeigen, was wir anbieten, so dass nicht wenige deswegen Kontakt mit uns aufnehmen.

Für die enorme Arbeit, die in der Regionalstelle geleistet wird, zählen Sie auch auf Sozialzeit-Engagierte (SOE). Was sind SOE?

Sozialzeit-Engagement ist eine Form der Freiwilligenarbeit. Dahinter stecken Visionen, Haltungen und Ideen. Seit vier Jahrzehnten arbeiten wir im Kanton SG mit SOE. Freiwilligenarbeit ist häufig gleichgesetzt mit Gratis-Arbeit. Das hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil ist, dass sich «grossherzige» Leistungserbringer und «bedürftige Alte» nicht auf gleicher Augenhöhe begegnen können und zwischen ihnen ein hierarchisches Gefälle entstehen kann. Die Kunden sollen nicht einfach Bittsteller sein. Sie können und wollen etwas zurückgeben und einen angemessenen Beitrag zahlen, was zu einem fairen Austausch beiträgt. Sozialzeit-Engagements basieren wie andere vergleichbare Modelle (Zeitbörse, Zeitvorsorge, Zeitgut usw.) auf einem geregelten Austausch, von Zeit resp. finanzieller Entschädigung.

 Für welche Tätigkeiten werden SOE eingesetzt und wofür festangestellte Profis?

Im Jahr 2021 arbeitete die Regionalstelle mit 15 festangestellte Profis und 337 SOE, die entsprechend ihren zeitlichen und fachlichen Ressourcen in verschiedenen Bereichen tätig waren. Grundsätzlich kommen SOE dann zum Einsatz, wenn der inhaltliche und zeitliche Hilfsbedarf geklärt ist und ein klarer Auftrag definiert werden kann. Die Profis schaffen vorgängig die Voraussetzungen, damit die Hilfe und Unterstützung auch funktionieren kann.

 Wie werden die SOE rekrutiert, in die Arbeit eingeführt und weitergebildet?

Bis jetzt sind wir in der glücklichen Lage, dass SOE sich oft durch Mund-zu-Mund-Propaganda bei uns melden, aber es kann auch sein, dass wir mal SOE mit Flyern, auf unserer Website, mit Inseraten oder mit Aushängen in Geschäften suchen. Teilweise gehen wir direkt auf Personen zu, auf die wir durch bereits bei uns Engagierte hingewiesen werden. Für Neueinsteigende gibt es Basiskurse, wo Haltungen, Werte und Ziele der Pro Senectute vermittelt werden. Später werden sie in ihren Tätigkeiten von unseren Fachkräften angeleitet, begleitet und weitergebildet. Es gibt auch Gesprächsrunden unter den SOE im Sinne einer Intervision, wo sie sich untereinander austauschen und Erlebnisse mit andern verarbeiten können. Es gibt aber auch immer wieder mal regionale oder kantonale Inputs und Weiterbildungen zu bestimmten Themen.

Wodurch unterscheiden sich SOE und Freiwillige?

Aus unserer Sicht gibt es keinen Unterschied. SOE ist eine bestimmte Ausgestaltung der Freiwilligenarbeit. Die Unterschiede der verschiedenen Modelle bestehen in der Ausgestaltung der Anerkennungsformen und Honorierung. Was allen gemeinsam ist: die Motivation liegt darin, seine Zeit und Kompetenzen sinnstiftend für einzelne oder die Gemeinschaft einzusetzen.

 Ist das Modell der SOE eine Spezialität der Pro Senectute im Kt. SG?

Ja, meines Wissens schon. Pro Senectute SG hat es vor rund 40 Jahren entwickelt, schon damals in der Überzeugung, dass soziale Aufgaben nicht einfach «verprofessionalisiert» werden sollen und können.

Könnte man das SOE-Modell nicht auf andere Organisationen übertragen?

Grundsätzlich schon. Wie erwähnt: Letztlich ist es eine Frage der Ausgestaltung der Form und Anerkennung. Andere Organisationen arbeiten oft noch mit «traditionellen» Freiwilligen. Das Modell des Sozialzeit-Engagements hat sich möglicherweise nicht durchgesetzt, weil die «reine Lehre» monetäre Entschädigung bei Freiwilligenarbeit leider immer noch ausschliesst. Mir scheint, hier gäbe es mit Blick auf den Pflegenotstand viel Potential für neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Fachleuten und SOE, um die zukünftigen Herausforderungen als Gesellschaft meistern zu können. Denn klar ist: Das werden wir nur gemeinsam schaffen.

Welche «Baustellen» sehen Sie in den nächsten Jahren für die Regionalstelle Wil-Toggenburg und für die Pro Senectute allgemein?

In Wil-Toggenburg haben wir wohl ähnliche Baustellen wie bei der Pro Senectute anderswo. Die demographische Entwicklung weist auf eine zunehmend alternde Gesellschaft hin. Das heisst nicht zwingend, dass es immer mehr Bedarf an Unterstützung gibt. Es wird darauf ankommen, dass man Ressourcen und Kompetenzen des dritten Alters (65- bis 80-Jährige) besser nutzt und für Bedürfnisse in der Hochaltrigkeit einsetzt.

Haben Sie immer noch mit dem Vorurteil zu kämpfen, die Pro Senectute sei etwas für arme, unbeholfene Greisinnen und Greise?

Das kann vorkommen. Gerade an diesem Tag der offenen Türe haben einige «Verstaubtes» erwartet. Als sie dann die attraktiven Angebote und die modernen Kursräume sahen, waren sie überrascht von dieser modernen Altersorganisation. Das Vorurteil hängt wohl mit dem Anfang der Pro Senectute im Jahre 1917 zusammen, als es noch keine AHV, Pensionskassen und Ergänzungsleistungen gab und sie sich vor allem für arme ältere Personen am Rande der Gesellschaft einsetzte.  Heute engagiert sich die Pro Senectute für ein Altern in Würde, da gehört materielle Sicherheit dazu, aber auch soziale Teilhabe, ein sinnerfüllter Alltag und Lebensfreude trotz allenfalls zunehmender Vulnerabilität.

Interview mit Vroni Rüegg, Sozialzeit-Engagierte

Seniorweb: In welchem Bereich sind Sie tätig?

Vroni Rüegg: Ich mache Alltagstraining-Gymnastik für Seniorinnen und Senioren.

Wie sind Sie zu diesem Engagement gekommen?

Eine gute Kollegin von mir leitete schon seit vielen Jahren Seniorenturngruppen. Sie erzählte mir, sie finde es lässig und es mache ihr viel Freude. Als dann eine Leiterin gesucht wurde, entschied ich mich, die Leitung der Turngruppe zu übernehmen.

Waren Sie vorher schon Turngruppenleiterin in anderen Altersgruppen?

Genau! Ich habe im Turnverein Niederhelfenschwil sechs Jahre eine Jugendriegengruppe geleitet, dann noch zwei Jahre im Erwachsenensport. Bevor ich die Leitung der Seniorengruppe übernahm, machte ich eine längere Pause.

Welche besonderen Freuden und Herausforderungen bringt die Leitung im Seniorenturnen?

Ich finde es immer wieder schön, wenn man Seniorinnen und Senioren aus dem Alltag herausholen kann. Sie motivieren sich gegenseitig und sind teilweise sehr ehrgeizig. Dadurch machen sie Übungen, die sie sich selbst nicht mehr zugetraut hätten. Innerhalb einer Gruppe schaffen sie es und haben eine Riesenfreude, und ich natürlich auch. Eine grosse Herausforderung sehe ich darin, innerhalb einer Gruppe mit zum Teil grossem Altersunterschied die Seniorinnen und Senioren zu fordern und sie doch nicht zu überfordern.

Bleiben die Teilnehmenden der Gruppe lange treu oder schnuppert man mal rein und geht dann wieder?

Es gibt beides. Einige sind schon viele Jahre dabei und pausieren wegen gesundheitlicher Probleme. Der «Nachwuchs» ist nicht sehr gross, aber es kommen immer wieder neue Seniorinnen und Senioren hinzu. Neue Teilnehmende stossen oft dazu, weil sie schon jemanden aus der Gruppe kennen.

Wie lange sind Sie schon Leiterin?

Seit sechs Jahren!

Erhalten Sie als Sozialzeit-Engagierte auch eine Entschädigung?

Ja, pro Turnstunde erhalten wir eine Entschädigung. Die Vorbereitung der Turnstunden und freiwillige Aktivitäten wie zum Beispiel Grillnachmittage usw. gehören auch dazu.  Bei Terminänderungen hat man mit Seniorinnen und Senioren zudem auch viele Telefonate, da bei ihnen Whatsapp noch nicht so verbreitet ist. Das ist Hintergrundarbeit, die nicht entschädigt wird, aber das macht mir nichts aus. Die glücklichen Gesichter unserer Seniorinnen und Senioren sind unser Lohn und geben mir Befriedigung in meiner Tätigkeit.

 Marcel Zingg (65), Sozialzeit-Engagierter

 Seniorweb: Was tun Sie in Ihrer Funktion als Sozialzeit-Engagierter?

Marcel Zingg: Ich arbeite mit im administrativen Dienst, d. h. ich gehe einmal pro Monat zu Personen, die ihre administrativen Arbeiten nicht mehr selbst regeln können (z.B. Zahlungsverkehr, Rückforderungen von Krankenkassenkosten, Ablage Korrespondenz in spezielle Ordner, Unterstützung bei der Erledigung allgemeiner Korrespondenz usw.). Zudem bin ich noch im Steuererklärungsdienst tätig. Auch da gehe ich zu den Interessierten nach Hause.

Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Monat?

Für administrative Arbeiten sind es vier Stunden pro Monat. Für Steuererklärungen arbeite ich von Januar bis Mai. Der Stundenaufwand pro Steuererklärung ist sehr unterschiedlich, je nach Schwierigkeitsgrad und Komplexität der Steuererklärung.

Haben Sie vorher schon in diesem Metier gearbeitet.

Nein, ich war früher in einer Bank tätig und wurde im Herbst 2018 auf Wunsch der Bank vorzeitig pensioniert. Dann suchte ich eine Beschäftigung, um ältere Menschen zu unterstützen. Ich habe Spass und viel Freude dabei und man lernt ja immer wieder was Neues.

Wird diese Arbeit auch finanziell honoriert?

Ja, bei Bezügern von Ergänzungsleistungen verdiene ich pro Steuererklärung 25 Franken. Bei den anderen Personen erhalte ich einen Anteil vom Betrag, der die Pro Senectute gemäss ihrem Tarif (abgestuft nach Reinvermögen des Kunden) in Rechnung stellt. Im administrativen Dienst verdiene ich 21.25 Franken/Std. inkl. Ferienentschädigung.

Sind Sie damit zufrieden?

Ja, es gefällt mir sehr gut.

Wie lange machen Sie das schon?

Seit November 2018 und ich mache weiter, solange ich gesund bleibe. Mich freut es, wenn ich Älteren etwas weitergeben kann, das ihnen das Leben erleichtert.


Peter Baumgartner hat den Vorsitz in der Stellenleitung der Pro Senectute Regionalstelle Wil-Toggenburg und leitet den Fachbereich Information und Beratung.

Vroni Rüegg ist Sozialzeit-Engagierte; Marcel Zingg ist Sozialzeit-Engagierter

Weitere Infos: Grundlagentext zum Sozialzeit-Engagement bei Pro Senectute SG: https://sg.prosenectute.ch/kcfinderimg/files/Grundlagentext_website_Mai13.pdf

Vgl. auch Artikel «Zu Besuch bei der Pro Senectute Wil-Toggenburg» unter 

https://seniorweb.ch/2022/05/08/zu-besuch-bei-der-pro-senectute-wil-toggenburg/

 

 

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3 Kommentare

  1. Danke für den spannenden Einblick!
    Welche Auswirkungen hat das Modell auf die Kosten für die Kund:innen? Die Dienstleistungen scheinen für sie zumindest teurer zu werden.
    Vgl.: «Die Kunden sollen nicht einfach Bittsteller sein. Sie können und wollen etwas zurückgeben und einen angemessenen Beitrag zahlen, was zu einem fairen Austausch beiträgt.»

  2. Der Beitrag tut gut. Speziell auch, da ich feststelle: Pro Senectute ist NICHT Pro Senectute. da gibts, wie hier, aktive Organisationen – 40 Jahre ! – dann gibts wie hier im Kt ZH eher Organisationen.
    Danke auch für den Hinweis zur Freiwilligen Arbeit. Die muss nicht zwingend monetär abgegolten werden – doch eine Anerkennung wäre dann schon was wert. Auch der Bund, die Kantone könnten Anerkennung geben, indem zu mindest Auslagen (Fahrten, Admin, etc.) von der Steuer «berücksichtigt würden.

  3. Ich war immer ehrenamtlich tätig, als Kassierin in Vereinen. Nach der Pensionierung als Seniorin im Klassenzimmer. Die Tätigkeiten waren sehr erfüllend. Ich hätte aber nie eine Entschädigung gewollt.

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