FrontKulturTriennale di Milano: Annäherung ans Unbekannte

Triennale di Milano: Annäherung ans Unbekannte

Die Mailänder Triennale findet, daher ihr Name, alle drei Jahre statt. Die Annäherung ans Unbekannte steht dieses Jahr im Fokus. Wie immer ist sie international ausgerichtet mit einem Schwerpunkt aufs einheimische Schaffen. Und traditionsgemäss stets zwischen Kunst, Design und Architektur, die in diesem Haus oft zu einer Einheit zusammenfliessen.

Der Begriff «Triennale» steht sowohl für die Kunstausstellung, die alle drei Jahre stattfindet, wie auch für das Gebäude, das sie seit 1933 beherbergt. Der markige Eingang zu einem grosszügig angelegten Museumsbau am Rand des weitläufigen Parco Sempione, der zwischen dem Castello Sforzesco und dem Arco della Pace liegt, erinnert an die Architektur der 30er Jahre. Das Gebäude wurde zwischen 1931 und 1933 erbaut und hat viele politische und gesellschaftliche Stürme überlebt. Es ist eines der Kunsthäuser, dessen Besuch sozusagen zum Pflichtprogramm eines Mailänder Besuches zählt. In den Jahren, die denen keine Triennale stattfindet, beherbergt er das Museum für Design, das vor allem Werke aus den 50er Jahren bis heute präsentiert. Zudem finden Wechselausstellungen statt, die verschiedenen Themen und Künstlern gewidmet sind.

Der markante Eingang zur Triennale erinnert an die Architektur der 30er Jahre (Alle Bilder: Jürg Bachmann)

Auf der Suche nach dem Unbekannten

Dieses Jahr hat sich die Triennale ein schwieriges Thema gegeben. Mit Künstlern und Besuchern machen sich die Kuratoren auf, Unbekanntes zu suchen und zu entdecken. Diese Aufgabe war nicht ganz einfach. Wie an der Medienkonferenz Mitte Juli zu erfahren war, begann die Planung Anfang März 2020, also knapp eine Woche bevor Italien und Europa nach Hause und in den Lockdown geschickt wurde. So mussten Thema und Ausstellung weitgehend online entwickelt werden. Entstanden ist ein «Archipel von Ausstellungen», wie Ausstellungspräsident Stefano Boeri die Triennale 2022 nannte. Mit «nützlichen Fragen zum Unbekannten im täglichen Leben» haben sich die Kuratorinnen und Kuratoren dem Thema genähert und es ausgebreitet. Dieses Unbekannte bzw. die Antworten darauf, sollen alle unsere fünf Sinne beanspruchen und uns ins Staunen versetzen, wünschen sich die Ausstellungsgestalterinnen und -gestalter.

Was sie in 18 Monaten Vorbereitungszeit zusammengetragen haben, sei eine kulturelle Explosion, sagte sie an der Medienkonferenz. In zahlreichen Teilbereichen stellen 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 23 Ländern ihre Werke vor. Die Einladung an Russland wurde im Vorbereitungsprozess zurückgezogen, dafür Werken aus Afrika viel Platz eingeräumt.

Der Planet Afrika befinde sich auch im Wandel und dürfe nicht vergessen werden.

Der Besuch erfordert Aufmerksamkeit und Zeit – und Pausen

So viel Kunst und Anregung ist anspruchsvoll. Aus diesem Grund haben sich die Veranstalter ein Eintritts-Ticket einfallen lassen, das den mehrmaligen Zugang zur Triennale als Ganzes zulässt, wobei jeder Pavillon insgesamt nur ein Mal besucht werden darf. Das ermöglicht immerhin auch längere Pause zwischen einem Besuch und dem anderen und gibt die Gewissheit, am Schluss doch alles gesehen zu haben. Ein Tipp für die Pause und um wieder den grossen Blick zurückzugewinnen: der Besuch des nahegelegenen Aussichtsturmes, der Torre Branca, benannt nach ihrem Sponsor, dem Fernet Branca.

Die Torre Branca, ebenfalls aus den 30er Jahren, steht gleich neben der Triennale und bietet nach einer abwechslungsreichen Liftfahrt einen wunderbaren Ausblick über Mailand und die Region von den Alpen bis zum Apennin.

Grosszügige Räume, viele Exponate

Eingerichtet ist die Ausstellung auf drei Stockwerken und in beiden Flügeln des Gebäudes. Jedem Sektor ist ein Titel zugeordnet. Gute Informationen zur Vorbereitung gibt es unter diesem Link:  https://triennale.org/23a-triennale-di-milano. Da jeder Teilbereich von einem eigenen Konzept getragen wird, sind viele Exponate zusammengekommen. Allein schon die Übersicht in jedem einzelnen Bereich zu bekommen, braucht Aufmerksamkeit und Zeit. In länderspezifischen Räumen sind Werke aus Österreich, Burkina Faso, China, Zypern, Kroatien, Frankreich, Deutschland, Ghana, Kenya, Lesotho, Mexiko, der Roma und Sinti, Niederlande, Polen, Tschechien, Kongo, Ruanda und Serbien vertreten. Die Schweiz fehlt und Italien hat seinen eigenen Pavillon.

Kunst ist Design und Design ist Kunst

Wo sonst das Design-Museum untergebracht ist, hat sich für die Triennale 2022 Italien installiert. Werke aus Design und Architektur dominieren dennoch.

Immer wieder fällt auf, wieviel Aufmerksamkeit und Engagement italienische Architekten und Designer dem Wohnbereich zumessen.

In Italien waren Kunst und Künstler, Architekten und Designer immer nahe beieinander. Gute Beispiele dafür sind Künstler aus der Zeit des Futurismus, die sowohl Kunst wie Werbegrafik gestalteten. Bekannt ist insbesondere Fortunato Depero aus dem oberitalienischen Rovereto, der neben seinen Kunstwerken über viele Jahre der Marke Campari das werbliche Gesicht gab. Die Fassade des Campari-Hauptsitzes in Milano Sesto San Giovanni stammt von ihm. Sie kann bis heute besichtigt werden, da Mario Botta, der das Haus, das auch das Campari-Museum beherbergt, umbaute, die Fassade stehen und restaurieren liess.

In der Triennale ist auch ein Werk zu sehen, von dem man nicht recht weiss, wie man es bezeichnen soll. Ist es eine Installation oder ein Gesamtkunstwerk? Es ist jedenfalls der Nachbau einer Wohnungseinrichtung aus den 60er Jahren. Der Architekt Ettore Sottass hat es für die Wohnung eines Freundes entworfen, den Grafiker und Drucker Giovanni Lana, der diese Wohnung im Quartier Solari in Mailand lange bewohnt hat.

Die Wohnung ist originalgetreu nachgebaut und zeigt die rationelle, praktische Wohnweise der 60er Jahre. Links, versenkt, der Plattenspieler, ein wichtiges Requisit für gepflegte Stunden im eigenen Heim.

Indem Architekt Sottass auf drei Seiten je einen Diwan platzierte, schuf er die kommunikationsfreundliche Piazza. Hinter dem Holzgeflecht rechts oben versteckt sich ein Bilderlager, das von der hinteren Seite zugänglich ist und aus dem der Wohnungsbewohner Giovanni Lana für sich selber regelmässig Wechselausstellungen machte.

Beim Besuch in der «Casa Lana» wird der Besucher in die 60er Jahre zurückversetzt, was auch manche Kindheitserinnerung wachruft.

Vielfältige Geschichte

Wer neben der aktuellen Triennale 2022 Interesse hat an der Geschichte der Triennale und ihren vielen Ausstellungen, findet auf der Website eine gute Übersicht: https://triennale.org/archivi. Da Kunst, Design und Architektur hier zusammenfliessen, findet sich manche bekanntes und vertrautes Stück, ebenso bekannte Namen. Die Triennale dieses Jahr dauert bis zum 11 Dezember 2022.

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