FrontKulturEin Garten in Kabul

Ein Garten in Kabul

Kabul, Hauptstadt des von Kämpfen geschüttelten Afghanistan, galt als die «Stadt der Gärten». Die Ausstellung «The Other Kabul. Remains of the Garden» im Kunstmuseum Thun zeigt, was die Künste zum Blühen bringt.

Gärten haben in orientalischen Kulturen einen hohen Stellenwert, gesellschaftlich und emotional. Die beliebte, riesige Gartenanlage Bagh-e Babur in Kabul – eine Art «Volkspark» – war 1992 im damaligen Krieg zerstört worden. Aber was einst gewesen ist, hören wir vom Politikwissenschaftler Ekkehart Krippendorff, kann wieder sein. Dies wurde zum Motto der Ausstellung.

Zwischen 2000 und 2008 war das verwüstete Terrain entmint, restauriert und neu bepflanzt worden; und dann nahmen die Menschen ihre alte Tradition wieder auf, sich dort zu treffen und in grossen Familien- und Freundesrunden ausgiebig zu essen, zu spielen und zu schwatzen. 2018 wurde der Garten zum Ausgangspunkt eines Projekts und damit Anlass für zwanzig Künstlerinnen und Künstler, über ein «anderes Kabul» nachzudenken.

Arshi Irshad Ahmadzai: Serie Bagh-e Babur. 2021/22. Papier maché, Tusche und Blattgold auf Manjarpat. Im Auftrag des Vereins Treibsand. Courtesy die Künstlerin.

Die 16-teilige Serie von Arshi Irshad Ahmadzai, die 1988 in Afghanistan geboren wurde und nun in Weimar lebt, ist eine Hommage an Bagh-e Babur. Sie orientiert sich an der Architektur des Gartens und bezieht typische islamische Elemente ein. Die klaren Formen spiegeln die Schönheit des Gartens.

Nicht nur in Afghanistan, sondern im ganzen mittelasiatischen Raum, wo sich viele Kulturen begegnen, wurde der Garten stets mit Sorgfalt gepflegt. Eine persische Gartenanlage mit Bäumen, Hecken, fliessendem Wasser und oft einer Ummauerung gilt den Menschen als paradiesischer Ort im wahrsten Sinne des Wortes. Das Wort Paradies stammt nämlich aus der altiranischen Sprache: pairi daēza bezeichnet eine eingezäunte Fläche. In biblischen Texten gibt es einen verwandten Begriff für «Park», bzw. für einen «von einem Wall umgebenen Baumpark».

(Ausschnitt) Latifa Zafar Attaii: Eintausend Individuen. 2021/22. Passfotografien, Stickerei, Holz, Farbe. Im Auftrag des Vereins Treibsand. Courtesy die Künstlerin.

Die 1000 kleinen Portraits der jungen Künstlerin Latifa Zafar Attaii (1994 in Ghazni geboren, lebt in Teheran) richten sich gegen soziale und geschlechtsspezifische Ausgrenzungen und gegen die Leugnung der Menschenrechte. Die kleinen Bilder zeigen lebende Personen und sind den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen der Künstlerin gewidmet, die der Ethnie der Hazara angehören. Diese werden nicht nur in Afghanistan, sondern auch in den umliegenden Ländern diskriminiert. – In Werken anderer Künstlerinnen kommt die Unterdrückung der Frau ebenfalls zum Ausdruck.

Ifthikar Dadi und Elizabeth Dadi: Aufblühende Blumen (von links nach rechts: Wasserlilie, Tulpe, Lotusblüte). Neon, Glühbirnen, Aluminium, verschiedene Materialien. Mit Unterstützung der Durjoy Bangladesh Foundation. Courtesy die Künstlerin / der Künstler und Jhaveri Contemperary

Die drei weithin leuchtenden Blüten des Künstlerpaars Dadi sind Beispiele für die vielfältige Bildsprache von Blumen. Sie dienen als Symbol der Heimat, werden aber auch als politische Embleme gebraucht – oder missbraucht.

Das tiefe Blau von Lapislazuli zieht an anderer Stelle den Blick an. Der Niederländer Pieter Paul Pothoven (1981 geboren) befasst sich schon seit langem mit der Geschichte der Lapislazuli-Minen in Afghanistan. Seit über 6000 Jahren wird Lapislazuli dort in höchster Qualität abgebaut und in aller Welt gehandelt. In Pothovens Installation ist ein Stück Gestein zu sehen. In feinste Steinscheiben zerschnitten, zeigt sich zwischen den verschiedenen Schichten faszinierendes Blau. Gegenüber hängen Stoffquadrate, mit Lapislazuli in verschiedenen Nuancen gefärbt.

Die Ausstellung, die wir nun im Kunstmuseum Thun anschauen können, wurde seit 2018 von der Kuratorin des Vereins Treibsand Susann Wintsch und der Künstlerin Jeanno Gaussi entwickelt. – Die beiden ahnten damals noch nicht, dass 2021 Afghanistan wiederum in frauen- und kunstfeindliche Zustände zurückfallen würde. Die Kuratorinnen liessen sich davon nicht beirren. Im Gegenteil: Sie waren entschlossen zu zeigen, wieviel Fantasie und Gestaltungskraft freiwerden, wenn Aufgeben kein Thema ist. Keines der Werke stellt die Zerstörungen, denen das afghanische Volk und seine Kultur seit 50 Jahren ausgesetzt ist, propagandistisch zur Schau. Wer sich auf die Arbeiten einlässt, erkennt jedoch das Leiden in und hinter den Darstellungen.

Shahida Shaygan: The Doll Project. 2021/22. 100 Objekte, die an feinen Fäden von der Decke herabhängen; verschiedene Materialien. Im Auftrag des Vereins Treibsand. Courtesy die Künstlerin.

Das «Puppenprojekt», soll als Portrait der Stadt Kabul verstanden werden. Die Puppen unterscheiden sich stark, sind zum Teil aus Abfall von Kabuler Strassen hergestellt, einige zerbrachen auf der Reise in die Schweiz. Sie sind ein Symbol für die Empathie, die jedem Menschen zusteht, und zugleich für die Abgründe des Lebens.

Ursula Palla: Fireweed / Weideröschen. Bronze, patiniert, Unikat. 202x22x18 cm. Courtesy die Künstlerin

Das schöne, blasslila Weideröschen (fireweed) wächst überall, es breitet sich auf Brand- und Trümmerflächen schnell aus. Es überwindet also Gewalt und Krieg und steht für neues Leben und Fruchtbarkeit. Ausgangsmaterial für die Skulpturen von Ursula Palla (1961 in Chur geboren) sind u.a. Waffen, die in der Legierung eingeschmolzen, bzw. zu Bronze umgeschmolzen wurden.

Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler stammen nicht alle aus Afghanistan selbst, denn der kulturelle Raum ist weit grösser als das gebirgige Land in Zentralasien. Immer schon waren diese Berge und Täler Durchgangsland für wandernde oder erobernde Völker. Die Herrscher der indischen Mogulzeit stammten ursprünglich aus Gebieten nördlich von Afghanistan.

Die Künstlerinnen aus Europa oder Kanada engagieren sich wohl aus Verbundenheit mit dem afghanischen Volk. So entsteht ein breites Spektrum von künstlerischer Auseinandersetzung mit den Gärten der Menschen, denen das Paradies abhanden gekommen ist.

Kunstmuseum Thun: The Other Kabul. Remains of the Garden. Bis 4. Dezember 2022

Titelbild: Ausschnitt aus Shahida Shaygan: The Doll Project. 2021/22. 100 Objekte, verschiedene Materialien. Im Auftrag des Vereins Treibsand. Courtesy die Künstlerin.
(Alle Fotos mp)

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