Um Unterdrückung und quälender Vergangenheit zu entkommen, floh die junge Shewit unter Lebensgefahr aus Eritrea. Mit 15, nach dreijähriger Odyssee und Gefängnis in Libyen, erreichte sie das Land ihrer Hoffnung. Die Genferin Cineastin Anne-Frédérique Widmann hat über diese Reise den Dokumentarfilm «Freedom. Le destin de Shewit» gedreht: fesselnd und tief berührend, notwendig, weil er auch für viele andere gilt, wunderbar, weil er hoffen lässt. Ab 6. Oktober im Kino.
Sieben Jahre nach ihrem Aufbruch war Shewit in der Schweiz, ist noch immer noch ohne Aufenthaltsgenehmigung und weiterhin in den Händen der Behörden. Als Migrantin auf Zeit und von Abschiebung bedroht, gibt sie nicht auf und kämpft weiter dafür, eine freie Frau in einem freien Land zu werden. Von diesem Kampf erzählt der Film.
Porträt einer mutigen jungen Frau
Von Armut und Gewalt getrieben, fliehen Tausende Teenager ohne ihre Familien aus Afrika nach Europa. Mit 13 Jahren verliess auch Shewit Eritrea, allein. 2015, nach zwei Jahren im Sudan, überquerte sie das Mittelmeer, um in die Schweiz zu kommen. «Lange habe ich geschwiegen. Ich war nicht bereit zu sprechen. Erst jetzt möchte ich alles erzählen», meint sie, endlich in der Schweiz.
Dann sprudelt es aus ihr heraus, begründet in ihrer offenen Persönlichkeit, begünstigt durch die Regisseurin, die sie mit Neugier und Empathie begleitet, unterstützt von Eliane Ruckstuhl und Leandro Monti an der Kamera, der Montage von Stephan Rytz und der Musik von Coco Francavilla. Das Team hilft uns, stets die richtige Nähe zu Shewit einzunehmen ‒ und dass es eine eindrückliche Begegnung mit der sympathischen jungen Frau wird.
Mit Träumen die Zukunft suchend
Ein Roadmovie von innen heraus
Allgemein bekannt sind Roadmovies aus den verschiedensten Ländern und Zeiten. «Freedom» jedoch ist ein Roadmovie, das von dem handelt, was vor und was während der Reise im Innern der Protagonistin geschieht. Wir erfahren, was sie denkt und fühlt, wovor sie sich fürchtet und worauf sie sich freut, wie sie mit all diesen Gedanken und Gefühlen umgeht ‒ und was sie schliesslich tut.
Was die junge Eritreerin in diesen Jahren alles erlebt, hier wiederzugeben, nähme dem Film die Spannung. Denn spannend ist er vom Anfang bis zum Ende, nicht mit Action-Thrill, sondern innerlich und intim, weil es hier um einen Menschen geht, der uns nahegekommen ist, uns etwas angeht, wie er sich von Episode zu Episode entwickelt. Dass jede und jeder von uns die beobachteten Details und vorbeiziehenden Handlungen mit dem verbindet, was wir zu den Themen Flucht, Frausein, Heimat, Zukunft, Eritrea schon wissen und erfahren haben, macht den Film für uns zu einem persönlichen Erlebnis. (Siehe dazu als Ergänzung und Weiterführung die Fussnoten am Schluss.)
Um der Unterdrückung und ihrer Vergangenheit zu entkommen, flieht Shewit unter Lebensgefahr aus Eritrea und macht sich auf den Weg in eine neue Welt. Mit 15 Jahren, nach einer dreijährigen Odyssee, kommt sie in der Schweiz an. Auch sieben Jahre später, ohne Aufenthaltsbewilligung und ständig von der Abschiebung bedroht, gibt sie nicht auf und kämpft weiter dafür, eine freie Frau zu werden ‒ ein grossartiger zehnjähriger Kampf um Emanzipation und Freiheit! Der Film erzählt eindringlich und anteilnehmend das Schicksal von Shewit, ist ein zutiefst bewegendes und kompromissloses, ein intimes und kraftvolles Porträt einer Frau, die für ihre Träume kämpft.
«Freedom. Le destin de Shewit» erhielt an den Solothurner Filmtagen 2026 den Publikumspreis und wurde am Genfer Filmfestival und am Internationalen Forum für Menschenrechte (FIFDH) 2026 ausgezeichnet.
Sich ins neue Berufsfeld einarbeitend
Die Regisseurin
Anne-Frédérique Widmann wurde 1965 in Genf geboren, machte 1989 den Bachelor in Internationalen Beziehungen am Institut des Hautes Études Internationales in Genf und produziert seit 2003 Reportagen für die Sendung «Temps Présent» bei Radio Télévision Suisse (RTS). Ihr Dokumentarfilm «Free Men» von 2018 wurde auf mehreren internationalen Festivals ausgezeichnet. 2019 erhielt sie den Prix Jean Dumur für ihr Gesamtwerk.
Können Sie uns etwas über Ihre Entscheidungen bei der Umsetzung erzählen?
Dieser Film besteht aus zwei Arten von Bildern. Zum einen sind da die Aufnahmen, die über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden sind, zum anderen die eher filmischen Bilder mit Nahaufnahmen und subtilen Zeitlupen. In den ersten Bildern begleiten wir Shewit im Laufe der Jahre, sehen, wie sie heranwächst, stolpert und wieder aufsteht.
Die zweite Art von Bildern vermittelt Shewits Stimme und Gedanken aus der Distanz. Auf poetische Weise verdeutlichen sie ihre transformative Erfahrung. Der Film erzählt in der Ich-Form: Sie lässt uns Anteil nehmen an ihrem Leben, begleiten sie auf ihrem Weg von der jugendlichen zur erwachsenen Frau, die sie geworden ist, mit ganzem Herzen und den eigenen Worten.
Shewit mit einer Kamerafrau
Fussnoten zu Eritrea, den Eritreer:innen und ihrer Immigration in die Schweiz
Die folgenden Texte sollen nicht den Film deuten; «Freedom. Le destin de Shewit» spricht für sich, deutet sich selbst. Sie können jedoch behilflich sein, wenn die Thematik des Films weiter diskutiert werden soll:
1: Wikipedia: Die Eritreer sind mit 37 339 Personen die grösste afrikanische Minderheit in der Schweiz (Stand 31. März 2025). In der Schweiz besteht nach Deutschland und Schweden die drittgrösste eritreische Gemeinde in Europa. Geschichte: Während des eritreischen Unabhängigkeitskriegs verliessen zahlreiche Eritreer als Flüchtlinge und Asylsuchende ihr Land auch in Richtung Schweiz. Nach dem Krieg flohen weitere Eritreer vor der Diktatur Isayas Afewerkis in die Schweiz.
2: Aufenthaltstitel von Eritreern in der Schweiz. Antwort des Bundesrates auf eine Anfrage von Nationalrätin Barbara Steinemann: Per Ende Juni 2023 leben in der Schweiz 43 357 Personen aus Eritrea. Rund 9 400 haben eine Niederlassungsbewilligung C, wovon 8 500 anerkannte Flüchtlinge sind. Weiter haben etwa 25 300 der eritreischen Personen in der Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung G, wovon wiederum etwa 21 700 anerkannte Flüchtlinge sind. Dazu kommen circa 8 300 vorläufig Aufgenommene. Weitere 350 Personen sind Asylsuchende.
3: Schweizerische Flüchtlingshilfe: Die Menschenrechtslage in Eritrea ist weiterhin katastrophal und zwingt jedes Jahr mehrere Tausend Menschen zur Flucht. Die Schweizer Behörden erlassen Wegweisungsverfügungen gegen eritreische Staatsangehörige, obwohl ihnen bei einer Rückkehr Verhaftung und Folter drohen. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) fordert deshalb eine Asylpraxis, die dem Schutzgedanken stärker Rechnung trägt und die Regulierung des Aufenthaltsstatus ermöglicht.
Titelbild: Übers Meer
