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Was vom Erbe bleibt

Eine aufsehenerregende Erbschaft erhielt das Kunstmuseum Bern 2014. Nun zeigt es in der Ausstellung «Gurlitt. Eine Bilanz» die Ergebnisse seiner umfangreichen Provenienzforschung.

Über 1600 Zettel hängen in der luftigen Eingangshalle, und zwar zweimal an den gegenüberliegenden Wänden. Es sind A-4-Kopien aller Kunstwerke aus dem Legat Gurlitt, an der einen Wand die Vorderseiten, an der anderen die Rückseiten, denn diese sind für die Provenienzforschung besonders wichtig.

Nachdem das Testament von Cornelius Gurlitt 2014 in München eröffnet worden war und bekannt wurde, dass dieser das Kunstmuseum Bern als Alleinerbe eingesetzt hatte, war die Überraschung gross, und ebenso gewichtig waren die Bedenken, es anzunehmen. Denn es bestand Verdacht auf Raubkunst. Hildebrand Gurlitt, Cornelius’ Vater, war als Kunsthändler des NS-Regimes bekannt.

George Grosz: o. T. [Strassenszene], ohne Datum. Feder in Schwarz [Tusche], über Aquarell, auf Papier [vergé] 47,9 x 56,6 cm. Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014

Diese Ausstellung zeigt die Herausforderungen im Umgang mit Kunstwerken und ihrer Geschichte, im Wissen, dass der Wechsel der Eigentümer selten freiwillig war. Die Ausstellung zeigt auch, wie verantwortungsvoll, offen und historisch korrekt mit Kunst umgegangen werden kann, wenn man sich nicht auf Ästhetik und Kunstgeschichte beschränkt, sondern das Schicksal der durch das NS-Regime Verfolgten und Geschädigten ernst nimmt. Wir erhalten in 14 Stationen Einblick in acht Jahre Provenienzforschung. Und das ist so spannend, dass man daraus einen Thriller schreiben könnte.

Im Dezember 2021 nahm das Kunstmuseum Bern die Werke aus dem Nachlass Gurlitt endgültig in seine Sammlung auf. Fünf Werke wurden an die Bundesrepublik Deutschland zurückgegeben. Neun Werke konnten restituiert werden, und zwei Werke konnten den Nachfahren von zwei Familien übergeben werden. Die letztgenannten Rückgaben beruhen auf den «Washingtoner Prinzipien» von 1998, die zu einer «gerechten und fairen Lösung» verpflichten. Diese Prinzipien – Grundsätze für die Rückgabe von Vermögenswerten aus der Zeit des Holocaust – wurden von vielen Staaten unterzeichnet, auch von Einzelpersonen wie Cornelius Gurlitt, er war einer der ersten privaten Unterzeichner.

Die Kriterien der Beurteilung. Jedes Bild erhält eines der Symbole. Grafik des Kunstmuseums Bern (Foto mp)

Schritt für Schritt wird der Besucherin vor Augen geführt, was für komplexe und knifflige Fragen sich auf der Suche nach der Herkunft eines Kunstwerks stellen. Ein Kunstwerk erhält nach seiner Vollendung eine Geschichte. Die herauszufinden, braucht historische Kenntnisse, Wissen über die Besitzerwechsel und Hinweise am Kunstobjekt selbst. Provenienzforschende arbeiten deshalb eng mit Restauratorinnen und Restauratoren zusammen. Aus dieser Arbeit entsteht die Autopsie eines Werkes: Beschriftungen und Etiketten, spätere Veränderungen, Alterserscheinungen, alles wird dokumentiert.

Provenienzmerkmale. Ausstellungsansicht (Foto mp)

Da beginnen die teils unlösbaren Fragen: 70% der Werke wurden manipuliert, d.h. die Indizien der Herkunft wurden auf verschiedene Arten vertuscht: Stempel früherer Besitzer, z.B. Namen von früheren Besitzern oder von Museen oder andere Besitzmarkierungen wurden ausgekratzt, ausradiert oder abgeschnitten. Beispiele sehen wir in der Ausstellung. In fast jeden Saal steht in der Mitte ein Tisch, der Originale zum Saalthema zeigt. Im Gurlitt-Erbe befinden sich auch Mappen mit Grafiken, die offensichtlich unvollständig sind. – Was geschah mit den fehlenden Blättern? Wurden sie einzeln verkauft? Einzelne Kunstwerke erhielten einen anderen Rahmen – wohl nicht zufällig.

Leerstellen. Ausstellungsansicht (Foto mp)

Provenienzforschung bewegt sich zwischen Extremen, sie kann in aufwendiger Recherche zu einem guten Ende kommen oder aussichtslos bleiben, erklärt Nikola Doll, Kuratorin und Leiterin der Provenienzforschung. Sofern sich nach all den Jahrzehnten noch Indizien für die ursprüngliche Besitzerin findet, sind die Gesetze klar: Das Kunstwerk muss zurückgegeben werden. Anders verhält es sich mit Werken, die sich in Museumsbesitz befanden und von den Nazis als «Entartete Kunst» verboten wurden. Durch die NS-Regierung wurde 1938 ein Gesetz genehmigt, das die Enteignung in einem solchen Fall erlaubte. – Es wurde seither nie ausser Kraft gesetzt.

1937 fand in München die berühmte Ausstellung «Entartete Kunst» statt, für Freunde der modernen Kunst eine Freude, sofern sie sie anschauen durften, – Nationalsozialisten und ihre Anhänger nutzten sie propagandistisch als Abschreckung. Aus dieser Schau wurden 1939 in einer Auktion eines privaten Kunsthändlers in Luzern viele Werke versteigert. – Auch Hildebrand Gurlitt war dabei.

Kriegsgeschäfte. Ausstellungsansicht (Foto mp)

Wer waren die Gurlitts? Von Cornelius Gurlitt (1932-2014), Sohn von Hildebrand Gurlitt (1895-1956), ist äusserst wenig bekannt. Er hatte wie sein Vater Kunstgeschichte studiert, dazu eine Ausbildung als Restaurator abgeschlossen, lebte wohl sehr zurückgezogen. Wenn er Geld brauchte, verkaufte er ein Kunstwerk aus der Sammlung seines Vaters. Auf die Sammlung wurde die Steuerfahndung 2012 aufmerksam. Warum er das Kunstmuseum Bern als Erbe einsetzte, ist unbekannt. Ausser den Kunstwerken besitzt das Museum, wie Nina Zimmer, Direktorin von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee, erzählt, noch eine Anzahl Schlüssel von Schliessfächern, von denen niemand weiss, wo sie sich befinden.

Max Beckmann: Zandvoordt Strandcafé, 1934. Aquarell mit Gouache über Spuren einer Vorzeichnung mit Kohle auf Papier. 49,9 x 65 cm. Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt

In der Familie Gurlitt sind Künstlerinnen, Wissenschaftler, Schriftstellerinnen vertreten – und eine jüdische Grossmutter. Hildebrand Gurlitt verkehrt seit Jugend in der Dresdner Künstlerszene und beginnt nach dem Kunstgeschichtsstudium, in Zwickau ein kleines Museum mit moderner Kunst aufzubauen. Auf Druck des rechtsnationalistischen Ortsverbands wird er 1930 entlassen; anschliessend in Hamburg als Leiter des dortigen renommierten Kunstvereins gerät er wieder in Schwierigkeiten.

Chargesheimer: Hildebrand Gurlitt, ohne Datum [1955]. Fotografie  © Koblenz, Bundesarchiv (Nachlass Cornelius Gurlitt)

Seitdem widmet er sich dem Kunsthandel. Einerseits versucht er, die Tatsache seiner jüdischen Grossmutter zu verschleiern, andererseits gelingt es ihm seit 1938 als Händler, für Goebbels’ Propagandaministerium «entartete Kunst» zu kaufen und weiterzuverkaufen. 1945 nehmen ihn die Amerikaner kurz in Gewahrsam und unterziehen ihn der «Entnazifizierung». Mit Hilfe von Max Beckmann, mit dem er gute Kontakte gepflegt hatte, erhält er seine Sammlung zurück und kann weiterhin als Kunsthändler und Kurator wirken. – Was für ein Mensch war er wohl?

Gurlitt muss ein gutes Auge für Qualität besessen haben, davon zeugen die ausgestellten Werke. Es lohnt sich, die Ausstellung zweimal anzuschauen, einmal um die historischen und fachlichen Fakten zu begreifen, und einmal um sich an der Schönheit der Gemälde und Grafiken zu erfreuen.

Gurlitt. Eine Bilanz. Kunstmuseum Bern bis 15. Januar 2023.

Titelbild: Blick auf eine Wand in der Eingangshalle mit A-4-Kopien aller Kunstwerke aus dem Legat Cornelius Gurlitt (Foto mp)

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