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Drama zwischen Macht und Liebe

Am Opernhaus Zürich erlebte am Sonntag Gaetano Donizettis «Roberto Devereux» eine gefeierte Premiere. Regisseur David Alden schliesst mit dieser Inszenierung seine Zürcher Tudor-Trilogie ab, zu der auch «Maria Stuarda» und «Anna Bolena» gehören. Unter den vielen Debüts sorgte vor allem dasjenige von Inga Kalna in der Hauptrolle der Elisabetta I. für eine Überraschung.

Das Zürcher Opernpublikum war mit der Koloratur-Königin Edita Gruberova in vielen Hauptrollen ihres Fachs verwöhnt. Auch die aktuelle Donizetti-Produktion würde eigentlich mit der technisch schwierigen Partie der Elisabetta eine Paraderolle für Gruberova bereithalten. Doch die von vielen geliebte Koloratur-Diva verstarb im Herbst 2021 in Zürich. Ein Jahr zuvor hatte sie ihre Sängerkarriere beendet.

Gruberovas Schatten

Für Inga Kalna ist das natürlich kein leichtes Erbe. Die aus Riga stammende Lettin hat viel mit Marc Minkowski im Bereich der Alten Musik gemacht, Händels «Alcina» wurde zu einer ihrer Paraderollen. Am Opernhaus Zürich nimmt sie sich nun neue Partien vor: 2022 debütierte sie hier als Madame Lidoine in Poulencs «Dialogues des Carmélites», nun greift sie nach der hochdramatischen Partie der Elisabetta, der Hauptrolle in Donizettis «Roberto Devereux».

«Elisabetta» ist eine komplexe Figur, die ständig zwischen Liebe, Macht und Eifersucht schwankt. Dem entsprechend komplex hat Donizetti ihre vokalen Linien komponiert. «Die Partie der Elisabetta hat wunderbare kantable Stellen,» so Dirigent Enrique Mazzola im Programmbuch, «die dann aber auffällig oft durch schroffe Sept-, Oktavsprünge oder sogar Nonen gebrochen werden. Der Rhythmus ihrer Partie ist voller Synkopen und plötzlicher Pausen, ihre Melodien voller Überraschungen.»

Inga Kalnas grossartige Elisabetta

Neben diesen hohen gesangstechnischen Anforderungen fordert die Elisabetta aber auch eine starke Bühnenpräsenz. Wie Inga Kalna in ihren historischen Kostümen zur lebendigen Frau wurde, wie sie ihre Verzweiflung nicht nur sang, sondern auch spielte, war grosse Klasse. Wie man derart schwierige Sprünge und Koloraturen rein intonieren und dazu eine Rolle erst noch glaubwürdig spielen kann, ist mir stets ein Rätsel. Inga Kalna prägte den ganzen Abend stark und wusste das kritische Premierenpublikum restlos zu begeistern.

Elisabetta I. (Inga Kalna) und ihre Vertraute und Rivalin Sara (Anna Goryachova).

Es war denn auch vor allem ein Abend der grossen Stimmen. Anna Goryachova debütierte als Sara, die einerseits die engste Vertraute der Königin ist, andererseits aber auch deren verhasste Nebenbuhlerin. Hin und her gerissen zwischen ihrem Mann, dem Duca di Nottingham, Roberto und ihrer Freundin Elisabetta, weiss Goryachova als Sara mit weicher Stimme farblich sehr zu differenzieren, und sie bleibt auch als Opfer stark.

Ein Tenorpartie mit vielen Facetten

Die beiden männlichen Hauptpartien sind der Duca und Roberto Devereux. Stephen Costello singt die spannende und wunderbare Tenorpartie des Devereux nicht zum ersten Mal. Die Figur ist ambivalent, als Günstling der Königin schliesst Roberto einen heimlichen Vertrag mit Irland, das er eigentlich bekämpfen sollte, und begeht damit Hochverrat. Die Königin selbst hintergeht er mit Sara, der Frau seines besten Freundes, dem Duca di Nottingham. Costello brilliert als Roberto nicht nur in seinen verzweifelten Arien, er weiss auch in den Duetten mit Sara einfühlsam zu betören.

Stephen Costello als Roberto Devereux. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/ Toni Suter)

Und schliesslich der Russe Konstantin Shushakov, der in Zürich erstmals den Duca di Nottingham gestaltete. Sein sonorer Bariton gab dieser gleich doppelt betrogenen Figur eine echte Tragik, Shushakov vermochte aber auch schauspielerisch zu überzeugen. Kommt dazu, dass der Chor (Einstudierung Janko Katelic), aufgeteilt in Männer- und Frauenstimmen, trotz der wenigen Einsätze stark prägte. Das Kommentieren des Geschehens wird von Donizetti sparsam, aber dramaturgisch effektvoll eingesetzt.

Ein Bühnenbild für die gesamte Trilogie

Regisseur David Alden führt die Figuren ausdrucksstark, auch setzt er die Choristen wunderbar in Szene. In den historischen Kostümen von Gideon Davey wirken die Sängerinnen und Sänger historisch und modern zugleich. Das Bühnenbild – eine kahle Steinmauer mit einem sich drehenden Halbrund in der Mitte – kennt man schon aus Aldens früheren Tudor-Inszenierungen her. Es ermöglicht auch hier einfache, schnelle und fliessende Szenenwechsel. Umso stärker wirken die historischen Gemälde, die an der Mauer befestigt sind, und die prachtvollen Kostüme vor allem der Elisabetta und des Roberto Devereux.

Leichtfüssige und präzise Begleitung
Unter der Leitung von Enrique Mazzola, dem Donizettis Musik wie auf den Leib geschnitten ist, spielt die Philharmonia Zürich mit schlankem Ton und rhythmischer Verve. Sie trugen am Premierenabend die debütierenden Sängerinnen und Sänger mit präziser, dramatisch packender Akzentuierung und weichen Kantilenen durch die vielen Stimmungswechsel der Partitur. Das Publikum liess sich mitreissen und war begeistert.

Weitere Aufführungen: 9, 12, 17, 22, 26 Feb / 4, 7, 17 März. www.opernhaus.ch

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