StartseiteMagazinKulturJA, NEIN, WEISS NICHT. Musterdemokratie Schweiz?

JA, NEIN, WEISS NICHT. Musterdemokratie Schweiz?

«Getriiwi liäbi Landsliit», wie halten Sie es mit unserer Demokratie? «Ja, nein, weiss nicht. Musterdemokratie Schweiz?» lädt ein, unserer (fast) perfekten Demokratie im Museum Salzmagazin in Stans auf den Grund zu gehen.


Landsgemeinde ohne Frauen. 1970 (Foto Keystone)

Wir fordern Mitsprache und beteiligen uns selten. Wir leben in einer Demokratie-Idylle und das schon lange. Die moderne Schweiz wurde vor 175 Jahren mit der Bundesverfassung von 1848 begründet. Neu übten Vertreter des Volkes die oberste Gewalt im Bund aus. Heute gilt die Schweiz als Musterdemokratie mit weitgehendem Mitspracherecht.

Und doch streiten wir. Krisen wie die Pandemie und der Krieg in der Ukraine führen zu hitzigen Diskussionen über unser Demokratieverständnis. Wer spricht denn eigentlich mit bei politischen Entscheidungen? Welche Mittel der Mitsprache stehen uns zur Verfügung? Und wo stösst unsere Demokratie vielleicht an ihre Grenzen?

Landsgemeinde ohne Frauen. 1970 (Foto Keystone)

Die Schweiz gilt als Vorzeigedemokratie mit weitgehendem Mitspracherecht.  Nicht alle verstehen unter Demokratie dasselbe; Streit, Unzufriedenheit und Krisen gehören dazu.  Die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher sind aufgefordert, ihr eigenes Stimm- und Wahlverhalten zu analysieren, darüber zu diskutieren und sich einzubringen.

Seit dem späten Mittelalter gab es in Nidwalden die Landsgemeinde. Zwar wurde sie 1996 vom Stimmvolk abgeschafft. Der Kanton ist aber immer noch geprägt von dieser Frühform der Demokratie. Die Ausstellung beginnt mit einem Blick auf die Nidwaldner Landsgemeinde: Objekte, Dokumente, Filme und ausgewählte Tondokumente von Landsgemeinderednerinnen und -rednern werden präsentiert.


Rasante Schritte in die Zukunft: Oberdorf. 1961. Foto: Arnold Odermatt

Auf dem nachgebauten Härdplättli kann erahnt werden, wie es war, vor tausenden von Menschen sein Anliegen in einer kurzen, prägnanten Rede vorzubringen. Die Ausstellung beleuchtet verschiedene Aspekte der politischen Mitsprache. Nach dem Blick in die Vergangenheit analysiert die Ausstellung im ersten Obergeschoss des Salzmagazins unsere heutige Demokratie. Es werden verschiedenen Gefässe der Demokratie präsentiert.

Der aus dem Schweizer Fernsehen bekannte Nidwaldner Comedian Robin Picki  und der Obwaldner Filmemacher Maximilian Lederer haben den Nidwaldnerinnen und Nidwaldnern auf den Zahn gefühlt. Welche Themen interessieren Sie, welche politische Initiative würden sie lancieren?


Plakate  aus früheren Zeiten Foto: Josef Ritler

Im Einkaufszentrum Länderpark in Stans haben sie die Initiativvorschläge den Einkaufenden präsentiert und zur Abstimmung vorgelegt. Welche Themen kommen in die Endauswahl? Die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher haben die Gelegenheit ihre eigenen Themen zu notieren oder gar selbst ein Ausstellungsplakat zu gestalten.

Nicht nur die formellen Elemente der Politik, wie z.B. Abstimmungen, Wahlen oder Demonstrationen prägen unsere Demokratie. Die politische Teilhabe geht über das Ausfüllen des Stimmzettels hinaus. Wer am Familientisch oder im Klassenrat diskutiert, wer Leserbriefe schreibt oder soziale Medien konsultiert, redet mit.


Abstimmungsplakat Foto: Josef Ritler

Die Ausstellung lädt ein, sich an den grossen Stammtisch zu setzen und mit anderen Ausstellungsbesuchenden zu diskutieren, wann, wie und wo sie mitreden. Das extra für die Ausstellung kreierte Kartenspiel «Gesetz oder (unnützes) Geschwätz» präsentiert auf amüsante Weise was es auch bedeuten kann, wenn alle mitreden dürfen.

Digitale Formate erleichtern vielen den Zugang zum öffentlichen Geschehen. Gleichzeitig setzen sie eine hohe Kompetenz voraus, die Informationen zu beurteilen. Fehl- und Falschinformationen verbreiten sich unkontrolliert.  Nicht alle Menschen, die in der Schweiz leben, haben ein Stimmrecht. Und nicht alle Menschen, die ein Stimmrecht haben, machen davon Gebrauch.


Nidwaldner Landammännern Foto: Josef Ritler

Abstimmungsthemen sind oft komplex und es ist nicht einfach sich für JA oder NEIN zu entscheiden. Die Ausstellung bietet Gelegenheit bei vier Themen direkt abzustimmen. Gibt es im Verlauf der Ausstellung ein klares Abstimmungsresultat oder entscheiden sich vielen Besuchende für die Möglichkeit WEISS NICHT?

Im Dachgeschoss des Salzmagazins widmet sich die Ausstellung der Bundesverfassung von 1848. Anhand von vier verschiedenen Politikern, darunter der bekannte Louis Wyrsch (Borneo Louis) wird die Rolle Nidwaldens bei der Ausarbeitung der Bundesverfassung aufgezeigt. Nidwalden und auch andere konservative Kantone haben den Inhalt der Bundesverfassung stark beeinflusst.


An diesem runden Tisch kann man sich informieren, diskutieren oder liken. Foto:Josef Ritler

Das föderalistische System und das Zweikammersystem mit Ständerat und Nationalrat sind auf die Voten der konservativen Tagsatzungsgesandten bei der Ausarbeitung der Verfassung zurückzuführen. In der Landammännergalerie werden Nidwaldner Staatsmänner aus verschiedenen Jahrhunderten präsentiert. Es zeigt sich, dass die Themen und die Entwicklung einer Gesellschaft immer auch von den Interessen einzelner Personen abhängen. Wer gute Argumente hat und viele Menschen von seiner Idee zu überzeugen weiss, der kann vieles verändern.

Im Rahmen der Ausstellung erscheint die Publikation «Hand i d› Luft oder d› Fuischt im Sack». Sie beleuchtet insbesondere die Tradition der Landsgemeinde. Die Historikerin Isabelle Zimmermann beschreibt in ihrem Text eine kurze Geschichte der Landsgemeinde in Nidwalden die Entwicklung der Landsgemeinde seit dem Mittelalter bis zu ihrer Abschaffung im Jahr 1996.

Der Historiker und Journalist Simon Mathis ermöglicht mit Getriiwi liäbi Landsliit. Erinnerungen an die Nidwaldner Landsgemeinde den Blick in den Landsgemeindering. Zeitzeugen erzählen davon, als die Frauen noch kein Stimmrecht hatten, was es bedeutete, auf dem «Härdplättli» zu stehen, und wie es war, als die Landsgemeinde abgeschafft wurde.
Titelbild – Mit dem Harsthorn wurde die Landsgemeinde eröffnet. Foto Josef Ritler

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