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Arbeitende Kinder im Forum Schweizer Geschichte

Die neue Ausstellung „Arbeitende Kinder“ im Forum Schweizer Geschichte in Schwyz beleuchtet, wie Kinder im 19. und 20. Jahrhundert mit ihrer Arbeit zum Familieneinkommen beitrugen.

Sie zeigt auf, wie die gesetzlichen Massnahmen sowie das Schulobligatorium ausbeuterische Arbeitsformen einzuschränken begannen. Die Ausstellung dauert bis 27. Oktober 2024.


Beim Museumseingang. «Ischä» (Eisabbau) in Rothenthurm. Winter 1959/1960. Fotograf Pfarrer Pius Züger

Kinder hüteten Vieh, misteten den Stall aus und halfen beim Heuen. Sie klöppelten, spinnten oder fabrizierten Strohschnüerli in Heimarbeit. Kinder unterstützten ihre Familien schon immer bei verschiedenen Tätigkeiten, besonders in der Landwirtschaft. Mit dem Aufkommen der Industrie wurden Kinder vor allem in den Textilfabriken als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, auch in der Schweiz.


Milchtransport – Jugendliche, sowie Knaben als auch Mädchen sind oft als Milchkuriere unterwegs. Sie tragen die frisch gemolkene Milch, die nicht auf der Alp konsumiert oder verarbeitet wird, in einem am Rücken getragenen Gefäss ins Tal.

Mädchen und Buben mussten schon immer mitanpacken, wurden früh in den Arbeitsprozess integriert und leisteten oft einen unentgeltlichen Beitrag für das finanzielle Überleben ihrer Familie. In Rothenthurm SZ halfen sie im Winter beim «Ischä» (Eisabbau), in Gersau SZ arbeiteten sie in der Seidenfabrik und in Einsiedeln kolorierten sie Heiligbilder.


Junge Hirten. Zwei Knaben machen eine Rast mit den Ziegen, die sie hüten. Mit Hemd und Hose sommerlich bekleidet sind sie barfuss mit den Tieren unterwegs von einem Weideplatz zum nächsten.

Die neue Ausstellung beleuchtet die verschiedenen Aspekte der damaligen Arbeit von Kindern und zeigt, welche Tätigkeiten sie verrichteten. Was etwa sind die Aufgaben vom «Lädelibueb» oder dem «Streicherkind»? Weshalb waren Kinderhände in der Stickerei so gefragt? Und wie sticht man Torf? Besonders im Fokus stehen dabei die damaligen Verhältnisse in der Zentralschweiz

Geheimsprache – Kaminfeger haben ihre eigene Sprache. Der Kaminfeger-Jargon genannt, «taröm di rüsca» ermöglicht es, sich innerhalb der Gruppe auszutauschen, ohne von Aussenstehende verstanden zu werden.

Die Kinder arbeiteten viele Stunden, übernahmen gefährliche sowie gesundheitsschädigende Aufgaben und durften oft nicht in die Schule. Erst mit der Einführung des obligatorischen Schulunterrichts 1874 und der Annahme des Eidgenössischen Fabrikgesetzes 1877 wurde Schulbildung ein Grundrecht und die Arbeit von Kindern unter 14 Jahren in der Schweiz verboten.

Kinder in der Seidenindustrie. In Gersau wie anderswo in der Textilindustrie ist Kinderarbeit im 19. und bis Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitet. Das belegen Fotografien, Arbeitsverzeichnisse, mit Bussen belegte Ermahnungen zum Schulbesuch sowie Gesuche um Dispensen für Kinder, die in der Fabrik arbeiten.

Doch gerade in ärmeren und abgelegenen Regionen waren Kinder weiterhin als Arbeitskräfte vonnöten – oder wurden in die Fremde geschickt. Traurige Berühmtheit erlangten dabei die Schwabenkinder aus Graubünden, die Fremdplatzierten, Heim- und Verdingkinder oder die Tessiner Spazzacamini, die in Italien Kamine reinigten. Auf ihre Schicksale wird in der Ausstellung speziell eingegangen.

«Spitzeln» am Meter. Im Lauterbrunnental kommt es auf Bergbauernhöfen noch in den1930er-Jahren vor, dass Kinder das Klöppeln erlernen. Und es ist selbstverständlich, dass jedes Kind pro Tag einen halben Meter Spitzen abliefert.

Und wie ist die Situation heute? 1997 ratifizierte die Schweiz die UNO-Konvention über die Rechte des Kindes. Weltweit müssen heute noch immer 160 Millionen Mädchen und Buben ab fünf Jahren arbeiten, etwa auf Plantagen, in Fabriken oder Minen.


Die Dorfschule von 1848, Albert Anker, 1895/96. Der Lehrer steht frontal vor den Schultischen, an denen wenig aufmerksame Buben sitzen. Die Mädchen  sitzen vertieft in ihre Lesebücher an der Seite. Die hängenden Küferwerkzeuge in der Ecke weisen auf den Nebenverdienst des Lehrers und damit auf die schlechte Bezahlung der Lehrkräfte hin.

Im Museum zu erleben sind dazu verschiedene historische Objekte, bildgewaltige Fotos, Dokumente, Medienstationen sowie Zeitzeugenaussagen – ja sogar zur Thematik passende Düfte können erschnuppert werden: etwa Heu und Mist (Landwirtschaft), Maschinenöl (Fabrik), Kohl im Keller (Heimarbeit) oder Russ (Kaminfegerkinder).


Schulstube


Die Schweiz unterzeichnet 1997 die UNO-Kinderrechtskonvention. Mit dieser Super-Justitia erinnert das Kinderdorf an diesen rechtlichen Meilenstein. Kunstgiesserei St. Gallen 2019

Am Ende der Ausstellung können Museumsgäste ihre eigenen Erlebnisse oder jene ihrer Eltern oder Grosseltern an einer Medienstation erzählen oder festhalten.
Fotos von der Ausstellung: Josef Ritler

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1 Kommentar

  1. Superartikel über die arbeitenden Kinder und Jugendlichen. Habe selbst einen Beitrag über die Schwabenkinder im Rahmen meiner Bachelorarbeit geschrieben und eine Eins erhalten

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