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Kafkas Werkstatt – Der Schriftsteller bei der Arbeit

Wie arbeitet Kafka an seinem Schreibtisch? Mit dieser Frage beschäftigt sich Andreas Kilcher, ETH-Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft, in seinem neuesten Buch. Warum war für Kafka vieles an der Moderne unheimlich, voller Widersprüche, sinnlos, kränkend und ermüdend. Der Leser mag sich fragen: Haben wir das Leiden an der Moderne überwunden?

Kilcher, der mit Unterbrüchen über zwei Jahrzehnte an diesem Buch geschrieben hat, will den Textarbeiter Kafka in den Blick nehmen. Er verzichtet explizit auf biographische, psychisch-existenzielle, klassische und poetologische Deutungen von Kafkas Werken und stellt fest: «Kafka liest, indem er schreibt. Damit ist die zentrale Frage dieser Untersuchung zu Kafkas Arbeitsweise gestellt: diejenige nach dem Zusammenspiel von Lesen und Schreiben. Wie funktioniert Lesen, wenn es produktiv auf das Schreiben bezogen ist? Und wie funktioniert Schreiben, wenn es aus dem Lesen hervorgeht?»

Kafka als Leser-Schreiber

Kafka ist ein «gieriger» Leser mit viel «Appetit», der neben literarischen Texten (etwa von Goethe, Dostojewski, Robert Walser, Kleist und Grillparzer) Zeitungen, Zeitschriften, Buchkataloge durchstöbert oder in sich aufsaugt, wach oder im Halbschlaf liest und sich gewissermassen bewusst/unbewusst schwängern lässt. Was daraus in Kafkas Texten landet, ist oft unkenntlich, stark transformiert, verrätselt, bruchstückhaft. «Das verändert auch das Verständnis der Vieldeutigkeit von Kafkas Texten. Denn diese können unterschiedliche Bezüge gleichzeitig aufweisen». Damit widerspricht Kilcher einem Kafka-Bild, das sein Schreiben als die geniale Geburt eines Einzelgängers versteht, dessen Texte aus ihm herausbrechen.

Odradek

Andreas Kilcher exemplifiziert das komplexe Verhältnis von Lesen und Schreiben bei Kafkas Rezeption und Produktion von Texten am kurzen Text Kafkas mit dem Titel Die Sorge des Hausvaters, in welchem «die ganz und gar merkwürdige Gestalt mit dem ebenso merkwürdigen Namen Odradek» auftaucht. Was Bertolt Brecht als Geheimniskrämerei und Unfug zurückweist, ist für Walter Benjamin eine Einladung, «gerade solche Texte in ihrer ‘Tiefe’ auszuloten.»

Odradek. Zeichnung von Elena Villa Bray (aus Wikimedia Commons)

Andreas Kilcher macht sich daran, in das Rätsel Odradek hineinzuleuchten, indem er Die Sorge des Hausvaters mit Gesprächen der Moderne, die auch Kafka umtreiben, in Verbindung bringt, nämlich Psychoanalyse, Marxismus, Zionismus und Okkultismus.

Leserinnen und Leser, die an der Moderne, der Postmoderne oder der Gegenwart leiden, fragen sich vielleicht, ob die Themen, die Kafka irritiert, verängstigt und in Machtlosigkeit versetzt haben, auch heute noch aktuell sind. Betrachten wir die vier Themenbereiche aus der Persepktive von gegenwärtigen Problemlagen.

  1. Psychoanalyse: Hat der Mensch die Vormachtstellung des Bewusstseins gegen die Machenschaften des Unbewussten wieder errungen? Ist er wieder «Herr im Haus». Ist er dank Selbstverwirklichungsstreben, Selbstmanagementtechniken neoliberaler Souveränität und «Ich bin meines Glückes Schmied»-Mantra weiter? Oder irritiert ihn die Komplexität der inneren und äusseren Welt mehr als zu Kafkas Zeiten? Hat er mehr Schwierigkeiten, Facts von Fakes und unbewusste von bewussten Absichten zu unterscheiden. Ist die KI eine weiterer Angriff auf den «Herrn im Haus» oder steht sie ihm zu Diensten?
  1. Marxismus: Kilcher hebt bezogen auf das Ding/Unding Odradek das «Geheimnis der Ware» hervor und zitiert dazu Adorno: « Ware ist einerseits das Entfremdete, an dem der Gebrauchswert abstirbt, anderseits aber das Überlebende, das fremd geworden die Unmittelbarkeit übersteht.» Wie viel Unsinn wird produziert, nur weil man damit Geld machen kann, ohne darauf zu achten, ob man das Produzierte auch sinnvoll gebrauchen kann oder ob es nur rumsteht und den Weg verstellt und schliesslich als Abfall in Form von Mikroplastik die Meere verschmutzt oder den Klimawandel befeuert. Dem Abschöpfen des Mehrwertes durch die einen, entspricht die Verarmung der anderen. Die Entfremdung in der Arbeits- und Warenwelt und die Schere zwischen Arm und Reich haben sich im Spätkapitalismus verschärft.
  1. Zionismus: Als Die Sorge des Hausvaters 1919 in einer Zeitschrift erschien, ortete der Herausgeber Weltsch darin ein «spezifisch modern jüdisches Desorientiertheitsgefühl.» Mit der zionistischen Bewegung sollte mit der Gründung des Staates Israel das Heimatgefühl ermöglicht werden. Im Jiddischen sieht Kafka allerdings einen «verwirrten Jargon». Kilcher dazu: Kafka erkennt «im Jiddischen die Signatur der Diaspora, der Zerstreuung, des «unbestimmten Wohnsitzes.»»Die  Flüchtlingsströme der Gegenwart, das Unbehaustsein, die Flucht aus der Armut, der Multikulturalismus einerseits und die nationalistischen Abgrenzungsstrategien anderseits sind Zeichen eines verheerenden globalen Desorientierungsgefühls in der Gegenwart.
  1. Okkultismus: Odradek ist gespenstisch, ein Unding, rätselhaft und steht für all das Unheimliche in Kafkas Textes. Kafka beschäftigt sich mit Okkultismus, Spiritismus und Höheren Welten. Er schreibt 1903 an Pollak: «Ich lese Fechner, Eckehart. Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses.» Heute sind Antworten der traditionellen Religionen auf das Unverständliche weniger hoch im Kurs als auch schon. Esoterische und spirituelle Zirkel kommen und gehen. Akrobatische und verschwörungstheoretische Antworten finden Freunde und Gegner. Vernünftige Umgangsweisen mit der Rätselhaften der Welt finden nur bei einigen Anklang. Was rational durchgetaktet scheint, erweist sich plötzlich als Irrsinn.

Enzyklopädie oder Gegen-Enzyklopädie der Moderne

Kafka, der sich mit Psychonanalyse, Marxismus, Zionismus und Okkultismus beschäftigt, ist kein Psychoanalytiker, kein Marxist, kein Zionist, kein Okkultist, sondern ein Literat. Und Andreas Kilcher, der an der Sorge des Hausvaters und an Odradek Kafkas Leiden an der Moderne aufzeigt, ist ein äusserst beeindruckender Literatur- und Kulturwissenschafter, der uns mittels Kafka mit Irritationen der Moderne konfrontiert.

Die Leserschaft kann sich aufgerufen fühlen, sich einen Reim auf die enzyklopädischen Probleme der Moderne zu machen. Oder ist es mehr als ein Reim? Kafka hat dazu eine klare Meinung in einem Brief an Pollak, 1904: «Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beissen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? (…) Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt (…), ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Herz in uns.» (Kafka, zit. in Kilcher, S.119).

Kilchers Buch kann eine Axt sein, Unbewusstes bewusst zu machen, das Wirtschaften gemeinwohlorientiert  zu organisieren, den Globus so zu gestalten, dass überall Heimat möglich ist und das Gespenstische und Verängstigende durch Mitgefühl zu zähmen.

Andreas Kilcher ist Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft an der ETH Zürich. Er hatte zahlreiche Gastprofessuren inne, so an der Princeton und der Stanford University, Der Hebrew University in Jerusalem und der Tel Aviv University.

Titelbild: Zeichnung von Franz Kafka: Mann zwischen Gittern. (von Wikimedia commons)

Porträt von Andreas Kilcher (Foto von Beat Steiger anlässlich der Buchvernissage im Literaturmuseum Strauhof Zürich vom 8. Mai 2024)

Buch: Andreas Kilcher: Kafkas Werkstatt. Der Schriftsteller bei der Arbeit. München 2024. ISBN: 978 3 406 81505 8 (ab 16. Mai 2024 im Buchhandel)

Siehe auch den Artikel «Kafka. Türen, Tod & Texte» in Seniorweb über die Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof

 

 

 

 

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