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Sehen, hören, lesen: Kafka

Der 100. Todestag von Franz Kafka hat ein regelrechtes Kafka-Jahr ausgelöst. Eine Perle in der Kette der Ereignisse ist die Ausstellung «Kafka. Türen, Tod & Texte» im Literaturmuseum Strauhof in Zürich.

Franz Kafka, gelebt und gestorben in Prag mit nur 40 Jahren am 3. Juni 1924, ist der Schriftsteller, der nie und von niemandem je ganz vergessen wurde. Wer die Romane und Erzählungen nicht gelesen hat, hat vielleicht die Verfilmungen gesehen oder zumindest das Wort kafkaesk mehr oder minder gedankenlos, aber wohl in der passenden Bedeutung verwendet.

Porträt von Franz Kafka um 1917

Ohne den Mentor und Freund Max Brod, der Kafkas letzten Willen in den Wind schlug, er möge alle nachgelassenen Werke, Notizen und Briefe nach dem Tod verbrennen, wäre die Weltliteratur um eine wichtige Stimme ärmer, denn publiziert war beim Tod des Dichter an Tuberkulose, erst ein kleiner Teil des Werks: Die grossen Romane, Der Prozess oder Das Schloss wurden erst posthum zu Klassikern der Weltliteratur.

Literatur im Museum ausstellen ist eine Herausforderung. Die beiden Kuratoren im Strauhof, Rémy Jaccard und Philip Sippel finden immer wieder überzeugende Lösungen, die einen so richtig ins Thema eintauchen lassen. Diesmal in die Gedenkausstellung zum 100. Todestag von Franz Kafka. Gleich beim Eingang wird das erste Wort des Titels Türen, Tod & Texte mit einem wandfüllenden Filmstill aus Orson Welles› The Trial realisiert: eine winzige männliche Figur steht vor einer gigantischen Türe.

Installationsansicht : der schwarze Gang

Weiter führt der Weg zu Kafka direkt hinein in seine Obsession, schreiben zu müssen. Schreiben – immer nachts – war für den im Berufsleben erfolgreichen Juristen existentiell. So ist der anschliessende lange Gang schwarz, schmal und dank eines Spiegels endlos. Links und rechts sind weissleuchtende Rechtecke, wie Türrahmen, auf denen Texte in weisser Leuchtschrift zu lesen sind: Tagebuch-Einträge und Briefe. Die Tagebuchauszüge belegen Kafkas Schreib-Nöte und -Zwänge. Und nebenbei erfahren wir aus der Korrespondenz einiges über sein Beziehungsnetz: Es gibt Briefe an den Verleger Kurt Wolff, an die zweimal mit ihm Verlobte Felice Bauer, an seinen Arbeitgeber, die Arbeiterunfallversicherungsanstalt in Prag, und immer wieder an den Freund Max Brod, der ihn lebenslang begleitet, bis er dessen letzten Willen nicht erfüllt. Sondern dafür sorgt, dass Kafkas Texte gedruckt, übersetzt, gelesen werden. Zum Teil auch so lektoriert, wie Brod es damals für richtig hielt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Installationsansicht: Der Salon

Die kleine dunkle Treppe führt in den Salon des Strauhof, den grossen Raum mit der Stuckdecke. Diesmal als Audio- und Bibliothek mit Primär- und Sekundärliteratur eingerichtet. In einer Vitrine sind verschiedene Erstdrucke ausgestellt, aber vor allem kann das Publikum über Kopfhörer eine Auswahl von Texten zu Türen hören, bequem auf Sitzsäcken hingefläzt oder auf einer Bank. Der Blick schweift vielleicht zur fragilen Installation in der Raummitte, deren virtuelle Wände und transparente Türen dauernd in zitternder Schwebe ein aufgeblättertes Buch als Lichtquelle umgeben. Kurze Audios mit Rezensionen gibt es am Kopfhörer in blau, während die Originale  über den roten Kopfhörern ins Gehirn fliessen.

Mit den roten Kopfhörern direkt zu Kafka, mit den blauen zu Texten über sein Werk

Die Zeichnung einer sitzenden Figur ist Fragment aus einem Konvolut von Zeichnungen, die Max Brod gesammelt, aber mit Ausnahmen nie gezeigt hat. Die rund 150 Zeichnungen lagen mit Teilen des Nachlasses seit den 50er Jahren in einem Zürcher Banksafe. Nach langwierigen Streitereien vor Gericht gelangten die Zeichnungen samt einem grossen Teil des Nachlasses 2016 in denBesitz der Nationalbibliothek in Israel, nachdem Brods Erbinnen unverschämt viel Geld mit dem Nachlass gemacht hatten.

Die Treppe im Strauhof

Ein weiteres Kafka-Strichmännchen grüsst von der Treppe aus, die ins Obergeschoss führt. Waren unten die Stationen Türen – zum hören und Texte – zum sehen, empfängt uns oben im Flur die Installation zum Tod. Die Räume seitlich sind der Nachwirkung und Aufarbeitung gewidmet.

Eine museumsgerechte Darstellung von dem, was es über Kafka zu sagen gibt, ist zu erkunden, sein Lebenslauf als Timeline mit wichtigen persönlichen und allgemeinen Fakten, aufgelockert mit Fotografien, dazu erhellende Auszüge aus den Werken von Reiner Stach und Andreas Kilcher, den grossen Kafka-Spezialisten. Beispielsweise über Kafkas Verhältnis zu seinem Vater, den er als übermächtig empfinden musste. Oder über den Stellenwert seines Brotberufs als Jurist einer Versicherung, seine komplexen Beziehungen zu den Frauen, die er liebte, oder auch seine Interessen an technischen Errungenschaften, Kunst und Literatur und sein Engagement in Sport und Gesundheit. Wir gewinnen das Bild eines Mannes, der alles andere als ein mönchischer Schreiber im Elfenbeinturm war, als der er von einer früheren Generation in der Wissenschaft gesehen wurde, was vielleicht auch mit dem Brod’schen Zensurstift zu tun hatte.

«Mein Leben lang bin ich gestorben, und nun werde ich wirklich sterben,» schreibt Kafka am 5. Juli 1922 seinem Freund Max Brod. Installationsansicht.

Fast unvorstellbar ist, wie der Schriftsteller einerseits in seinem Beruf als Jurist erfolgreich arbeitete, dazu nächtelang schrieb, neben den literarischen Texten Tagebücher und unzählige Briefwechsel führte, ohne auf Reisen, Kaffeehaus- und andere Lustbarkeiten zu verzichten.

Kafkas Bücher sind Weltliteratur, das zeigt ein weiterer Raum in der Ausstellung, realisiert mit zahllosen Postkarten, Verlagsprospekten, Flyern und Fotos aus der ganzen Welt. Klaus Wagenbach sagte es so: «Er ist als weltberühmter Autor ins Land seiner Sprache zurückgekommen.» Denn nach dem Nazireich musste auch Kafka, wie manche anderen vergessenen Autoren in Deutschland wiederentdeckt werden.

Das Testament mit der Aufforderung an Max Brod, den Nachlass zu vernichten. Doktor Kafkas Schrift ist leicht lesbar. Das gilt zunächst auch für seine Literatur, auch wenn die Lektüre viel Nach-Denken erfordert.

Schliesslich erzählen Schreibende der Gegenwart in einer Audio-Installation, was ihnen Kafka bedeutet. Wir hören was Katrin Röggla, Clemens J. Setz und Nicolas Mahler fasziniert. Der Autor und Comic-Zeichner Mahler hat mit Komplett Kafka eine Bildergeschichte gezeichnet, die der Ambivalenz von «todernst erzählten Witzsituationen» eine Plattform gibt.

Am Ende des Rundgangs haben wir viel gehört und gelesen, vielleicht auch einiges verstanden und manchmal auch lachen müssen, wenn aus Kafkas nüchternen Sätzen beklemmende Bilder entstehen, groteske Figuren eine tragische Handlung weiterführen und am Ende doch vieles rätselhaft bleibt. In dem berührenden Nachruf, den seine langjährige Übersetzerin und Gefährtin Milena drei Tage nach Kafkas Tod in einer Prager Zeitung veröffentlicht hat, sagt sie: «Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, aber die Bücher, die er schrieb, waren grausam und schmerzhaft.»

Bis 12. Mai
Titelbild: Zeichnung von Franz Kafka, 1912
Fotos: © Strauhof, Zeljko Gataric; E. Caflisch
Hier gibt es Informationen für Ihren Besuch und zu den Veranstaltungen im Museum Strauhof
Zur Ausstellung ist ein Reader erhältlich, eine Broschur, in der es Bildmaterial sowie alle Texte zum Nachlesen gibt.
Die Ausstellung ist Teil des internationalen Festivals Kafka 2024.

Soeben ist die sechsteilige Serie «Kafka» im Fernsehen angelaufen. Die Autoren Daniel Kehlmann und David Schalko haben sich eng an Kafkas Leben und Werk orientiert. In der Titelrolle ist der Schweizer Schauspieler Joel Basman zu sehen.  Heute Abend zeigt das erste deutsche Fernsehen die zweite Hälfte der Miniserie aus sechs Teilen.

 

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