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Wenn das Leben grausamer ist als der Tod

Die Näherin Frieda Keller hat ihr fünfjähriges, durch Vergewaltigung gezeugtes Kind aus Verzweiflung getötet und soll zum Tode verurteilt werden. Dieses Ereignis von Anfang des letzten Jahrhunderts erschütterte die Schweiz, ist aber auch heute noch weltweit aktuell. Die Regisseurin Maria Brendle hat mit «Friedas Fall» und der grossartigen Julia Buchmann in der Titelrolle ein differenziertes, empathisches und aufwühlendes Meisterwerk über ein Frauenschicksal geschaffen.

In einer Ära des gesellschaftlichen Umbruchs kämpften 1904 zwei Anwälte in einem bewegenden Fall um Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Die tragische Geschichte der jungen Näherin Frieda Keller entfachte eine Debatte über Scham, Ethik und Emanzipation. Die Anwälte und ihre Familien rangen mit persönlichen und moralischen Konflikten, während der aufsehenerregende Prozess das damalige Rechtssystem herausforderte. Der Fall stand im Brennpunkt einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung über Recht und Gerechtigkeit.

Staatsanwalt Walter Gmür und Verteidiger Arnold Janggen sahen sich nicht nur mit beruflichen, sondern auch persönlichen Herausforderungen konfrontiert, die ihre Auffassung von Moral und Gleichheit hinterfragten. Erna Gmür, die Ehefrau des Staatsanwalts, entdeckte in ihrer Zuneigung zu Frieda die Wahrheit über die Ungerechtigkeiten, die Frauen zu ertragen haben. Gesine Janggen, die Frau des Verteidigers, setzte sich entschlossen für Friedas Rechte ein und drängte ihren Ehemann, für Gleichstellung vor Gericht zu kämpfen.


Mutter und Sohn

Die öffentliche Aufmerksamkeit, verstärkt durch Proteste und grenzüberschreitende Berichterstattung, stellt das patriarchale Rechtssystem infrage und bringt die Anwälte an den Rand ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten. Inmitten dieses Tumults setzt sich ausgerechnet Staatsanwalt Gmür für Friedas schliesslich höchst fragwürdiges Gnadengesuch ein. Enthüllt wird damit ein heuchlerisches System, das Männer schützt und Frauen für Taten verurteilt, für die sie nicht verantwortlich sind.

Diese Geschichte hinterfragt die Rolle der Frau in der Gesellschaft sowie den Umgang mit Scham und Moralvorstellungen. «Friedas Fall» ist nicht nur die wahre Erzählung eines tragischen Schicksals, sondern auch ein Spiegel gesellschaftlicher Debatten über Gleichstellung, die bis in die heutige Zeit und weit über unsere Landesgrenzen hinaus fortwirkt.


Frieda mit Freund

Ein Meisterwerk

Erschüttert von Friedas Schicksal, aufgewühlt von der gesellschaftlichen Thematik und glücklich über die Schönheit des Films überfluten mich begeisterte Worte über die Leistungen aller Beteiligten hinter und vor der Kamera, der Regisseurin Maria Brendle, der Hauptdarstellerin Julia Buchmann in ihrer ersten Hauptrolle, aber auch aller übrigen Darstellerinnen und Darsteller, und ich schliesse mich den vielen positiven Besprechungen in der Presse vollumfänglich an.

Directors Interpretation

«Friedas Fall» erzählt den wahren und aufsehenerregenden juristischen Prozess um Frieda Keller im Jahr 1904. Dabei wird nicht nur ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte beleuchtet, sondern auch die Herausforderung ungewollter Mutterschaft in einem frauenfeindlichen Gesellschafts- und Rechtssystem aufgezeigt.

Die Ambivalenz der Titelfigur aufzuzeigen, war mir wichtig. Wer ist der Mensch hinter der Frau, die dazu fähig ist, ihr eigenes Kind umzubringen? Auf diese Suche möchte ich die Zuschauer in diesem Film mitnehmen. Die Frage, ob die Täterin auch zugleich Opfer ist, zu dem man Empathie aufbauen kann, steht für mich dabei im Mittelpunkt.

«Friedas Fall» ist für mich nicht nur eine cineastische Erfahrung, sondern ein Aufruf zur Empathie und Veränderung im Streben nach einer gerechten und gleichberechtigten Gesellschaft. Die Allianz von starken weiblichen Nebenfiguren veranschaulicht die Wichtigkeit weiblicher Solidarität und engagierter Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung.

Der Film fordert dazu auf, den gesellschaftlichen Kontext zu reflektieren und zu erkennen, dass Recht nicht immer mit Gerechtigkeit einhergeht. Die Geschichte von Frieda Keller bleibt auch über 100 Jahre später relevant und unterstreicht die fortwährende Bedeutung von Frauenrechten. «Friedas Fall» ist somit nicht nur ein historisches Zeitdokument über juristische Urteile und moralische Gerechtigkeit, sondern ein eindringlicher Appell zur Überprüfung unserer Werte und zur Gestaltung einer Gesellschaft, die echte Gleichberechtigung und Mitgefühl in den Mittelpunkt stellt.

Und wir?

Ich kann jede Zuschauerin und jeden Zuschauer verstehen, die in diesem Film mit den Tränen der Anteilnahme oder der Wut über die Welt, die am historischen Beispiel aus der Schweiz und gleichzeitig den Hunderten von Geschichten, die damit auch gemeint sind, berichten. Mir ging es nicht anders. Dafür gebührt allen, die an diesem Werk mitgewirkte haben, ein grosses Dankeschön, hoffend, dass «Friedas Fall» ein Werk ist, das ein wenig hilft, die grosse Not zu wenden.

 

Regie: Maria Brendle, Produktion: 2024, Länge: 107 min, Verleih: Praesens

Titelbild: Gerichtsverhandlung in St. Gallen

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1 Kommentar

  1. Vielen Dank für Ihre eindrückliche Vorstellung der Verfilmung eines Frauenschicksals «Friedas Fall» zum Thema Vergewaltigung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
    Trotz neuer Gesetze und Besserstellung der Frauen in unserer Gesellschaft, zeigen die steigenden Zahlen häuslicher Gewalt von Männern an Frauen in der Schweiz, dass dieses Thema noch lange nicht vom Tisch ist. Laut Statistik wird in der Schweiz jede zweite Woche eine Frau von ihrem (Ex)-Ehemann, (Ex)-Freund ermordet nur weil sie eine Frau ist.
    Auch wenn Seniorinnen seltener von Gewalt bedroht sind, obwohl Gewalt sogar in Seniorenheimen vorkommt, haben viele doch Töchter und Enkelinnen, die dieses Schicksal erdulden, denn die Dunkelziffer nicht polizeilich erfasster Übergriffe ist hoch und die Frauenhäuser sind überfüllt.
    Ich erlaube mir deshalb, den Link der Beratungsstelle für von Gewalt bedrohten Frauen beizufügen; die Beratung ist kostenlos.
    https://www.bif-frauenberatung.ch/

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