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Grosse Kunst einer kleinen Frau

Viele monumentale Stahlplastiken von Gillian White lassen sich im öffentlichen Raum der Schweiz entdecken. In der Retrospektive «Gillian White – Spiel mit Raum» zeigt das Museum Eduard Spörri im aargauischen Wettingen vielfältige Arbeiten der Künstlerin, auch frühe Zeichnungen und Aquarelle.

An den monumentalen Metallskulpturen von Gillian White fährt man vorbei, ohne von der Künstlerin Notiz zu nehmen. Sicher sind Ihnen schon einmal an der Autobahn A 3 vor dem Bözbergtunnel Richtung Basel die wie im Dominospiel übereinander fallenden rostroten Pfeiler aufgefallen, die Installation Da & dort 1997 von Gillian White. Oder Sie haben im Zug beim Bahnhof Dietikon aus dem Fenster geschaut und nahe der Limmat den rostroten Strahlenkranz gesehen, Sphère II, ebenfalls von Gillian White aus dem Jahr 1989.

Die Installation «Sphère II», 1989, aus Cortenstahl, steht in einem Park neben dem Bahnhof Dietikon nahe der Limmat.

Es ist kaum vorstellbar wie Gillian White, diese vitale kleine Frau mit strahlenden Augen und herzlichem Lachen, solche Monumente aus Stahl erschaffenen konnte. Erstmals besuchte ich sie 2005 in ihrem Atelier im aargauischen Leibstadt in der Nähe des Kernkraftwerks. So weiss und dominant wie der Dampf dem Schlot des Kühlturms entweicht, so energiegeladen kam mir diese Künstlerin mit dem schlohweissen – oder «silbrigen» wie sie sagt – Lockenkopf vor. Die Vielfalt der Zeichnungen und Gemälde in ihren Künstlermappen beeindruckten mich. Und ganz besonders die riesige Cortenstahl Skulptur, die ich damals auf der Passhöhe der Vue des Alpes im Neuenburger Jura gesehen hatte.

Gillian White inmitten ihrer kleinformatigen Werke im Museum Eduard Spörri anlässlich der Eröffnung der Retrospektive «Spiel mit Raum». Foto: © Marc Philip Seidel, Lenzburg

Dass Gillian White auch kleinere Arbeiten herstellte, zeigt die Retrospektive Spiel mit Raum im Museum Eduard Spörri in Wettingen. Aus gesundheitlichen Gründen musste Gillian White, heute 86jährig, ihr Atelier aufgeben. Umso schöner, dass ihre Tochter Johanna Siegenthaler in Zusammenarbeit mit Kurator Marc Philip Seidel die Retrospektive gestaltete und dadurch einen guten Überblick über das vielfältige Schaffen der Künstlerin gibt.

Blick in die Ausstellung. Im Vordergrund die Skulptur «Pyramide» aus Bronzeblech geschweisst, an den Wänden geometrische Graphit Zeichnungen aus Gillian Whites Werkjahr in Prag, 1993.

Gillian Louise White kam 1939 in Grossbritannien in einer Künstlerfamilie zur Welt. Eigentlich wollte sie Tänzerin werden und besuchte als Jugendliche eine Ballettschule. Aus gesundheitlichen Gründen wechselte sie zur Kunst, studierte in London und Paris, wo sie anfing, an Grossplastiken zu arbeiten. In Paris lernte sie ihren Mann, den Bildhauer Albert Siegenthaler (1938-1984) kennen. Nach der Geburt des zweiten Kindes zog das Paar in die Schweiz und bezog 1972 ein altes Bauernhaus mit Atelier in Leibstadt. Nach dem frühen Tod ihres Mannes konzentrierte sich Gillian auf grossformatige Skulpturen, nahm immer wieder an öffentlichen Ausschreibungen teil und realisierte Werke für Kunst am Bau.

Blick in die Ausstellung

Neben ihren imposanten Stahlskulpturen schuf die Künstlerin auch kleinformatige Figuren, Zeichnungen und Gemälde, die in grosser Vielfalt in der Ausstellung in Wettingen zu sehen sind. Ihre Inspiration für Ausseninstallationen fand sie im Dialog mit der Landschaft. Sie übersetzte Elemente der Umgebung mithilfe von Karton- oder Papiermodellen in künstlerische Formen. So begann sie Serien von Kleinplastiken zu entwickeln, in denen sie die Form in zacken- und wellenförmigen Raumlinien mit farbig bemalten Schmalseiten darstellte.

Modell «Berg und Tal», Cortenstahl, Duo

Die Schau in Wettingen inszeniert Gillian Whites Werk als Spiel mit Raum und Bewegung. Dabei treten Punkte, Linien, Wellen in einen Dialog mit dem Raum. Gezeigt werden auch frühe Aktbilder in Aquarell und Pastellkreide, die unter dem Einfluss ihres Lehrers Oskar Kokoschka entstanden, pointillistische Aquarelle, geometrische Zeichnungen in Graphit aus dem Prager Werkjahr 1993, die hier erstmals öffentlich gezeigt werden.

Abstrakte Skulptur, Holz, weiss bemalt, Kanten gelb

Zudem werden unterschiedliche kleine Skulpturen vorgestellt wie eine Sammlung bunt bemalter Holzobjekte, aber auch transparente Plexiglasobjekte mit eingelassenen Figuren und zwei Modelle aus Cortenstahl. Anfang Dezember werden zusätzlich in einer Partnerausstellung im Ikonenmuseum in Lenzburg Werke rund um das Thema Wolken erstmals öffentlich präsentiert. Die Wolke als mehrschichtiges Motiv und fluides Element, das Strukturen, Rahmen und die rationale Ebene durchdringt.

«Die Tanzenden», Cortenstahl, geschweisst, vor dem Museum Eduard Spörri in Wettingen.

Auf dem Vorplatz des Museums empfängt eine grosse Stahlskulptur Die Tanzenden die Besucherinnen und Besucher. Gillian White schuf ab dem Jahr 2000 eine Reihe von monumentalen Tanzenden. Die Figur afán brachte es 2006 auf die Bühne der Tanzcompagnie Flamencos en route. Die über zwei Meter hohe schwere Stahlplastik liess sich auf leisen Rollen leicht bewegen und veränderte ihre Farbe unter wechselnder Beleuchtung. So wurde sie zur Partnerin der Tänzerin Brigitta Luisa Merki und schien die Bewegungen der Tänzerin aufzunehmen. Auch wenn Gillian selbst nicht Tänzerin werden konnte, so tanzen doch ihre Figuren.

Titelbild: «Sphère II» 1989, aus Cortenstahl, neben dem Bahnhof Dietikon/ZH
Fotos: rv

Bis Dezember 2026
Gillian White – Spiel mit Raum, im Museum Eduard Spörri, Bifangstrasse 17, 5430 Wettingen/AG, Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr

Vom 1. Dezember 2025 bis 1. November 2026
Gillian White – Wolken, im Ikonenmuseum in Lenzburg

 

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