Nein, dies ist kein Tippfehler. Der Titel dieser Theatervorschau ist korrekt. Es geht nicht um Meerjungfrauen, sondern um kleine Meerjungraun, um die wahre Liebe und das Dazugehören. Am Samstag findet bei Bühnen Bern die Uraufführung des neuen Stücks von Kim de l`Horizon statt. Seniorweb sprach während den Endproben mit Claudius Körber, einem der Schauspieler.
Das Stück trägt den Untertitel: «Das Flutschige strikes back. Eine Einschwörung auf die Epoche der Transformationen von Kim de l’Horizon». Es ist eine Überschreibung des Märchenstoffs über die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen. Thematisiert werden im Theaterstück die Sehnsucht nach einem anderen Körper, der Traum von der einzigen wahren Liebe und der Preis, den der gesellschaftliche Aufstieg fordert.

Aufgetaucht: Claudius Körber und Linus Schütz (vorne), Lucia Kotikova (hinten). Foto: Fabian Stransky
Die Geschichte: An seinem 15. Geburtstag darf das kleine Meerjungrau endlich an die Meeresoberfläche schwimmen – und entdeckt Ungeheuerliches: einen Marcomann! Wunderschön und auf geraden Beinen. Sofort wird das Meerjungrau von wilden Wünschen gepackt, halb Begehren, halb Sehnsucht, anders zu sein.
Im Tausch für die neue Norm und ein besseres Leben verzichtet es auf die schillernde Schuppenpracht und dem grossen, glitzernden Schwanz, zahlt dafür in der neuen Welt mit Unsichtbarkeit und Schweigen. Ist das der Preis für wahre Liebe? Ist das der Preis für ein besseres Leben? Im Stück geht es darum, anders zu sein. Es geht um die echte Liebe und um das Dazuzugehören.

Lieben und dazugehören: Linus Schütz, Lucia Kotikova und Claudius Körber (v.l.n.r.). Foto: Fabian Stransky
Das Stück aus Sicht eines Schauspielers
Seniorweb sprach mit Claudius Körber, der in der Produktion als Schauspieler mitwirkt.

Claudius Körber. Foto: Florian Spring
Seniorweb: Was ist speziell daran, als Schauspieler an einer Uraufführung mitzuwirken? Gibt es da Unterschiede zur Aufführung von Klassikern, die man schon tausendmal gespielt hat?
Claudius Körber: Ja, auf jeden Fall. Man hat noch gar keine Referenzen oder Vorlagen, wie andere sich an dem Stoff abgearbeitet haben, vielleicht gescheitert sind oder erfolgreich waren. Im Fall „Die kleinen Meerjungraun“ kann ich aber sagen, dass wir mit Kim de l’Horizon zum einen eine sprachgewandte, sprachgewaltige Person haben und dazu ein echtes Anliegen, an dem wir alle sozusagen mitkämpfen, um es, so gut wir können, auf die Bühne zu bringen.
Worin besteht dieses Anliegen?
Das Stück ist ja eine Überschreibung des Märchens von Hans Christian Andersen. Letztlich geht es um alle Wesen, die sich daran abarbeiten, zum gesellschaftlichen Leben dazugehören zu können. Man will eine Stimme haben dürfen. Man will Teil der Erzählung sein. Aber wie gross sind die Opfer, die dafür aufgebracht werden müssen? Das ist der Kern. Ein wichtiger Teil dieses Projektes besteht darin, zwar anhand der „Meerjungraun“ zu erzählen, aber herauszuarbeiten, dass sie ja nur ein Beispiel für das oben genannte Dilemma sind. Es geht uns alle an.
«Blutbuch», Kim de l’Horizon preisgekröntes Werk, hatte stark autobiografische Züge. Ist das bei den Meerjungrauen auch der Fall?
Das neue Stück steht für sich. Natürlich kommen die Gedanken und Texte aus Kim heraus, und man darf sicherlich einen Anteil auch auf Kims Person beziehen. Aber das Anliegen hat ein viel breiteres Spektrum: Die Erzählung ist eine gesellschaftschaftspolitische Anregung, sich selbst zu befragen, und das Gegebene zu befragen. Wie inkludierend oder wie exkludierend funktioniert unsere Gesellschaft? Und wo befinde ich mich selbst in diesem Konstrukt? Und wie agiere ich in diesem? Ja, das frage ich mich durch so einen Text ja auch ganz privat. Dass ich bei Privilegien ganz weit vorn stehe, ist ja toll für mich, aber vielleicht gerade deswegen auch eine gewisse Verantwortung.

Claudius Körber als «Kaspar» (2021). Foto Annette Boutellier.
Wie liefen die Proben?
Spannend, aufregend, anstrengend und lustig. Wir hatten eine Textvorlage von Kim de l’Horizon, die fantastisch ist, aber nicht als abgeschlossenes Produkt „heilig“ gesprochen wurde. Mit Kims Erlaubnis durften wir bzw. vor allem die Regisseurin Alia Luque und unsere Dramaturgin Felicitas Zürcher den Text umstellen, kürzen oder zum Teil anpassen. Kim, das Regieteam, sowie wir Spiels (wie Kim uns Spielende gern liebevoll nennt) konnten uns gegenseitig das Gefühl geben, am gleichen Strang zu ziehen. Wir konnten uns sozusagen gegenseitig befruchten. Das Stück ist definitiv von Kim, aber der Weg, wie wir Meerjungraun uns in der Inszenierung in die Erinnerungstiefen und Denkanalysen unserer Biografie begeben, ist stark vom ganzen Team geprägt.
Bühnen Bern zeigt regelmässig Stücke, die speziell auch für Jugendliche interessant sind. Gehören die Meerjungraun dazu?
Wenn Sie auf den Vorabtrailer anspielen, kann ich hier verraten, dass dieser vom Konzept und den Kostümen her gar nichts mit unserer Inszenierung zu tun hat. Das war eine spontane Möglichkeit und Lust, mit Kim gemeinsam eine kleine Werbung zu basteln. Ich glaube fest daran, dass das Stück alle Menschen anspricht, nicht nur die junge Generation. Aber das kann man natürlich erst vom tatsächlichen Publikum erfahren. Wer von welcher Art Werbung angesprochen, wird ist wiederum eine ganz andere Frage.
Sie haben Ihre Ausbildung zum Schauspieler am berühmten Max Reinhardt-Seminar in Wien gemacht. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Für mich öffnete sich in Wien eine grosse neue Welt, ein neues Land und eine wahnsinnig spannende Kulturstadt. Wir wurden tagsüber von Lehrpersonen unterrichtet, die abends am Burgtheater spielten. Das gab uns die Möglichkeit, zum Teil die eigenen Lehrpersonen auf der Bühne zu sehen. Die kulturelle Offenheit auch eines solch altehrwürdigen Hauses hat mich beeindruckt. Ich habe neben dem turbulenten Studierendenleben auch vollkommen andere Theaterformen gesehen und wie diese den Diskurs mitprägen, den Diskurs öffnen.
Claudius Körber in Ipsens «Volksfeind» (2023). Foto Yoshiko Kusano.
Nach Ihrer Ausbildung haben Sie an verschiedensten Theatern, mit berühmten Regisseurinnen und Regisseuren, gearbeitet. Gab es da eine Lieblingsrolle?
Ich werde das immer wieder gefragt. Nein, ich besitze keine Lieblingsrolle. Mein grosses Glück ist, dass ich so wahnsinnig unterschiedliche Rollen spielen durfte. Diese Spanne ist für mich das Aufregende.
Wenn ich etwas herauspicken soll… vielleicht die Zusammenarbeit mit Regisseur Herbert Fritsch, der die Expressivität des Spiels feiert. Fritsch ist ein Meister der Komik und Liebhaber der Surrealität des Menschendaseins.
Claudius Körber als Eichmann (2025/26). Foto: Yushiko Kusano.
Regisseurin Barbara Frey kann ich auch erwähnen, eine ganz feine, unglaublich gebildete Denkerin, die extrem musikalisch und mit sezierend genauen Gedanken versucht, Inhalten nachzugehen.
Oder „Andorra“ eine Inszenierung von Bastian Kraft, in der ich zehn Rollen vorab auf Video gespielt habe – jeweils mit filmrealistischer Maske kaum mehr zu erkennen – und dann live als Andri mit diesen Videorollen interagierte. Das war schon sehr spannend.
Gibt es eine Wunschrolle, die Sie einmal spielen möchten?
Als junger Schauspieler habe ich davon geträumt, einmal Peer Gynt oder Hamlet spielen zu dürfen. Ich hatte Glück und durfte beide Rollen schon am Schauspielhaus Graz verkörpern. Heute sind sie Teil meines beruflichen Blumenstrausses, in dem auch viele andere Rollen wichtig geworden sind. Zum Beispiel letztes Jahr, wo ich hier bei Bühnen Bern in „James Brown trug Lockenwickler“ eine Rolle spielte, die sich als die Popsängerin Céline Dion identifiziert. Oder auch der fatal überhebliche, narzistische und korrupte Stadtpräsident in „Der Revisor“ unter der Regie von Roger Vontobel.

In James Brown trug Lockenwickler spielte Körber einen jungen Mann, der glaubte, er sei Céline Dion. Foto: Florian Spring.
Aus meiner Sicht sind Schauspieldirektor Roger Vontobel und Sie, Claudius Körber, ein Glücksfall für Bühnen Bern. Sie beide haben am Theater viel bewegt. Was hält Sie im Provinznest Bern?
Vielen Dank. Mich hält dieses Theater mit seinen Menschen hier, die dazu beitragen, dass wir in Bern eine breite Range an Stücken spielen dürfen und können. Und glücklicherweise damit auch erfolgreich sind. Das Theater verzeichnet bekanntlich gute Zuschauerzahlen, und die Qualität der Aufführungen muss sich nicht verstecken hinter anderen, grösseren Theatern. Natürlich hält mich auch die tolle Lebensqualität mit Aare und Bergen hier.
Claudius Körber als «schwarze Spinne» (2022). Foto: Florian Spring.
Wie lernen Sie Ihre Texte auswendig?
In erster Linie durch ein Interesse am Inhalt und der Freude an guten Formulierungen. Je genauer ich den Inhalt verstehe, desto mehr interessiert mich der Stoff. Ich will Experte der Gedankengänge werden. Und ich freue mich, wenn ich Sprache in den Mund nehmen darf, die Kunst ist. Das ist ein Geschenk.
Sie standen bisher mehrheitlich auf Theaterbühnen und haben nur bei wenigen Filmen mitgewirkt. Interessiert Sie das Medium Film nicht?
Doch schon. Nur bisher fühlte ich mich glücklicherweise noch nicht gelangweilt vom Beruf des Theaterschauspielers. Ausserdem ist der Aufwand für Casting und Terminorganisation beim Film schwer mit dem Theater vereinbar. Lust hätte ich aber schon drauf.
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Zur Person
Claudius Körber, geboren 1982 im Sachsen, absolvierte das Schauspielstudium am renommierten Max Reinhardt Seminar in Wien. Sein erstes Festengagement führte ihn ans Schauspielhaus Graz. 2012 wurde mit dem Nestroy Publikumspreis ausgezeichnet.
2013 wechselte Körber ans Schauspielhaus Zürich, wo er auf Regisseur*innen wie Barbara Frey, Bastian Kraft, Herbert Fritsch, Daniela Löffner und Sebastian Nübling traf. 2017 wurde er mit der Goldenen Maske am Schauspielhaus Zürich geehrt.
Von 2019 bis 2021 war Claudius Körber freischaffend tätig. Engagements führten ihn an die Ruhrtriennale, zur National Peking Opera Company Bejing, an das Radialsystem Berlin und an das Düsseldorfer Schauspielhaus. Er arbeitete mit Regisseur*innen wie Christoph Marthaler, Armin Petras und Roger Vontobel zusammen.

Claudius Körber während des Interviews im «Beizli», in den Berner Vidmarhallen. Foto PS.
2021 kam Körber fest ins Ensemble des Schauspiels Bern (Bühnen Bern), wo er u.a. in Die Physiker, Die schwarze Spinne, Macbeth und Molières Amphitryon zu sehen war. Besonders beeindruckend ist seine Interpretation von Adolf Eichmann im Stück «Wo die Nacht beginnt», das Bühnen Bern auch in der laufenden Spielzeit noch zeigt.
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Vorstellung: 27.9./ 11.10./ 17.10./ 21.10./ 24.10./ 28.10. /5.11./ 7.11./ 25.11./ 28.11./ 11.12.2025 in den Vidmarhallen.
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Kim de l’Horizon
Kim de l’Horizon (ohne Pronomen oder they/them), geboren 2666 auf Gethen, hat Germanistik im Elfenbeinturm, Literarisches Weinen in Biel und Hexerei bei Starhawk studiert. (Foto: Valerie Reding).
Mit dem Debut «Blutbuch», das in 17 Sprachen übersetzt wird, gewann Kim u.a. den Deutschen und den Schweizer Buchpreis. Kims Theaterstücke wurden an den Heidelberger Stückemarkt eingeladen und gewannen u.a. den Hermann-Sudermann-Preis. Kim macht auch Rituale und performt, bsp. am Schauspielhaus Zürich. Für die Performance in «Blutstück» wurde Kim für den «Nestroy ORF Publikumspreis 2024» nominiert. They wackelt gerne an den Bildern, die wir von Körpern haben, die wir von Menschen und Nichtmenschen haben, die wir von «Natürlichkeit» haben, die wir vom «Wir» haben.
Titelbild: Letztlich geht es um alle Wesen, die sich daran abarbeiten, zum gesellschaftlichen Leben dazugehören zu können. Man will eine Stimme haben dürfen. Foto: Fabian Stransky

