ETH-Forschende haben einen Mikroroboter entwickelt, der Medikamente gezielt zu bestimmten Stellen im Körper transportieren kann und das Potential hat, bald auch in Spitälern eingesetzt zu werden.
12 Millionen Menschen weltweit erleiden jährlich einen Schlaganfall – viele sterben oder bleiben beeinträchtigt. Um den Thrombus aufzulösen, der das Blutgefäss dabei verstopft, werden Medikamente verabreicht, welche sich im ganzen Körper verteilen. Damit die nötige Menge vom Medikament das Blutgerinnsel erreicht, muss eine hohe Dosis verabreicht werden. Das kann zu erheblichen Nebenwirkungen wie inneren Blutungen führen.
Symbolbild eines Thrombus in einer Vene. © Nevit Dilmen, CC BY-SA 3.0
Da Medikamente oftmals nur an einer bestimmten Stelle im Körper gebraucht werden, versucht die medizinische Forschung schon länger, Pharmazeutika dorthin zu bringen, wo sie wirken sollen: Im Falle des Schlaganfalls direkt in die Nähe des Thrombus. Nun sind einem Team von ETH-Forschenden gleich auf mehreren Ebenen entscheidende Durchbrüche gelungen, die sie im Fachmagazin Science publizieren.
Passgenaue Nanopartikel sind nötig
Die Forschenden nutzen als Mikroroboter eine von ihnen entwickelte kugelförmige Kapsel aus einer auflösbaren Gel-Hülle, die sie magnetisch durch den Körper steuern und so ans Ziel bringen können. In der Kapsel sorgen Eisenoxid-Nanopartikel für die magnetischen Eigenschaften. «Da die Gefässe im menschlichen Gehirn so klein sind, darf auch die Kapsel nur eine bestimmte Grösse haben. Die technische Herausforderung ist, dass eine so kleine Kapsel ausreichend starke magnetische Eigenschaften hat,» erklärt Fabian Landers, Erstautor der Studie und Postdoktorand am Multi-Scale Robotics Lab der ETH Zürich.
Perfektes Zusammenspiel der Komponenten
Damit die Ärzte und Ärztinnen mittels Röntgenbildgebung verfolgen können, wie sich die Kapsel in den Gefässen bewegt, braucht es zudem noch ein Kontrastmittel. Dafür haben die Forschenden die in der Medizin häufig verwendeten Tantal-Nanopartikel genutzt. «Magnetische Funktionalität, bildgebende Sichtbarkeit und präzise Steuerung in einem einzigen Mikroroboter zu vereinen, erfordert ein perfektes Zusammenspiel zwischen Materialwissenschaft und Robotik. Wir haben viele Jahre gebraucht, dieses Ziel zu erreichen.», sagt ETH-Professor Bradley Nelson, der schon seit Jahrzehnten an Mikrorobotern forscht. Professor Salvador Pané, Chemiker am Institut für Robotik und Intelligente Systeme, und sein Team entwickelten passgenaue Eisenoxidnanopartikel, die dieses anspruchsvolle Gleichgewicht erst ermöglichen.
Zudem enthalten die Mikroroboter auch den Wirkstoff, den sie transportieren müssen. Den Forschenden gelang es, die Mikroroboter mit gängigen Medikamenten für verschiedene Anwendungen zu beladen. Es handelte sich um ein Medikament das Thromben auflöst, ein Antibiotikum und ein Tumormedikament. Freigesetzt werden die Medikamente durch ein hochfrequentes, magnetisches Feld, das die magnetischen Nanopartikel erhitzt und so die Gel-Hülle und den Mikroroboter auflöst.
Gegen den Strom – Navigieren in Blutgefässen
Um die Mikroroboter präzise steuern zu können, entwickelten die Forschenden ein modulares elektromagnetisches Navigationssystem, das für den Einsatz im Operationssaal geeignet ist. «Die Blutgeschwindigkeiten im menschlichen Arteriensystem variieren je nach Lage stark. Das macht die Navigation eines Mikroroboters sehr komplex,» erläutert Nelson. Die Forschenden kombinierten drei verschiedene magnetische Navigationsstrategien miteinander, mit denen sie in allen Regionen der Kopfarterien navigieren können.
Grafische Darstellung der verschiedenen Naviagationsmöglichkeiten. © ETH Zürich
Bei einer anderen Variante wird die Kapsel mit einem Magnetfeld-Gradienten bewegt: Das Magnetfeld ist an einer Stelle stärker als an einer anderen. Der Mikroroboter wird so im Gefäss in Richtung des stärkeren Felds gezogen. Dabei kann die Kapsel auch gegen den Strom schwimmen, und das bei einer beachtlichen Strömungsgeschwindigkeit von über 20 Zentimetern pro Sekunde «Es ist unglaublich, wie viel Blut in welcher Geschwindigkeit durch unsere Gefässe gepumpt wird. Unser Navigationssystem muss das alles aushalten können», so Landers.
Die Kapsel gab in mehr als 95 Prozent der getesteten Fälle das Medikament erfolgreich am richtigen Ort ab. «Magnetische Felder eignen sich hervorragend für minimalinvasive Eingriffe, da diese tief in den Körper eindringen und – in den Stärken und Frequenzen, welche wir nutzen – keinen Einfluss auf den Körper haben», erklärt Nelson.
Silikonmodelle und Anwendung an Tieren
Um die Mikroroboter und ihre Navigation in einer realistischen Umgebung testen zu können, entwickelten die Forschenden Silikonmodelle, bei denen sie exakt die Gefässe von Menschen und Tieren abgebildet haben. «Die Modelle sind für uns so wichtig, weil wir sehr oft üben mussten, um die Strategie und alle Komponenten zu optimieren. Das geht nicht in Tieren», erklärt Pané. Im Modell konnten die Forschenden ein Blutgerinnsel gezielt auflösen.
Nach erfolgreichen Versuchen im Modell wollte das Team auch beweisen, was der Mikroroboter unter realen klinischen Bedingungen leistet. Zum einen konnte es in Schweinen zeigen, dass der Mikroroboter während des ganzen Eingriffs gut sichtbar bleibt. Zum anderen hat es in einem Schaf den Mikroroboter durch die Gehirnflüssigkeit navigiert. Das freut Landers besonders: «Diese komplexe anatomische Umgebung hat sehr viel Potenzial für weitere therapeutische Eingriffe, deshalb war es für uns so spannend, dass der Mikroroboter auch hier seinen Weg fand.»
Nicht nur bei Gefässverschlüssen einsetzbar
Die neuen Mikroroboter könnten nicht nur bei Thrombosen, sondern auch bei lokalisierten Infektionen oder Tumoren eingesetzt werden. Das Forschungsteam hat bei jedem Entwicklungsschritt mitberücksichtigt, dass alles, was sie entwickeln, auch möglichst bald im Operationssaal eingesetzt werden kann. Das nächste Ziel ist, möglichst bald mit den klinischen Tests bei Menschen zu beginnen. Fabian Landers spricht von der Motivation, welche das ganze Team erfasst: «Im Spital machen Ärztinnen und Ärzte schon heute einen unglaublichen Job. Dass wir hier eine Technologie in den Händen haben, mit der wir schneller und effektiver helfen, und durch neuartige Therapien Kranken wieder Hoffnung geben können, treibt uns an.»
Titelbild: So klein ist der neuste ETH-Mikroroboter (Bild: Luca Donati / lad.studio Zürich

