Seit über 20 Jahren leitet Dorothea Kellermüller das Tanztheater 55+ am Konservatorium Winterthur und lädt Teilnehmende dazu ein, sich selbst und andere im Tanz und Spiel wahrzunehmen, zu experimentieren und ihre Ausdrucksfähigkeit zu erweitern.
In den Kursen von Dorothea Kellermüller können die Teilnehmenden in ihrem Körper ankommen, sich mit oder ohne Musik spielerisch bewegen und zu verschiedenen Themen improvisieren. Dabei können sie ihren Atem, Stimmungen, Grenzen/Entgrenzungen wahrnehmen, im Tanz andern begegnen und eigene Bilder und Empfindungen tänzerisch umsetzen. Alle 2 Jahre werden die Tanztheaterprojekte mit einer Aufführung abgerundet. Oft wurden die Aufführungen mit Filmeinlagen oder mit Live-Musik bereichert.
Wir sprechen uns ab, hecken was aus. Wer macht mit, wer bleibt aussen vor?
Tanztheater 55plus
Die Titel der aufgeführten Tanztheaterprojekte lassen erahnen, dass in der Bewegung Fragen des alltäglichen Lebens ertanzt werden:
- Im Jahre 2005 wurde unter dem Titel «und jetzt?» der Frage nachgegangen, was jetzt gerade «los» ist im Körper, im Atem, im Gemüt, im Geist und wie es zum gegenwärtigen Moment kam und wohin er führen könnte.
- 2007 war «Alles eine Frage der Optik» Thema. Wie nehme ich mich und andere wahr? Welche Brillen wurden mir im Laufe meines Lebens angepasst? Kann ich sie wegwerfen und neue Brillen aufsetzen oder einfach offen ohne beengende Vorurteile durch die Welt gehen?
Auch die Werktitel der weiteren Tanztheater lassen tief blicken: «und was passiert mit dem Rest?(2009)»; «vorwärts, rückwärts, seitwärts und….“ (2011); „und sie kehren wieder“ (2013); „Ach du liebe Zeit“ – Zeitsprünge und andere Tänze (2015); „Eva kann’s nicht lassen“ (2017); «Wohin des Wegs, Madame» (2019); «Von Wünschen und Wundern» (2022); «Ich? Nein das bin nicht ich – oder doch?» (2024); «Willkommen im «Hotel Leben»» (2026).
An den Kursen nehmen jeweils gut 10 Personen teil, meistens Frauen zwischen 55 und 84. Einige sind seit über 10 Jahren dabei.
Wie spinne ich mit an meinem Lebensfaden? Wie lange ist er? In welche Richtung geht’s?
Statements von Teilnehmenden
- Ein Tanzmorgen macht mein Herz leichter und das Lachen mit den Mitbewegenden ist einfach herrlich.
- Meine eigenen schöpferischen Kräfte zu entdecken, damit zu experimentieren mit Musik, Tanz, Sprache, schenken mir in meinem dritten Lebensabschnitt viel Lebensqualität und Vitalität.
- Deine Sorgen kannst du an solch einem Morgen an den Nagel hängen.
- Du lernst deinen Körper von einer ganz neuen Seite kennen.
- Ich kann alle Bewegungen, die mir „passieren“ einbringen und erhalte Anregungen und Vorschläge für neue.
- Das ist eine wunderbare Form, sich mit den zunehmenden körperlichen Einschränkungen auseinanderzusetzen: Ausloten, was geht.
- Wenn ich tanze, kann mir nichts geschehen, ich bin im Flow und ganz bei mir, kann aber den Boden nicht verlieren.
- Ich geniesse den Kontakt mit den Mittanzenden: Aufeinander zugehen, Abstände ausprobieren, miteinander einen Rhythmus finden.
- Es ist schön, dass viele Beziehungen mit denen weitergehen, die nicht mehr dabei sind.
- Tanzen bedeutet für mich: Frei sein, sich im eigenen Körper wohlfühlen, sich wahrnehmen, den Alltag hinter sich lassen.
- Tanz und Bewegung fördern so manch Verschlossenes zutage.
- Als Kind tanzte ich, wenn niemand zuhause war, zu Radio Beromünster. Und bei stürmischem Wetter warf ich meine Haare in den Wind und träumte mich als stolze, schöne Reiterin auf schnellem Pferd. Als alte Frau nun geniesse ich es, mich von einem Gefühl bewegen zu lassen wie eine Pflanze im Wind.
- Meine 10 Jahre Unterricht in Dorothea Kellermüllers Tanztheater gaben mir eine wunderbare zunehmende Bewegungsfreiheit und den Mut, anders und vielfältiger durch die Welt zu gehen.
Was ist wohl hinter der Tür? Ist sie das Tor zu einem Übergang in eine neue Lebensphase?
Seniorweb konnte Dorothea Kellermüller einige Fragen stellen:
Seniorweb: Dorothea Kellermüller, wie sind Sie auf die Idee gekommen, für über 55-Jährige Tanz und Bewegung anzubieten?
Dorothea Kellermüller: Ich habe nach meiner Ausbildung zur Primarlehrerin und nach weiterführenden Ausbildungen als Bewegungstherapeutin und Theaterpädagogin mit jüngeren Menschen gearbeitet. Als ich mal in Zürich das Tanztheater „Dritter Frühling“ sah, wurde mir sofort klar, dass ich auch sowas machen möchte. Ich ging dann zum damaligen Direktor des Konservatoriums Winterthur, Hansueli Munzinger, bei dem ich offene Ohren fand und der die Idee und weitere Projekte unterstützte.
Was fasziniert Sie an der Arbeit mit älteren Menschen?
Ältere haben bereits viel Lebenserfahrung, die sie in Tanz und Bewegung virtuos einbringen können. Anderes ist festgefahren und in den Kursen können wir aneinander miterleben, wie wir offener, lockerer und experimentierfreudiger werden.
Ist das Konservatorium nicht für viele Interessierte eine Hemmschwelle, weil sie meinen, man müsse von Anfang an schon gut sein.
Es kann sein, dass dieses Vorurteil besteht, aber es ist völlig unbegründet. Wer sich einlassen will, ist herzlich willkommen. Offenheit und Experimentierfreude genügen. Man muss nichts können, weder auf einem Bein noch auf den Zehenspitzen tanzen oder sonst was.
Sich absichern? Sich mit einem Helm auf dem Kopf durchs Leben kämpfen, mal in die eine, mal in die andere Richtung?
Wieviel kostet ein Kurs?
Ein Semesterkurs kostet um die 1000 Franken, ein bisschen mehr, wenn ich mit Co-Leitungen arbeite. Seit der Gründung des Tanztheaters arbeite ich immer wieder mit der Tanzpädagogin Franziska Schaub zusammen und seit drei Jahren mit der Theaterpädagogin Liliane Weber. Das gibt für alle wertvolle zusätzliche Impulse. Wir tanzen und improvisieren jeweils am Freitagmorgen drei Stunden (mit einer Pause) Eine Stunde kostet um die 25 Franken, also ca. so viel wie andere Gruppenstunden.
Wie die Statements zeigen, sind die Teilnehmenden oft begeistert und einige machen mehr als 10 Jahre mit. Warum?
Einerseits sind die gemeinsamen Stunden oft erfrischend und machen Spass. Anderseits merken viele wohl auch, dass sie ein anderes Körper- und Selbstwertgefühl in den Alltag übernehmen, eintönige Alltagsroutinen bemerken und spielerisch damit umgehen lernen. Wir haben keinen therapeutischen Ansatz im engeren Sinn, aber Bewegung und Tanz sind auf jeden Fall heilsam, stärken das Selbstvertrauen und erhöhen das Wohlbefinden.

Dorothea Kellermüller, Bewegungspädagogin
Sie sind jetzt 65. Machen Sie weiter?
Oja! Die Kurse machen mir weiterhin viel Freude. Ich bin in der glücklichen Lage, dass mein Beruf auch ein Hobby ist und die Begegnungen und der Austausch mit älteren Teilnehmenden auch für mich immer wieder anregend und bereichernd sind. Ich liebe es, mit einer Gruppe in einen kreativen Prozess einzusteigen und Menschen im Zugang zu ihrer Kreativität zu unterstützen.
Besten Dank für das Gespräch, Dorothea Kellermüller.
Dorothea Kellermüller, geb. 1961, Bewegungspädagogin. Sie hat nach der Matura und der Ausbildung zur Primarlehrerin in Zürich die Schule für Ausdruck und Bewegung besucht und am F. Perls-Institut Integrative Bewegungstherapie studiert. Mitwirkung in diversen Bewegungstheaterproduktionen. Intensive Weiter-/Ausbildung in Focusing, Feldenkrais, Clownarbeit. Stimmarbeit. Seit 2003 leitet sie Tanztheaterprojekte 55+ und Tanztheaterateliers am Konservatorium Winterthur. Weitere Infos hier.
Zum Titelbild: Wer bin ich? Begrenze ich mich durch einen Rahmen von Vorurteilen und Selbstinszenierungen oder bin ich offen für Neues? (Fotos von Alex Colle und zVg.)
