Der Brasilianer Roberto Burle Marx erfand im 20. Jahrhundert die Landschaftsarchitektur neu. Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet diesem vielseitig begabten Künstler unter dem Titel Modernismo tropical die erste grosse Ausstellung in der Schweiz.
Die grossen Raumteiler der Ausstellung sind in einem kräftigen, aber ruhig wirkenden Dunkelgrün gestrichen, sie verweisen auf die Natur, auf den brasilianischen Urwald, auf die Pflanzen und Bäume, denen Roberto Burle Marx (1909 – 1994) in seinen Gärten und Pärken Raum gibt.
Der Brasilianer mit deutschen und portugiesischen Wurzeln gilt als der Begründer der modernen Landschaftsarchitektur. Auch früher wurden die grossen Pärke um die barocken Schlösser sorgfältig geplant. – Roberto Burle Marx verband moderne Kunst, wie er sie Ende der 1920er Jahre in Berlin kennengelernt hatte, mit seinem Verständnis, wie Pflanzen, Blumen, Gräser, Bäume ihre Schönheit wie in einem abstrakten Bild auf grossen Flächen entfalten können.
Roberto Burle Marx während einer botanischen Expedition in Ecuador, 1974. Foto: Luiz Knud Correia de Araújo
Das Grün des Waldes, dazwischen die Bilder des Künstlers, seine Gemälde und Zeichnungen neben den farbig gestalteten Plänen für Parkanlagen an verschiedenen Orten, vor allem in Brasilien, und den wandfüllenden Fotos einiger Pärke, das alles vermittelt einen starken Eindruck: eine Mischung, die Lebensfreude ausstrahlt und neugierig macht auf den Schöpfer dieser Werke.
«Ich bin in erster Linie Künstler. Meine Leinwand ist die Erde, mein Medium sind die Pflanzen.» Roberto Burle Marx
Roberto Burle Marx wächst mit drei Brüdern und zwei Schwestern in einer Familie auf, die ihre europäischen Wurzeln ebenso pflegt wie die neue Heimat Brasilien. Cecilia Burle stammt aus einer portugiesischen Familie, ist Pianistin, zeigt ihrem 7-jährigen Sohn nebenbei, wie er mit seinen ersten selbst gesammelten Pflanzen umgehen kann. Heinrich Marx wuchs in Trier in einer deutsch-jüdischen Familie auf. Er spricht Deutsch mit seinen Kindern. Als Roberto 19 Jahre alt ist, zieht die Familie für anderthalb Jahre nach Berlin, wo neben Roberto wohl auch die anderen Geschwister von den kulturellen Anregungen profitieren.
Roberto Burle Marx: Ohne Titel (Bühnenbild für den Karneval im Theatro Municipal in Rio de Janeiro), 1960. Collage, Bleistift und Gouache auf Papier. 70 × 100 cm. Acervo Sítio Roberto Burle Marx/Iphan/MinC. © Roberto Burle Marx
Roberto sollte zuerst Sänger werden – er hatte eine schöne Baritonstimme und sang später bei Festen gern. In Berlin liess er sich von der modernen Kunstszene anregen und lernte in den Gewächshäusern des damaligen Botanischen Gartens Oranienburg die Schönheit und Vielfalt der brasilianischen Flora kennen. – Er musste nach Deutschland kommen, um die Schätze Brasiliens kennenzulernen! Nebenbei: Ich erinnere mich gut an längst vergangene Besuche in Botanischen Gärten mit ihren wunderbaren exotischen Pflanzen. Damals hätte ich, noch ein Kind, nicht in die Tropen reisen können.
Der Park als wachsendes Kunstwerk
Roberto Burle Marx vergass seine Entdeckungen nicht. Zurück in Brasilien studierte er an der Kunsthochschule von Rio de Janeiro zuerst Architektur, dann aber Malerei. Dass er daraus seine Landschaftsarchitektur entwickelte, ergab sich vielleicht im Laufe seiner vertieften Beschäftigung mit den verschiedenen Komponenten seiner kommenden Tätigkeit: Ein Garten oder ein Park sollte ästhetisch schön, aber auch zeitgemäss sein, er sollte etwas Besonderes werden, ein inspirierender Ort, und er sollte seine Umgebung – das urbane vielschichtige Land Brasilien – angemessen darstellen.
Roberto Burle Marx: Ministerium für Bildung und Gesundheit, Rio de Janeiro, Brasilien, Plan des Dachgartens, o. D. Gouache auf Papier 52 × 105,8 cm. Acervo Instituto Burle Marx © Roberto Burle Marx (Foto s.u.)
Ministerium für Bildung und Gesundheit, Rio de Janeiro, Brasilien, Dachgarten, 1942–1944 Foto: Cesar Barreto, 2009 (Plan s.o.)
Seine Pläne entstanden mit den Augen eines Malers, auch die Musik spielte dabei eine Rolle. Seine Gartenpläne wirken einerseits abstrakt, andererseits schwungvoll. Er muss ein überragendes Verständnis für Raumverhältnisse besessen haben, zu erkennen, wenn wir Pläne und Fotos der realisierten Projekte vergleichen. Für die Umsetzung nutzte er nachhaltige natürliche Materialien und organische biomorphe Formen. Mit diesem Fokus erfand Burle Marx die Landschaftsarchitektur neu.
«Gärten sind Kunstwerke . . . Wie in der Malerei, der Bildhauerei und der Architektur muss man Farbe, Textur, Volumen und Form berücksichtigen.» Roberto Burle Marx
1934 erhielt Burle Marx seinen ersten festen Arbeitsplatz: die Leitung der öffentlichen Parkanlagen und Gärten in Recife / Pernambuco, kein spannungsfreier Posten. Seine Wahl einheimischer Kakteen statt europäischer Rosen, seine Entscheidung, ganze Flächen mit nur einer Art zu bepflanzen, so dass der Park zu einem Gemälde in der Landschaft wurde, stiess auf Unverständnis. – Zudem stellte er die Statue einer indigenen Frau auf statt der eines Kolonialherrschers. Die Nachkommen der Eroberer waren indigniert.
Burle Marx & Cia. Ltda.: Residência Clemente Gomes, Areias, Brasilien, Blatt 2, Skizze, 06.1979. Tusche auf Transparentpapier 57,7 × 110,5 cm. Acervo Instituto Burle Marx © Burle Marx & Cia. Ltda
Erfinder des tropischen Gartens
Burle Marx liess sich von Kritik nicht beirren. In vielen Exkursionen erkundete er die Pflanzenwelt in den fünf verschiedenen Regionen Brasiliens, sammelte Pflanzen, begründete mit einem seiner Brüder ein Pflanzenzentrum in seinem Sitio Burle Marx, einem Landgut, das seinen Namen allerdings erst später erhielt, als es zum Zentrum der Burle-Marx-Forschung wurde.
Das macht mir bewusst, dass wir in Europa seit wenigen Jahrzehnten die entsprechende Entwicklung erleben. Vor mehr als 100 Jahren wurden in gepflegten Gärten exotische Bäume gepflanzt, Mammutbäume etwa oder die Araucaria, die in Chile beheimatet ist. Erst seit kurzem versucht man in der Schweiz, Neophyten, Pflanzen, die nicht bei uns beheimatet sind, zu entfernen, denn sie fügen sich nicht in das Ökosystem ein. – Und manch schöner Strauch oder Baum muss wohl weichen.
Roberto Burle Marx: Residência Odette Monteiro, Corrêas, Petropólis, Brasilien, Plan, 1945. Gouache und Farbstift auf Sulfitpapier, 88,5 × 120 cm. Acervo Instituto Burle Marx © Roberto Burle Marx
Kämpfer für Biodiversität
Weltweit berühmte Architekten wie Oscar Niemeyer, Lucio Costa, auch Le Corbusier oder Richard Neutra erkannten Burle Marx’ genialen Umgang mit Landschaft und arbeiteten eng mit ihm zusammen. Die moderne Architektur in Rio de Janeiro und Brasilia wird durch Burle Marx und sein Team aufs Schönste ergänzt. Insgesamt realisierte er mit seinem Team mehr als zweitausend Projekte für Garten- und Parkgestaltungen auf der ganzen Welt.
Residência Odette Monteiro, Corrêas, Petropólis, Brasilien, 1945–1948. Foto: Cesar Barreto, 2009
Kuratorin Fabienne Eggelhöfer wählte gemeinsam mit ihrem Team aus Burle Marx’ reichem Schaffen Werke aus, die gute Einblicke in seine Arbeit bieten, vor allem aus Brasilien bzw. Rio de Janeiro. Aus seinem Wohnhaus zeigt das Museum eine Sammlung von Objekten, die vor Augen führt, wie viel ihm die Kunst der amerikanischen Urbevölkerung bedeutete – es ist ein fast intimer Winkel im grossen Raum.
Wer nicht schon vorher erkannt hat, welche Stimmung der brasilianische Urwald verströmt, kann sich vor der hinteren Wand ausruhen, sich dem Gezwitscher der Vögel und dem leisen Wind hingeben. Ich fühlte mich in tropische Wälder versetzt, auch wenn meine Erinnerungen nicht aus Brasilien stammen.
Nicht nur Parkanlagen und Gärten werden in Zukunft an Roberto Burle Marx erinnern, sondern auch sein – weiterhin dringend notwendiges – Engagement für den Schutz der Umwelt; sein Geschick, Ökologie, Urbanismus und künstlerische Gestaltung zu verbinden.
Roberto Burle Marx. Modernismo tropical. Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee Bern dauert bis 7. Februar 2027
Titelbild: Roberto Burle Marx: Aussenministerium, Palácio Itamaraty, Brasília, Tapisserieentwurf (erster Abschnitt); 1965 Gouache auf Karton 50,3 x 55,7 cm. Acervo Sítio Roberto Burle Marx/Iphan/MinC © Roberto Burle Marx
