Das 200-Jahr-Jubiläum für den Walzerkönig Johann Strauss (1825–1899) geht in die letzte Runde. Gleichzeitig steht die unausweichliche Silvester-Sause an. Gründe also, den straussschen Dauerbrenner «Die Fledermaus» allerorts wieder einmal über die Bühnen flattern zu lassen. Auch das Opernhaus Zürich walzert mit und bittet zum Tanz.
Für ihre Inszenierung hat sich die österreichische Regisseurin Anna Bernreitner mit dem Mode- und Produktdesigner Arthur Arbesser für die Kostüme, Hannah Oellinger und Manfred Rainer für Bühnenbild und Video sowie Patti Basler für neue Dialoge im textlastigen 3. Akt zusammengetan, um dem schillernden Opus gerecht zu werden. Dabei ergänzt sie die im Stück angelegten Themen wie Täuschung, Doppelmoral, Hedonismus, Dekadenz und Eskapismus um ihre Anliegen wie Sexismus, Rassismus und weibliche Selbstbestimmung. Und nimmt dafür auch einige nicht immer ganz glückliche Änderungen vor, geht jedoch mit dem Kern der Story einigermassen respektvoll um, sodass die Geschichte nachvollziehbar bleibt.
Ein Prolog in Bildern
Während die schmissige Ouvertüre im Orchestergraben moussiert, beginnt es schon mal mit einem Video, das uns die leicht zurechtgerückten Gründe für die «Rache der Fledermaus», wie das Werk ursprünglich hiess, erklärt. Damals vor 20 Jahren und nach einer Sauftour und einer Rivalität um die Sängerin Rosalinde, hat Gabriel von Eisenstein seinen sternhagelvollen Zechkumpan Falke, verkleidet als Fledermaus, dem Spott der Öffentlichkeit preisgegeben.
Die neue Zürcher Fledermaus flattert in einer tropischen Traumwelt.
Nachdem im Bühnenbild in Grau – Aussen- und Innenansicht des eisensteinschen Domizils – die Fäden zur Intrige geknüpft sind, finden sich alle wieder in einer extrem bunten Traumwelt auf einer Insel mit Palmen und Vulkan. Hierher, ins Palais des Prinzen Orlofsky, hat Falke, die düpierte «Fledermaus» von einst, alle Beteiligten geladen, wo im arrangierten Komplott und unter exzessivem Genuss von Champagner eine allgemeine Verbrüderung stattfindet. Wo Eisenstein mit seinem Dienstmädchen flirtet und der eigenen – natürlich maskierten Gattin Rosi – den Hof macht. Damit blamiert er sich unsterblich vor der ausgelassenen Gesellschaft. Der Kater am andern Morgen ist programmiert, doch, einmal ausgenüchtert, winkt die Versöhnung – oder vielleicht doch nicht ganz…
Champagner – und der Morgen danach
Dieser 3. und letzte Akt spielt im Knast, wo Eisenstein eine Strafe absitzen muss. Doch hier waltet nicht, wie üblich, der angesäuselte Gefängniswärter Frosch, hier haben drei Nornen, mythologische weise Frauen, die an der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft weben und spinnen – Web-Designerinnen, gewissermassen – das Sagen. Für sie (die Schauspielerinnen Lucia Kotikova, Melina Pyschny und Barbara Grimm) hat die Satirikerin Patti Basler ein paar mehr oder weniger pointierte Dialoge und Kalauer verfasst – die, so Stimmen im Publikum, allerdings akustisch nicht immer gut zu verstehen sind.
Der Mut von Von Eisenstein und Dr. Blind wird vom Alkohol beflügelt.
Matthias Klink gibt den angejahrten Schwerenöter Eisenstein mit tenoraler Grandezza. Der Testosteronschub, den die Aussicht auf die rauschende Ballnacht in ihm auslöst, hält allerdings nicht lange an: Nach der durchzechten Nacht ist er nurmehr ein eifersüchtiger, jämmerlicher Windbeutel, auch wenn er dem noch jämmerlicheren Advokaten Dr. Blind (Nathan Haller) grossmäulig die Leviten liest.
Nicht betrogen, aber emanzipiert
Die Sopranistin Golda Schultz als Rosalinde singt den berühmten Csárdás in einer glitzernden (Venus-)Muschel, ausdrucksstark und mit emotionaler Tiefe. Und es bestätigt sich, was schon in ihren ersten Auftritten klar war: Das ist nicht die verhärmte Gattin eines notorischen Fremdgängers. Darum singt sie als emanzipierte Frau nicht von «Klängen der Heimat», vom Ungarland, vom brauen Kind, sondern von Freiheit, Traumland und unzähmbaren Sinn. Vielleicht wird Rosalinde post festum sogar eine Karriere als Sängerin starten. Bestärkt wird sie darin von Alfred, gekonnt dargestellt von Andrew Owens in Schlaghose und Tanktop mit halbseidenem Tenor-Schmalz und gestenreichem Rocker-Gehabe
Auch beim Chor wurde tief in die Kostümkiste gegriffen. (alle Bilder Opernhaus Zürich/Herwig Prammer)
Regula Mühlemann profiliert sich als Stubenmädel Adele mit Spielwitz und Anmut. Stilsicher und musikalisch differenziert gestaltet sie die einzelnen Strophen ihrer Couplets. Eine liebreizende junge Frau, die dank funkelnden, federleichten Koloraturen und charmantem Auftreten das Kammerzofendasein bald hinter sich lassen wird. Fürs erste hat sie schon mal den herrlich verkaterten Gefängniswärter Frank an die Wand gespielt: Ruben Drole darf sich zwar auf seinen sonoren Bariton, der ihm im Akt 1 bei der Verhaftung des Tenors Alfred als vermeintlichem Eisenstein Respekt verschaffte, und sein ausgesprochen komisches Talent verlassen. Doch jetzt, angesichts von Adeles umwerfender Talentshow und eines beachtlichen Promillesatzes im Blut, ist’s um ihn geschehen – auch ein Gefängnisdirektor ist halt doch nur ein Mann…
Drahtzieher Yannick Debus aka Dr. Falke verzaubert mit seinem samtenen, noblen Bariton nicht nur die Ballgäste, die er wie ein Magier mit somnambuler Eindringlichkeit zur allgemeinen Verbrüderung mitten im überdrehten Tanzgetümmel anleitet, wo der Chor ebenfalls sein Bestes gibt. Debus lässt auch das Publikum einen zauberhaften Moment der Entrückung erleben.
Schreiend bunte Kostüme und schöne Stimmen
Dieser emotionale Schwebezustand dürfte selbst den Prinzen Orlofsky beeindrucken, der zwar «gern Gäste einlädt», sich dabei aber stets und grundsätzlich ennuiert. Marina Viotti singt den androgynen Gastgeber mit fundiertem, nuancenreichem Mezzosopran, modisch genderfluid, polyglott und immer wieder anders kostümiert. Dabei verflüchtigt sich leider die geheimnisvolle Aura, die den faszinierenden Dandy umweht. Was soll’s – die schreiende Buntheit, die überbordenden Vielfalt an Kostümen des Ball-Aktes werden vom rasanten «Feuerstrom der Reben» generös hinweggespült.
Lorenzo Viotti und das Orchester der Zürcher Oper setzten alles daran, dass der Champagner perlt und schäumt. Subtile Phrasierung, farblich Nuancen und vor allem ein nicht nachlassender Schwung lasen über weniger geglückte inszenatorische Stellen hinwegsehren oder -hören. Ein orchestrales Glanzstück ist in jedem Fall die als Vorspiel zum 3.Akt eingefügte Tritsch-Tratsch-Polka, Strauss aufgemischt mit jazzigem und folkloristischen Latino-Sound des venezolanischen Komponisten und Cellisten Paul Desenne. Und wenn zum Finale alle – der Chor drängt sich dazu von den Seitenpforten ins Parkett – nochmals die Lobeshymne auf seine Majestät, Champagner den Ersten, anstimmen, löst das nicht nur einen Beifallssturm im Publikum aus. Es dürfte auch die gebeutelte Zunft der Winzer und Weinproduzenten freuen…
Heute Abend steht «Die Fledermaus» wieder auf dem Programm, wie auch am 12., 14.,18.,26.,28. ud 31. Dezember und am 2.,4.,6. und 10. Januar.

