1 KommentarBildung 65+ - Seniorweb Schweiz

Bildung 65+

Klar, wir wollen lernen und uns bilden bis zum Lebensende. Das tut dem Individuum und der Gesellschaft gut. Zu diesem Zweck wurde die Schweizerische Charta Bildung 65+ entwickelt. Was ist ihr Anliegen? Seniorweb hat sich mit Pius Knüsel, Mitbegründer der Allianz Bildung 65+, darüber unterhalten.

Die Charta Bildung 65+ orientiert sich an sechs Grundüberzeugungen.

  1. Bildung fördert Gemeinschaft und Wohlbefinden.
  2. Freude befördert das Lernen.
  3. Lernen braucht vielfältige Angebote.
  4. Teilnahme erfordert Zugänglichkeit und Qualität.
  5. Wirkung setzt Forschung voraus.
  6. Lernen im Alter benötigt förderliche Rahmenbedingungen.

Für die Umsetzung der Charta ist die Allianz Bildung 65+ zuständig. Erstunterzeichnende sind der Schweizerische Verband der Seniorinnen- und Seniorenuniversitäten, der Verband der Schweizerischen Volkshochschulen, Pro Senectute und die Professur für Erwachsenenbildung und Weiterbildung der Pädagogischen Hochschule FHNW.  Zu den Mitunterzeichnenden gehören regionale Seniorenuniversitäten und Volkshochschulen, weitere Bildungsinstitutionen, aber auch der Schweizerische Seniorenrat SSR, das UZH Healthy Longevity Center und die Age-Stiftung. Zurzeit sind gegen 50 Organisationen Mitglieder der Allianz Bildung 65+, Tendenz steigend.

Im November 2025 fand der dritte partizipative Workshop der Allianz statt und Seniorweb führte darüber mit Pius Knüsel ein Gespräch:

Seniorweb: Was waren zentrale Diskussionspunkte des dritten Workshops der Allianz Bildung 65+.

Pius Knüsel, Mitbegründer der Allianz Bildung 65+ (Foto zVg.)

Pius Knüsel: Wir haben uns erstens über unseren Bildungsbegriff unterhalten. Da gehen die Verständnisse je nach Organisation und Aufgabe mehr oder weniger auseinander. Zudem wollen wir nächstes Jahr die Allianz in eine Trägerschaft überführen. Aus einer blossen Interessengemeinschaft soll ein Verein werden. Drittens wollen wir nächstes Jahr in einer Aktionswoche die verschiedenen Mitglieder der Allianz einander näherbringen, gemeinsame Aktivitäten entwickeln und schauen, wo der kleinste gemeinsame Nenner ist.

Zum Bildungsbegriff: Wie akademisch oder wie lebensnah soll Bildung im Alter sein?

Da gibt es unterschiedliche Bedürfnisse. In Seniorenuniversitäten oder in den akademisch gefärbten Volkshochschulen Zürich und Basel geht es meistens um Bildung als Selbstzweck. Das Publikum freut sich, wenn ein Professor, eine Professorin neue Forschungsergebnisse präsentiert, einem die Augen öffnet und kompetent ist. So füllen sich die Hörsäle. Andere treffen sich gerne mit andern, um über ein aktuelles Thema, alltägliche Probleme und Lösungsansätze zu diskutieren. Hier ereignet sich Bildung in der Interaktion. Das gilt insbesondere für kleinere Anbieter in mittleren Städten und auf dem Lande.

Blick in die Seniorenuniversität Bern (Foto von Wikimedia commons)

Zielt man eher auf Teilnehmende mit einem gefüllten Bildungsrucksack oder haben Sie auch eher bildungsferne Personen im Blick?

Wichtig ist uns die Vielfalt des Bildungsangebots. Der pensionierte Akademiker, vielleicht ein Ingenieur, darf sich sehr wohl an einer Seniorenuniversität mit Philosophie oder Literatur befassen, wenn ihm das Freude bereitet. Aber es sollen auch Tanzworkshops oder Sprachkurse für alle Levels angeboten werden, Kurse zu Gesundheitsfragen, zu Nachhaltigkeit, natürlich auch Bewegung und Kreativität. Wichtig ist die Freude am gemeinsamen Lernen, unabhängig davon, ob man einen Doktortitel oder einen Hauptschulabschluss hat.

Wie soll Barrierefreiheit beim Zugang zur Bildung geschaffen werden.

Bildung soll für alle erschwinglich sein und alle sollen das wählen können, was ihnen passend erscheint. Man muss am Eingang zu einem Kurs nicht ein Diplom vorweisen.

Soll die Allianz sich an den Bildungsbedürfnissen oder am Bildungsbedarf orientieren? Soll beispielsweise der Pflegenotstand entschärft werden, indem nichtmedizinischen Betreuungs- und Begleitungskurse für An- oder Zugehörige von pflegebedürftigen Personen angeboten werden?

Ich finde solche Kurse äusserst wertvoll, aber da muss sich die Allianz eine Grenze setzen. Caring-Kurse, also Kurse in nichtmedizinischer Pflege, Betreuung- und Begleitung können vielleicht vom Roten Kreuz oder von Samaritervereinen angeboten werden. Bildung, wie wir sie anbieten wollen, sollen der self-care, der ganzheitlichen Selbstsorge dienen, physisch, psychisch, sozial und geistig. Wir machen auch nicht Alterspolitik im breiten Sinne, dafür gibt es andere Institutionen, die zum Teil Mitglieder der Allianz sind, wie etwa der Schweizerische Seniorenrat, VASOS und der SVS.

Grenzt die Allianz sich auch ab von Bildungsangeboten, wo es um einen direkten Alltagsnutzen geht, etwa um die Finanzen.

Ja, da hat beispielsweise Pro Senectute gute Angebote, etwa beim Ausfüllen von Steuererklärungen, Beantragen von Ergänzungsleistungen oder wenn es darum geht, ein Testament zu verfassen. Aber Pro Senectute bietet auch Bildung in einem weiteren Sinne an, etwa Sprachkurse, Gymnastik- oder Kochkurse usw. Deswegen gehört Pro Senectute auch zu den Erstunterzeichnenden der Allianz. Bildung, wie die Allianz sie versteht, hat viel mit der Freude am Verstehen selbst zu tun. Es ist wie mit der Kunst. Das Leben funktioniert auch ohne, aber es wäre trist.

Wie kann ein guter Umgang mit dem Internet, mit dem Handy, mit der Künstlichen Intelligenz eingeübt werden?

Da ist gerade eine grosse Entwicklung im Gang. Die Bildungsbedürfnisse ändern sich schnell und sind auch altersabhängig. Da ist vieles in Bewegung. Hier öffnet sich ein grosses Betätigungsfeld für die Allianz Bildung 65+. Zentral ist für uns, dass wir Bildung mit einer (kleinen) Anstrengung verbinden und mit einer Horizonterweiterung oder einer persönlichen Entwicklung. Nur so hält sie geistig und körperlich fit. Das ist gleichzeitig mehr als Beratung in Alltagsfragen.

Gemeinsames Lernen am Computer kann Türen öffnen und mehr Sicherheit und Freude bringen. (KI-generiertes Bild von Pixabay)

Oft haben 65-Jährige andere Bildungsbedürfnisse als 85-Jährige.

Ja, deswegen ist die Angebotspalette unserer Mitglieder breit. Wir erwarten, dass sich Bildungsbeflissene Passendes aussuchen oder dass für Interessierte vor Ort Angebote in Vereinen oder lokalen Volkshochschulen gleich welchen Alters kreiert werden.

Wie wollen Sie eher bildungsferne ältere Personen erreichen?

Das haben wir im dritten Workshop auch besprochen. Wir wollen Ältere auch dort aufsuchen, wo sie sind, in Senioren- und Quartiervereinen, in Spielgruppen, usw. Die Anbieter vor Ort sollen deren Bildungsbedürfnisse kennenlernen und gemeinsam mit ihnen ein Lernformat entwickeln.

Soll Bildung von Alten für Alte angeboten werden?

Viele der Unterrichtenden sind selber im Pensionsalter, das ist ein Fakt, was die Lücke zwischen Kursleitenden und Teilnehmenden entscheidend verringert. Aber es darf auch anders sein, das hängt ganz vom Anbieter ab. Wir sind auch offen für die intergenerationelle Bildung. Da sollen alle Generationen in der Zusammenarbeit gemeinsame Herausforderungen lösen. Interessant an der Allianz Bildung 65+ ist, dass die Handelnden und die Betroffenen weitgehend identisch sind. Das verleiht den Diskussionen eine ganz neue Glaubwürdigkeit.

Grosseltern beim Zeichnen  mit ihrem Enkel (Foto freepik)

Wer soll das bezahlen?

Es ist ja mittlerweile bekannt, dass mit Bildung im Alter Einsamkeit und das Demenzrisiko abnimmt, Bildung gesundheitsfördernd ist und gute Investitionen in die Bildung von älteren Personen sich letztlich auch auszahlen, weil das Krankheitsrisiko sinkt und der gesellschaftliche Mehrwert steigt. Deshalb finden wir ein Engagement der öffentlichen Hand für die Anbieter von Bildung für Seniorinnen und Senioren gerechtfertigt – ganz entgegen dem bildungspolitischen Trend, dass der Staat sich daraus zurückzieht. Für die Aktivitäten der Allianz werden wir Fund-Raising betreiben müssen.

Wollen Sie deswegen auch die Rechtsform der Allianz ändern?

Ja, zurzeit ist die Allianz eine lose Interessengruppe, getragen von den Gründern. Nächstes Jahr sollte sie ein Verein werden. Damit sind wir für unterstützende Institutionen bessere Ansprechpartner und wir können besser miteinander kooperieren und Verantwortung teilen.

Was entgegnen Sie jemandem, der sagt: Irgendwann ist ausgelernt. Im Alter soll doch jeder selbst für sein Lernen und seine Bildung sorgen?

Klar, Selbstverantwortung und Selbstbestimmung ist wichtig, so steht es sogar im eidgenössischen Weiterbildungsgesetz. Doch im gemeinsamen Lernen und in der gemeinsamen Bildungsarbeit liegt ein grosses Potential, das nicht ausgeschöpft wird, wenn alle einzeln strampeln. Sich gemeinsam bilden und sich austauschen über Gott und die Welt, über grundsätzliche und aktuelle Probleme macht Freude und bringt Erfolg. Diese Gemeinschaft der Lernenden zu ermöglichen, ist mit Aufwand verbunden – ein Aufwand, der sich lohnt.

Pius Knüsel, besten Dank für das Gespräch.

Pius Knüsel (geb. 1957 in Cham) hat an der Universität Zürich Germanistik, Philosophie und Literaturkritik studiert. Er war Kulturredaktor beim Schweizer Fernsehen, Programmleiter des Jazz Clubs Moods. Von 1997 bis 1998 war er Leiter des Kultursponsorings Schweiz der Credit Suisse. Von 2002 bis 2012 war er Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Sporadische Lehrtätigkeit u.a.  im Fach Kulturmanagement an den Universitäten Basel und Neuenburg und an der Hochschule der Künste Bern. Neun Jahre lang war er Direktor der Zürcher Volkshochschule und seit 1. Juni 2021 ist er Präsident des Verbands der Schweizerischen Volkshochschulen VSV. Von 1999 bis 2025 amtete er als Geschäftsführers des Internationalen Musikfestivals Alpentöne.

Titelbild: Einblick in einen Kurs zum besseren Gebrauchs des Internets und der Künstlichen Intelligenz (Foto freepik)

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