Kapitalist gegen Gutmenschin: das ist die Ausgangslage im Brecht-Klassiker «Die heilige Johanna der Schlachthöfe». Bei Bühnen Bern findet der Klassenkampf in einer Stierkampf-Arena statt, mit einem dramatischen Schluss sowie mit Bezügen zur heutigen Macht- und Wirtschaftsordnung.
Schon ganz am Anfang des in den Vidmarhallen gespielten Stücks fühlt man sich an die «Dreigroschen-Oper» erinnert: Die Kapitalisten, in diesem Fall die Fleischindustriellen, sitzen in der Arena ganz oben, während das ausgebeutete Volk, die Stiere, ganz unten trotten, sitzen oder liegend dahinvegetieren.
Zwei Stiere: Vertreter hegemonialer Männlichkeit.
Wir befinden uns in Chicago, im Jahr 1930: Die Viehbörse wird von «Fleischkönig» Mauler (gespielt von Kilian Land) kontrolliert. Die Fabriken sind geschlossen. Johanna Dark, eine charismatische, junge Frau (Neo-Ensemblemitglied Kriemhild Hamann), will den hungernden Arbeiterinnen und Arbeitern helfen. Sie verteilt Suppe und will wissen, wer am Elend schuld ist. Johanna glaubt an das Gute im Menschen und an die Veränderbarkeit der Welt zum Guten. Was für ein Irrtum!

Johanna der Schlachthöfe: «Es kann nicht gut sein, was mit Gewalt gemacht wird.»
Auf ihrem Gang durch die Fleischfabriken begegnet sie dem Kapitalisten Mauler und glaubt ihn zur Menschlichkeit bekehren zu können. Doch für den «Fleischkönig» sind die Menschen von Natur aus schlecht: «Es muss, bevor die Welt sich ändern kann, der Mensch sich ändern.»
Der Fabrikant als Held
Mauler macht sich selbst zum Helden und täuscht Johanna, indem er vorgibt, die Fabriken zu öffnen und den Arbeiterinnen und Arbeitern wieder Lohn und Brot zu verschaffen. Doch insgeheim nützt er den Idealismus der jungen Anti-Heldin für seine eigenen Zwecke. So gerät Johanna in die Mühlen des Wirtschaftssystems, das sie kritisiert, und wird zu einem Werkzeug des kapitalistischen Wachstums.
Durch eine gezielte Überproduktion von Fleisch lässt der «Fleischkönig» das System kollabieren. Kälte, Armut, und Hunger der Arbeiterklasse greifen um sich. Mauler nimmt alles in Kauf, und sieht in seinem Plan eine Chance, seine Konkurrenten zu erpressen. Da kommt die bislang friedliche Johanna zur Einsicht, „dass nur Gewalt hilft, wo Gewalt herrscht“ und wird zum Stier. Im Zweikampf mit Matador Mauler stirbt die Gutmenschin, wird zur Märtyrerin und heiliggesprochen. Mit ihrem Humanismus scheitert Johanna gegen Mauler, da sie nicht gegen die Unmenschlichkeit des Kapitalismus ankommt.

Auf zum letzten Kampf: Johanna der Schlachthöfe gegen Matador Mauler.
Macht unterdrückt jeden Widerstand
Die Berner Inszenierung der italienische Regisseurin Camilla Dania ist voller Symbolik. Die Macht in einer Stierkampf-Arena ist omnipräsent: Der Kapitalist/Matador entscheidet über den Tod des Stiers, der Arbeitsklasse. Regisseurin Dania geht im Stück der Frage nach, wie Revolution möglich ist, wenn selbst die Kritikerinnen und Kritiker zu Spielfiguren des Systems werden, gegen das sie kämpfen.
Johanna möchte Gutes tun in einer ungerechten Welt. Doch sie lebt in einer Zeit mit hoher Arbeitslosigkeit und übermächtigen Konzernen, deren Chefs nur ans Geld denken. Am Ende lässt sie sich vom System vereinnahmen und nützt dem Kapitalismus, den sie eigentlich verändern will. Damals wie heute zeigt Brechts Theaterstück: Es ist schwer, wirksamen Widerstand zu leisten.

Der Stier an der New Yorker Wallstreet: Symbol für explodierende Aktienmärkte. Foto ZVG.
Auf den zeitlichen Bezug der Thematik macht Dramaturgin Julia Fahle im Programmheft aufmerksam: Sie erwähnt die unheilige Allianz autoritärer Parteien und Politiker mit Tech-Milliardären in den Industriestaaten. Unternehmen wie Amazon, Microsoft, Apple, Tesla oder Pay-Pal praktizierten einen entfesselten, höchst undemokratischen Kapitalismus, der durch die voranschreitende Deregulierung unterstützt und vorangetrieben wird, findet Fahle.
Bertolt Brecht verfasste das Werk zwischen 1929 und 1931, während der Weltwirtschaftskrise und der explodierenden Massenarbeitslosigkeit. Das Stück zählt zu einer Reihe von Fragmenten, in denen sich der Schriftsteller Gedanken zur Spekulation mit lebenswichtigen Gütern macht. In dieser Zeit setzte sich Brecht intensiv mit dem Grundlagenwerk «Das Kapital» von Karl Marx auseinander.
Tierwohl und mehr Biogemüse
Heute kann man weiterer Botschaften aus «Die heilige Johanna der Schlachthöfe» herauslesen: Im Stück geht es um brutale Massentötungen von Tieren. Fleisch, das gierig auf dem Bühnenboden verzehrt wird, ist bei Brecht ein Symbol für exzessive Männlichkeit, wie der Stierkampf auch. Die Zeiten haben sich geändert: Heute kämpfen wir für die Gleichberechtigung der Geschlechter, gegen Unterdrückung von Minderheiten und für das Tierwohl.

Fleisch-Gier: Gegen die Gewalt in der Tierindustrie.
Wir essen mehr regionales Biogemüse und versuchen weniger Fleisch aus Massentierhaltung zu konsumieren, fliegen seltener und unterstützen den WWF mit einem Spendenbeitrag. Aber nützt das? Beruhigen wir damit nicht einfach unser schlechtes Gewissen beruhigen, um genauso weitermachen können wie bisher? Können wir uns Widerstand jenseits der kapitalistischen Logik überhaupt vorstellen?

Titelbild: «Fleischkönig» Mauler im Duell mit der Anti-Heldin Johanna (rechts). Alle Fotos: Annette Boutellier.
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Weitere Vorstellungen bis 21. März 2026


Hat die Regisseurin Camilla Dania eine Inszenierung gewählt, die dem Stück entspricht und es verdeutlicht? Die „Johanna“ spielt in einem stilisierten Stierkampf mit Toreros (die oben) und Stiermasken (die unten).
Nützt das der Produktion? Nein. Es verwirrt und lässt keine leisen Töne zu. Das Stück beginnt bei 150 und steigert sich dann langsam auf 200. Und man versteht den Text, obwohl oder weil vorwiegend im Brüllmodus, akustisch nur der Spur nach. Die Heavy-Metal-Einlage gegen Schluss? „Und jetzt seid mal so richtig wild.“