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ETH-Studie zum Gletschersterben

Wie lange gibt es noch Gletscher? Eine Studie unter der Leitung der ETH Zürich zeigt erstmals, wie viele Gletscher bis 2100 wegen der Erderwärmung verschwinden dürften und warum Regionen wie die Schweiz übermässig betroffen sind.

Die Gletscher schmelzen weltweit. Mit Blick auf die Anzahl Gletscher, die pro Jahr verschwinden, könnte deren Zenit in den Alpen schon bald, nämlich zwischen 2033 und 2041 erreicht sein: Je nachdem, wie stark sich die Erde erwärmt, könnten in diesem Zeitraum mehr Gletscher als je zuvor verschwinden. Weltweit wird der Höchstwert, wie viele Gletscher in einem Jahr verschwinden, etwa zehn Jahre später erreicht.

Für die Alpen bedeutet das: Steuert die Welt wie unter der aktuellen Klimaschutz-Politik auf eine Erderwärmung von +2,7° C zu, würden 2100 nur noch rund 110 Gletscher in Mitteleuropa bestehen – das wären gerade einmal drei Prozent der heutigen Gletscher. Bei einem Temperaturanstieg von +4° C wären es sogar nur noch rund 20 Gletscher. Selbst mittelgrosse Gletscher wie der Rhonegletscher würden dann zu kleinen Eisresten zusammenschrumpfen oder ganz verschwinden. Der mächtige Aletschgletscher zerfiele in diesem Szenario in mehrere kleine Teile. Damit setzt sich ein Trend in die Zukunft fort, den ETH-Forschenden bereits für die Vergangenheit feststellten: Erst unlängst zeigten sie, dass zwischen 1973 und 2016 allein in der Schweiz über 1000 Gletscher verschwunden sind.

Bei extremer Erwärmung schrumpfen selbst mittelgroße Gletscher wie der Rhonegletscher massiv. Bis 2100 könnten je nach Szenario der globalen Erwärmung in den Alpen nur noch 20 Gletscher übrigbleiben.  (Bild: ETH Zürich / Professur für Glaziologie)

Mehr als die Hälfte der kleinen Gletscher verloren

Zu diesem und weiteren Schlüssen kommt ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der ETH Zürich, der Forschungsanstalt WSL und der Vrije Universiteit Brussel in einer neuen Studie. «Zum ersten Mal haben wir Jahreszahlen dafür angegeben, wann jeder einzelne Gletscher auf der Erde verschwinden dürfte», sagt Lander Van Tricht, Hauptautor der Studie, die in der Zeitschrift Nature Climate Change erschienen ist.

Anders als frühere Arbeiten, die vor allem die Massen- und Flächenverluste des weltweiten Gletscherschwunds untersuchten, richtet sich der Blick der ETH-Forschenden neu auf die Anzahl Gletscher, die pro Jahr verschwinden, sowie auf die Region und den Zeitrahmen ihres Verschwindens. Ihre Ergebnisse zeigen: Besonders betroffen sind Regionen mit vielen kleinen Gletschern, die in tieferen Höhenlagen oder nahe beim Äquator liegen – etwa die Alpen, der Kaukasus, die Rocky Mountains, die Anden sowie afrikanische Gebirge in niederen Breitengraden. «In diesen Regionen werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren voraussichtlich mehr als die Hälfte aller Gletscher verschwinden», sagt Lander Van Tricht, der als Forscher an der Professur für Glaziologie der ETH Zürich und der Forschungsanstalt WSL arbeitet.

So viele Gletscher der Alpen würden übrig bleiben

Das Tempo des Gletscherschwunds hängt von der Erderwärmung ab. Aus diesem Grund haben die Forschenden den Gletscherrückgang mit drei verschiedenen globalen Gletschermodellen und mehreren Klimaszenarien durchgerechnet. Für die Alpen kommen sie zum Ergebnis, dass bei +1,5° C-Erwärmung bis 2100 noch zwölf Prozent der Gletscher übrigbleiben (rund 430 von etwa 3000); bei +2° C überleben 8 Prozent oder etwa 270 Gletscher und bei +4° C verbleiben eben nur 20 Gletscher oder 1 Prozent.

Zum Vergleich: In den nordamerikanischen Rocky Mountains  überstünden im 1,5-Grad-Szenario noch rund 4’400 Gletscher bis 2100 – das wären 25 Prozent der heute rund 18’000 Gletscher. Bei +4° C blieben nur etwa 101 übrig – ein Verlust von 99 Prozent. In den Anden und in Zentralasien verblieben bei 1,5° C jeweils 43 Prozent. Bei +4° C schrumpfte die Zahl drastisch: In den Anden blieben rund 950 Gletscher übrig, was ein Verlust von 94 Prozent wäre; in Zentralasien wären es an die 2’500 Gletscher, ein Minus von 96 Prozent.

Wie die Studie zeigt, gibt es keine Region mehr, in der die Anzahl der Gletscher nicht abnimmt. Selbst im Karakorum in Zentralasien, wo einzelne Gletscher nach der Jahrtausendwende vorübergehend wuchsen, dürften die Gletscher den Prognosen zufolge verschwinden.

Besonders die tiefer gelegenen Bergregionen in Mitteleuropa, Westkanada und USA, Zentralasien sowie die äquatornahen Teile der Anden und die afrikanischen Gebirge könnten schon vor 2040 mehr als die Hälfte ihrer Gletscher verlieren. Die Grafik zeigt im Uhrzeigersinn: Je dunkler die Färbung, desto früher tritt der Verlust ein.  (Grafik: Basemap / Natural Earth / Springer Nature / ETH Zurich, Chair of Glaciology)

In ihrer Studie führen die ETH-Forschenden den neuen Begriff des «Peak Glacier Extinction» ein, übersetzt der Höhepunkt des Gletschersterbens. Er bezeichnet den Zeitpunkt, an dem die Anzahl der Gletscher, die innerhalb eines bestimmten Jahres verloren gehen, am grössten ist. Danach nimmt die Zahl der verschwindenden Gletscher wieder ab, weil die meisten kleinen bereits geschmolzen sind. Klimapolitisch ist das bedeutsam: Die Gletscher werden weiter schrumpfen, auch wenn die Zahl der verschwindenden Gletscher nach dem Zenit zurückgehen wird.

Jedes Grad Klimaerwärmung zählt

Diesen Zenit haben die ETH-Forschenden für verschiedene Erwärmungsszenarien berechnet. Bei +1,5° C globaler Erwärmung, wie dies das Pariser Abkommen vorsieht, wird er um das Jahr 2041 erreicht: Rund 2000 Gletscher verschwinden dann in nur einem Jahr. Bei +4° C verschiebt sich die Spitze auf etwa 2055 – dafür steigt sie auf rund 4000 Gletscher an. Dass der Höhepunkt bei stärkerer Erwärmung später eintritt, wirkt zunächst paradox. Der Grund: Bei stärkerer Erwärmung schmelzen nicht nur kleine Gletscher ganz weg, sondern auch grosse verschwinden. Dieses vollständige Verschwinden auch der grossen Gletscher zu erfassen, ist ein Vorzug des neuen Ansatzes.

Während im 1,5-Grad-Szenario noch etwa die Hälfte der heutigen Gletscher überlebt, bleibt bei +2,7° C nur ein Fünftel übrig – und bei +4° C gerade einmal ein Zehntel. Jedes Zehntelgrad zählt somit, um den Schwund zu bremsen. «Die Ergebnisse unterstreichen, wie dringend ambitionierte Klimaschutzmassnahmen sind», sagt Daniel Farinotti, Co-Autor und ETH-Professor für Glaziologie.

Kleine Gletscher in den Alpen verschwinden – wie beim Pizol bereits geschehen – immer häufiger vollständig. Im Bild der Pizol im Jahr 2006  

… und dieselbe Stelle im Jahr 2025. (Bild: Matthias Huss / ETH Zürich, Professur für Glaziologie)

Mit Blick auf die Menschen, die vom Gletscherrückgang betroffen sind, verspricht die neue Perspektive Erkenntnisgewinne für Politik, Wirtschaft und Kultur. Die bisherigen Studien konzentrierten sich darauf, den Gletscherrückgang mittels Massenverlusten zu bestimmen. Das ermöglichte Rückschlüsse auf den Anstieg des Meeresspiegels und den Umgang mit Wasserressourcen. «Das Schmelzen eines kleinen Gletschers trägt jedoch kaum zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Wenn ein Gletscher ganz verschwindet, kann das jedoch den Tourismus in einem Tal erheblich beeinträchtigen», sagt Lander Van Tricht.

Zukunft mit weniger Eis und Wasser

Die neue Studie der ETH Zürich zeigt somit nicht nur, wann und wo Gletscher verschwinden werden; sie kann auch Politik, Gemeinden, Tourismus und Naturgefahren-Management lokal dabei unterstützen, sich auf eine Zukunft mit weniger Eis und Wasser vorzubereiten.

Vor diesem Hintergrund beteiligen sich die ETH-Forschenden auch an Initiativen wie der Global Glacier Casualty List, die darauf abzielt, die Namen und Geschichten der verlorenen Gletscher zu bewahren – so haben sie unter anderem die Geschichte des Birch- und des Pizol-Gletschers beigesteuert: «Mit jedem Gletscher verbindet sich ein Ort, eine Geschichte und Menschen, die seinen Verlust spüren», sagt Lander Van Tricht, «darum engagieren wir uns sowohl für die Erhaltung der bestehenden Gletscher als auch für die Bewahrung der verlorenen.»

Florian Meyer, Hochschulkommunikation ETH

Titelbild: Im Inneren des Morteratschgletschers verbirgt sich eine grosse Eishöhle – ein eindrucksvolles und zugleich ernüchterndes Zeichen des fortschreitenden und beschleunigten Gletscherzerfalls. (Bild: Lander Van Tricht / ETH Zürich, Professur für Glaziologie)

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2 Kommentare

  1. Welchen Einfluss hat der rasante Gletscherschwund auf die Energiegewinnung mittels Wasserkraft? Wie sinnvoll ist angesichts der hier dargelegten Zahlen der Ausbau der Wasserkraft? Haben wir bis 2040 oder 2050 riesige Staumauern, die Ödland einschliessen?

  2. Nichts Neues unter der Sonne! In der Römischen Warmzeit wie auch im Hochmittelalter waren Teile der Alpen Eisfrei. Die „Kleine Eiszeit“ dauerte (je nach Wissenschafter) von 1450 bis 1950, Verursacht durch eine allgemeine Schwäche der Sonne, und verstärkt durch mehrere Vulkanausbrüche. Diese kalten und warmen Zeiten wechselten sich etwa alle 500 Jahre ab. Mir scheint, dass wir uns jetzt am Anfang einer neuen Warmzeit befinden. Richten wir uns darauf ein und freuen uns doch. Die Sache CO2 lehne ich dabei nicht ab. Gruss Pedro

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