Im Zürcher Literaturmuseum Strauhof ist eine Porträtreihe, gemalt von Doris Hürzeler zu sehen. Es sind Bilder von Menschen, denen Bücher mehr als ein Zeitvertreib sind. Bei der Vernissage, einer Art Klassentreffen der Porträtierten und ihrer Entourage, sprach der büchervernarrte Beat Schläpfer:
„Liebe Menschen, liebe Bücher, liebe Büchermenschen!
Bücher sind eine schreckliche Plage! Man muss warnen: sie können zur Gefahr werden!
Beat Schläpfer, hier im Porträt, hat in die Ausstellung eingeführt
Die Gefahren können physisch bedrohlich sein, so wie es der Schriftsteller Carlos Maria Dominguez beschreibt, wenn er reportiert, wie Leonard Wood halbseitig gelähmt wurde, als fünf Bände der Encyclopedia Britannica ihm auf den Kopf fielen. Ein anderer Leser hat sich im Keller der Zentralbibliothek eine Tuberkulose geholt, und von einem Hund hat man gehört, der sich an den Brüdern Karamasow den Magen verdarb und verstorben ist, nachdem er das Buch an einem wütenden Nachmittag verschlungen hatte.
Angeregte Gespräche über Literatur mit alten und neuen Bekannten
Es kann den Kafka-Lesern passieren, dass sie in eine tiefe Verzweiflung stürzen. Andere erschrecken vor den Abgründen der Langeweile, wie sie Flauberts Madame Bovary anfallen, und einem berühmten Leser ist es geschehen, dass er, als es sie längst nicht mehr gab, als Ritter durch die spanischen Lande zieht, weil er eine Überdosis Ritterromane zu sich genommen hatte.
Lange Zeit galt die Schrift als eine Kulturtechnik, von der man annahm, sie trage zur Verdummung der Welt bei. Wer schreiben konnte, wer Bücher las, zeigte, dass er der mündlichen Überlieferung nicht genug traute oder an Gedächtnisschwäche litt. Heute ist die kulturelle Erinnerung ohne Schrift und Bücher nicht mehr denkbar, die Vorzeichen haben sich verändert. Und so empfinden wir es gerade in diesen Jahren als eine kulturelle Bedrohung, wenn wir vor einer Medienentwicklung stehen, die Büchern wenig Bedeutung beimisst und damit das kulturelle Gedächtnis zu schwächen droht.
Sind Smartphones bewusstseinsverändernder als Bücher? Und wohin geht die Bewusstseinsveränderung?
Who is who – oder wer hat beim Modellsitzen was gesagt?
Schriften können Kontinente und Inseln verschieben, und so wurde aus dem von Kolumbus gesuchten Indien unversehens Amerika (und aus Grönland hoffentlich nicht die USA!). Bücher können Länder verändern, Staaten stützen oder Regimes stürzen, sie können Religionen begründen und Weltanschauungen verändern, den Blick auf den Kosmos verdüstern oder erhellen.
Blick durchs Fenster auf die Vernissage-Gesellschaft und die Staffeleien mit Anton Bruhin (links) und Reto Hänny
Und so scheinen Bücher gerade in unserer Zeit wieder gefährlich zu werden. Wie immer wieder zu hören ist, werden sie verboten, weggeschlossen. Es ist hier nicht Gelegenheit, die Jahrhundertgeschichte der Zensur aufzurollen, ein Blick in europäische Bibliotheken und über den Ozean hinweg mag genügen.
Dennoch und erst recht: Bücher sind eine wunderbare Erfindung! Bücher sind wie menschliche Begegnungen, über Jahre, Jahrhunderte hinweg schaffen sie Brücken, man fühlt sich ermutigt, bereichert, bestätigt, irritiert, angeregt, oder gar betrogen und im Stich gelassen.
Regisseur Walter Pfaff und Architektin Asi Staufer gegenüber der Bilderwand mit dem Porträt von Walter Pfaff
Wir alle kennen überraschende Folgen, wie sie einem bei zufälligen Begegnungen widerfahren können: Begegnungen in einer Bar, während einer Zugfahrt oder am Bügel eines Skilifts – sie können uns noch lange nachgehen. Gleiches gilt für Bücher: Bücher bergen ferne Erlebnisse, gefroren im Permafrost. Tauen sie auf, kann Unerhörtes hervorbrechen, und wer Bücher öffnet, gibt die vertraute Welt für immer auf.
Warum tun wir uns diese Reisen ins Ungewisse an? Aus Neugier? Aus dem Bedürfnis, einen Blick in unbekannte Gefühlswelten, Erkenntniswelten zu erhaschen, wie wir sie allein nie erleben könnten, den Horizont auszudehnen, oder einen einförmigen Alltag aufzuwerten und ihn für den Moment des Lesens zu vergessen?
Buchhändlerin, Schauspieler, Autor – zwei Wände voll Büchermenschen, gemalt von Doris Hürzeler
Und deshalb gibt es diese ganz vielen Bücher, die man kaum weglegen kann, deren Ende man mit Bangen befürchtet, deren Ende einem einsam entgegenstürzt, leer lässt. Fast fühlt man sich von einem freundlichen Kameraden betrogen.
Lesen geschieht stets auf eigene Gefahr. Es gibt keine Versicherung, die dagegen abzuschliessen wäre – die Konsequenzen bleiben unwiderruflich und unberechenbar. Wer Bücher öffnet, setzt sich schutzlos aus – es gibt kein Entrinnen.
Bücher zum Anfassen: links das Werk von Ilma Rakusa, rechts jenes von Reto Hänny
Ich spreche von Erfahrungen als Leser. Doch Bücher müssen erst geschrieben, verlegt, hergestellt und verkauft, gekauft oder ausgeliehen werden, damit sie Leserinnen und Leser finden – Bücher, die oft lange darauf warten müssen, bis es so weit ist, unter Menschen gebracht zu werden. Dann eröffnen sich Dimensionen, ergeben sich Einsichten, ein nie gekannter Kosmos tut sich auf, gedachte Gedanken werden gegenwärtig, Bücher beginnen zu reden:
Von kleinen Missverständnissen ohne Bedeutung
Von Frist und Ewigkeit
Von Rohem und Gekochtem
Von süsser Liebe und schrecklichem Verrat
Von Wegen und Abwegen
von verkommenen Söhnen und wachsamen Eltern
Von Forschung und Scheitern
Von Verbrechen und Strafe.
Und damit führen sie Vergangenes in die Gegenwart, ferne Orte in vertraute Nähe.
Machen aus Frieden Krieg -oder umgekehrt
Aus Unwissen Weisheit -oder umgekehrt
Leben wird zu Tod – oder umgekehrt
Himmel zur Hölle -oder umgekehrt
Triumph zu Untergang – oder umgekehrt
Träume zur Wachheit – oder umgekehrt
Bücher, und besonders die Literatur vermag alles:
Sie macht aus Liebe Hass – und zurück
Sie macht aus Feinden Freunde – und zurück
Sie macht aus Fremdem Bekanntes – und zurück
Sie führt Menschenliebe zu Tyrannei -und zurück.
Und immer wieder Vergängliches zu Bestehendem.
Es scheint keine Dimension zu geben, die Büchern und ihren Erschafferinnen und Erschaffern fremd ist.“
(Gekürzte Fassung der Vernissage-Ansprache. Red.)
Dem genialen Literaturvermittler Werner Morlang (1949-2015) widmet diese Wild Card eine besondere Hommage.
Titelbild: Ausstellungsansicht
Alle Bilder: © Strauhof und Doris Hürzeler
Die Wild Card 24 des Strauhof zeigt Experimente zu Literatur und Gesellschaft, zurzeit eine Porträtserie von Büchermenschen. Die Malerin Doris Hürzeler hat 2013 mit Achim Benning, einst Direktor des Zürcher Schauspielhauses, ihr erstes Porträt gemalt. Zuvor war sie Dekorateurin, Grafikerin, Theaterzeichnerin. Viele Porträts, darunter Persönlichkeiten der Zürcher Literaturszene, sind jetzt an den Wänden im Strauhof zu bewundern, und es geht weiter. Die Modelle müssen nicht still sitzen, sondern werden von André Behr in ein Gespräch gezogen, während die Malerin an der Staffelei steht. Sie können dabei sein, wenn Doris Hürzeler die Porträts von Reto Hänny (22. Januar) und Ilma Rakusa (29. Januar) um 18 Uhr mitten in der Ausstellung fertig stellt.
Bis 1. Februar
Hier gibt es weitere Informationen zu dieser Wild Card

– Vielen Dank für den informativen Artikel – ja, es gibt sie noch – die Büchermenschen! – Pedro Meier, Niederbipp –
Mit grossem Interesse habe ich diesen Artikel gelesen und die Bilder angeschaut. Ich bedaure, dass ich nicht anwesend sein konnte, als Reto Hänny gemalt wurde. Ich lese jeden Tag im „Sturz“.