Die letzten Filme von Teona Strugar Mitevska «The happiest Man in the World» (2022) und «God exists, her Name is Petrunya» (2019) dienen als gute Einführung, allein schon mit der Lektüre der Besprechung.
Im Herzen Kalkuttas kümmert sich die Oberin Teresa (die Schwedin Noomi Rapace) um die Ärmsten der Armen. In den Slums reinigt sie die Wunden der Kranken, reicht ihnen Wasser und verteilt selbstgebackene Brotstücke an hungernde Kinder. Ein Engagement neben ihrer Rolle als Schulleiterin, das im Orden nicht ohne Kritik bleibt. Gerade auch deswegen wartet Teresa sehnlichst auf eine Antwort von Papst Pius XII. Sie hofft auf die Erlaubnis, die Loreto-Schwestern verlassen zu können, um dem Ruf Gottes folgend ihren eigenen Orden zu gründen. «Ich bin eine Frau in einem von Männern geführten System», beklagt sie sich beim mitfühlenden Pater Friedrich (Nikola Ristanovski). Im Kloster steht die Entscheidung an, wer ihre Nachfolge antreten soll. Teresa sieht ihre Vertraute, Schwester Agnieszka (Sylvia Hoeks), als ideale Kandidatin. Doch als ihr Vorhaben kurz vor dem Abschluss steht, kommt es zu einem moralischen Drama: Ein unverzeihlicher Fehler Agnieszkas schafft schwere Gewissenskonflikte. Selbst ihre eigene Zukunft sieht sie in Gefahr und versucht, die Situation unter Verschluss zu halten. Zwischen spiritueller Loyalität und menschlicher Zuneigung, und von Zweifeln geplagt, wird sie mit ihren eigenen Sehnsüchten und inneren Konflikten konfrontiert.
Schwester Agnieszka
Ausschnitte aus einem Interview mit Teona Strugar Mitevska
Warum haben Sie sich entschieden, diese Geschichte zu erzählen?
Mein Vater sagte mir: «Ich weiss nicht, ob Gott existiert, aber die Vorstellung von etwas, das grösser ist als ich, inspiriert mich, höhere Ziele anzustreben.» Er war Maler. Als Künstler:innen versuchen wir, etwas zu schaffen, das über uns hinausgeht. Deshalb mache ich Filme. «Mother» ist ein Produkt dieses Strebens: Grenzen zu überschreiten und den Mut zu haben, sich frei auszudrücken, Geschichten zu erzähle, die für mich wichtig sind. Schliesslich ist Mutter Teresa Albanerin, wie ich, und wir kommen beide aus Mazedonien. Ich bin stolz auf sie.
Ihre Teresa unterscheidet sich sehr vom Bild, das wir von der mageren und lächelnden Heiligen haben. Wie sind Sie auf diese Vorstellung der Figur gekommen, die so weit weg ist von den Klischees?
Vor fünfzehn Jahren drehte ich einen Dokumentarfilm mit dem Titel «Teresa and I». Damals erhielten wir die Erlaubnis, die vier noch lebenden Schwestern des von Mutter Teresa gegründeten Ordens zu interviewen. Als ich die Erzählung einer der Schwestern filmte, war ich fasziniert vom Bild, das ich von Mutter Teresa bekam: Sie war zugleich streng und liebenswert. Ich war begeistert von der Komplexität und Kühnheit dieser Persönlichkeit. Sie verkörperte alles, was ich sein wollte. Sie wurde wie ich in Skopje geboren und verkörperte die gesamte ethnische Vielfalt meines Landes. Im Film wollen wir Themen ansprechen, die uns wichtig sind: Macht, Ehrgeiz und geschlechtsspezifische Rollen. Es war uns ein Anliegen, eine historische Frauenfigur zu präsentieren, die nicht idealisiert ist, sondern komplex und vielschichtig. Als Künstler:innen haben wir die Verantwortung, mit unserer Zeit in Resonanz zu treten.
Der Film behandelt auch das Thema Mutterschaft.
Ich weiss, dass Mutter Teresa eine umstrittene Persönlichkeit ist. Ihr Vermächtnis besteht aus aussergewöhnlichen Leistungen, aber auch beunruhigenden Widersprüchen. Sie war ein Kind ihrer Zeit. Ihre Haltung zur Abtreibung ist heute schwer zu verstehen und ich teile sie nicht. Deshalb haben wir uns entschieden, ihre Geschichte zu erzählen, bevor sie zur «Mutter Teresa» wurde, die wir kennen. Im Film ist sie 37 Jahre alt. Wir begleiten sie sieben Tage lang. Sie wird als Chefin eines Unternehmens dargestellt, als Robin Hood ihrer Zeit, unerbittlich und ehrgeizig. Ihre Heiligkeit misst sich an ihren Taten, nicht ihrer Haltung. So wird der Film zu einer Hommage an die Weiblichkeit, die Mutterschaft, die Sehnsucht und vor allem die Verbundenheit, die von drei Hauptfiguren gelebt wird: Teresa, Agnieszka und Pater Friedrich. Als intelligente und ehrgeizige Frau traf Teresa ihre Entscheide. Zunächst musste sie herausfinden, wie sie ihre Ambitionen innerhalb der katholischen Kirche verwirklichen konnte. Dann wagte sie das Unmögliche: Sie bat in Rom um Erlaubnis, einen eigenen Orden zu gründen und ihn auf ihre Weise ohne männliche Aufsicht zu leiten. Der Gedanke der Freiheit kam in meinen Gesprächen mit den Schwestern oft zur Sprache. Sie weigerten sich, so zu leben, wie es die Gesellschaft erwartete. Auf ihrer Suche nach Unabhängigkeit wählten sie die Religion als Zufluchtsort.
Wie haben Sie mit Noomi Rapace zusammengearbeitet?
Ich wollte mit einer Schauspielerin zusammenarbeiten, die diese «Punkrock»-Energie ausstrahlt, die Mutter Teresa meiner Meinung nach hatte. Noomi ist ein Schatz: Sie ist gleichzeitig sensibel, ein Rockstar und eine Naturgewalt. Wir haben anderthalb Jahre damit verbracht, die Figur zu entwickeln. Wir haben gelesen, jedes Wort des Drehbuchs analysiert und hinterfragt, recherchiert, einundzwanzig Versionen geschrieben. Es war ein langsamer, stetiger Aufstieg, vom Abgrund zum Gipfel. Wir haben auch über Mutter Teresas Vermächtnis gesprochen, über die Kontroversen, die sie umgaben, und darüber, was diese für uns heute als Frauen bedeuten. Wir haben die Tragweite ihres humanitären Wirkens, ihre religiösen Beweggründe, aber auch die Kritik, der sie zu Lebzeiten und nach ihrem Tod ausgesetzt war, untersucht. Diese Kontroversen finden in unserer Zeit, in der die Natur der Macht in all ihren Formen, einschliesslich Rassismus, Kolonialisierung und kapitalistischer Ausbeutung, neu überdacht werden, grossen Anklang.
Die Loreto-Schwesterngemeinschaft
Zum Schluss und weiter
Am Ende von «Mother. Die Frau hinter der Ikone» erinnerte ich mich sogleich an einen Satz von Victor Hugo, den ich liebe: «Ich hasse alle Kirchen, ich liebe die Menschen und glaube an Gott.» Wenn ich diese drei Worte ‒ Kirchen, Menschen, Gott ‒ als Folie hinter den Film von Teona Strugar Mitevska lege, leuchtet die weltumspannende Dimension der Geschichte durch. Aktuell einer Welt, in der Männer in absolutem Irrsinn und abscheulicher Brutalität herrschen, zerstören, lügen, rauben und töten. Dann wird der Film zu einem Loblied auf ein Leben, in dem Religion mit ihrer Öffnung und Bindung nach oben; in dem die Mutter, der Vater und das Kind im Mittelpunkt des Lebens stehen; in dem die Liebe, mit sich, den andern und den Nächsten gelebt wird.
Interview mit Teona Strugar Mitevska
Titelbild: Schwester Teresa
