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Berner Kaufhaus mit Überseegeschichte

Das neu renovierte Kaiserhaus an der Marktgasse in Bern rückt wieder ins Rampenlicht. Der Historiker Pius Betschart porträtiert in seinem Buch «Über Peru an die Berner Marktgasse» die Gründerfamilie Kaiser-Luder. Mittels aufwändiger Archivrecherchen zeichnet der Autor deren Erfolgsgeschichte nach.

An die Besuche im Kaiserhaus vor rund sechzig Jahren kann ich mich gut erinnern: Mit grossen Augen bestaunte ich in der riesigen Eingangshalle im Erdgeschoss die edel präsentierten Waren und fuhr an der Hand meiner Mutter mit dem hölzernen Lift ins 3. Stockwerk. Dort bestellten wir an der legendären Hauptkasse ein Hochzeitsgeschenk für Bekannte. Vergleichbar mit dem heutigen Warenhaus LOEB, galt das Kaiserhaus im bürgerlichen Bern als nobles Einkaufsparadies im oberen Preissegment.

Architekt des Kaiserhauses war Eduard Joos, der auch als Architekt des Nationalbankgebäudes sowie weiterer Bauten in der Stadt Bern in die Geschichte einging.

1972 wurde das historische Kaufhaus für immer geschlossen, nachdem es ein Jahr zuvor von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) erworben worden war. Die SNB nutzte das Kaiserhaus fünfzig Jahre lang für die interne Infrastruktur (z. B. Münzsortierzentrum, Personal-Mensa) und vermietete im Erdgeschoss Ladenflächen.

Ab 2015 initiierte die Eigentümerin eine umfangreiche Gesamtsanierung mit explizitem Konzeptwechsel. Der ursprünglich auf sechs Jahre geplante Umbau verzögerte sich – zum Ärger vieler Bernerinnen und Berner – mehrfach. Am 10. April 2026 wird nun das architektonische Juwel endlich wiedereröffnet.

Fachbuch über Migrationsgeschichte

Rechtzeitig auf dieses Datum hin hat der Historiker Pius Betschart ein ebenso spannendes wie umfassendes Buch über die Geschichte der Kaufmannsfamilie Kaiser-Luder geschrieben. Wer sich für Migrationsgeschichte, Stadtgeschichte, Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte, Architekturgeschichte oder Familiengeschichte interessiert, kommt bei der Lektüre des reich illustrierten und verständlich geschriebenen Fachbuchs auf seine Rechnung.

Porträt von Wilhelm Kaiser (1890). 

«Ich kam auf Umwegen auf das Thema», beschreibt Betschart im Gespräch mit Seniorweb sein Interesse an der Handelsfamilie: Während eines Studienaufenthalts in Mexiko war er auf die Aktivitäten von Schweizer Überseekaufleuten gestossen. Dabei wurde er auf den 1842 im Berner Seeland geborenen Wilhelm Kaiser aufmerksam, der nach einer Handelslehre als Zwanzigjähriger nach Peru ausgewandert war und es dort gemeinsam mit einem Landsmann zu Wohlstand gebracht hatte. Die beiden gründeten die Firma Sprüngli & Kaiser.

1866, vier Jahre nach seiner Ankunft in Lima, holte Kaiser seine Verlobte Susanna Luder nach Peru, heiratete die junge Lehrerin gleich nach der Ankunft und reiste mit ihr in die südperuanische Stadt Arequipa, wo der Kaufmann sein Handelshaus seit einigen Jahren erfolgreich führte. Sechs Kinder wurden dem Paar in den folgenden Jahren geboren.

Familie Kaiser überlebte das grosse Erdbeben von 1868 sowie Aufstände, kehrte aber – vierzehn Jahre nach Wilhelms Ankunft – im Frühling 1876 endgültig in die Schweiz zurück.

Von Solothurn nach Bern

Das Ehepaar Kaiser mit seinen Kindern, Familienfoto von Jean Moeglé vom 17. August 1890. Von links: Bertha Benteli-Kaiser, Otto, Susanna Kaiser-Luder, Wilhelm junior, Wilhelm Kaiser-Luder, Rosa, Robert und Bruno (sitzend). Quelle: Burgerbibliothek Bern, Historische Sammlung Krebser 26/9.

Die nächsten fünf Jahre wohnte die Familie in Solothurn.1881 wechselte sie in die Bundesstadt, wo Vater Kaiser einen Kunst- und Lehrbuchverlag mit Papeterie-Geschäft kaufte. Im burgerlichen Bern etabliert und akzeptiert , wurden die Kaisers 1889 Mitglieder der Zunftgesellschaft zu Metzgern.

Als die Lehrmittelproduktion1895 verstaatlicht wurde, sah sich Kaiser gezwungen zu diversifizieren. Er beteiligte sich an weiteren Firmen, wurde Verwaltungsrat und gründete 1901 zusammen mit seinen Söhnen Otto und Bruno die Firma Kaiser & Co Kollektivgesellschaft.

An der Markthausgasse / Amthausgasse liessen die Gesellschafter um die Jahrhundertwende ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus errichten, in dem 1904 das Kaufhaus Kaiser eröffnet wurde. Vier Jahre später starb Wilhelm Kaiser im Alter von 66 Jahren. Sein Lebenswerk wurde von seinen beiden Söhnen Otto und Bruno weitergeführt.

Wilhelm Kaiser (links mit weissem Bart) im Direktionsbüro des Kaiserhauses

Spannende Wirtschaftsgeschichte

Ein wichtiger Schwerpunkt in Betscharts Buch ist die Beschreibung des weitreichenden Familienunternehmens der Kaisers. So war der Firmengründer über seine Nachkommen auch an der A. Benteli-Druckerei in Bümpliz und an der Schokoladenfabrik Villars S.A. in Fribourg beteiligt. Mit den Unternehmensgewinnen unterstützte die Familie, angeführt durch Sohn Bruno, zahlreiche soziale und kulturelle Projekte. Betscharts Buch macht deutlich, wie wichtig die Unternehmensfamilie Kaiser für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Bern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war.

Die Warenpräsentation im alten Kaiserhaus orientierte sich am Stil amerikanischer Kaufhäuser.

Ehefrau Susanna Kaiser-Luder überlebte ihren Mann um dreissig Jahre. Sie starb 1938 im hohen Alter von 96 Jahren. Schon 1914 hatte sie ihre Erinnerungen an ihre zehn Lebensjahre in Arequipa aufgezeichnet. Mit der Schrift wollte Susanna Kaiser-Luder für ihre Nachkommen ein Zeugnis darüber hinterlassen, wie es ihr Mann Wilhelm und sie dank Mut, Risikobereitschaft, Glück, Fleiss und harter Arbeit zu Wohlstand gebracht und damit die Grundlage für Besitz und Vermögen der folgenden Generationen gelegt hatten. Autor Betschart hat diese «Erinnerungen» ediert, kommentiert und eingeordnet.

Aufwändige Recherchen im Archiv

Die Wilhelm Kaiser nachempfundene Figur eines Handelsmannes, ganz oben an der Fassade des Kaiserhauses, Marktgass-seitig (Bildhauer Karl Joseph Leuch).

Für sein Buch sichtete Pius Betschart zahllose Akten vor allem im Familienarchiv, zu dem ihm die Witwe des letzten Kaiserchefs Ruedi Kaiser, Bettina Kaiser-Stocker, grosszügig Zugang gewährte. Daneben fand der Historiker Schriftstücke und Fotografien im
Schweizerischen Bundesarchiv im Staatsarchiv des Kantons Bern, im Stadtarchiv Solothurn, im Bernischen Historischen Museum sowie in der Burgerbibliothek Bern.

Der peruanische Historiker Victor Condori stellte dem Autor eine Zusammenfassung der Geschäftsverträge der Firma Sprüngli & Kaiser sowie seinen noch unpublizierten Aufsatz über Schweizer Kaufleute in Arequipa im 19. Jahrhundert zur Verfügung.

Ergänzende Informationen lieferten die Erinnerungen der Urenkelin Sabina Bonsma-Merz sowie die Berichte der Schweizer Kaufleute Emil Wilhelm Wild (1854-1930) und Carlos Geiger (1841-1896), beides ehemalige Angestellte von Wilhelm Kaiser und von dessen Geschäftspartner Salomon Sprüngli (1839-1910) in Arequipa.

Paradebeispiel einer Auswanderergeschichte

Die von Pius Betschart (Foto) zum Leben erweckte Familiengeschichte von Wilhelm und Susanna Kaiser-Luder steht exemplarisch für die Auswanderung junger, zwar gut ausgebildeter, aber wenig bemittelter Kaufleute aus der Schweiz, die in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts in Übersee als qualifizierte, mehrsprachige und seriöse Fachkräfte sehr gefragt waren.

Ihnen winkte die Chance, beengte familiäre und soziale Verhältnisse hinter sich zu lassen und in wenigen Jahren dank fleissiger Arbeit zu Wohlstand zu kommen. Im Gegensatz zu vielen Auswanderern kehrten die Kaisers aus gesundheitlichen Gründen und für die Einschulung ihrer sechs Kinder in die Schweiz zurück. Laut Betschart blieb Arequipa für Susanna Kaiser-Luder bis zu ihrem Lebensende ein Sehnsuchtsort. Sie praktizierte die spanische Sprache mit ihren Nachkommen bis ins hohe Alter.

Titelfoto: Marktgasse Bern: Das neu renovierte Kaisesrhaus. Fotos / Quellen: Familienarchiv, Burgerbibliothek, SNB, PS, ZVG. Die historischen Fotos stammen aus dem besprochenen Buch.

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KASTEN

Brasserie und Besuchszentrum

Die Wiedereröffnung des Kaiserhauses findet am 10. April 2026 statt. Drei neue Gastrobetriebe beleben den Gebäudekomplex: Brasserie, Take-away und eine Bar werden dann eröffnet.  Ein nachhaltiges Handelskonzept mit lokalem Fokus prägt die neuen Ladenflächen. Im Besuchszentrum «Moneyverse» wird im Auftrag der SNB das Phänomen Geld beleuchtet. «Wir wollen spielerisch an das Thema herangehen und der Bevölkerung die Welt des Geldes näherbringen», sagt Direktionsmitglied Thomas Moser. Die Federführung bei der Entwicklung der Ausstellung hatte das Bernische Historische Museum (BHM), Gestaltungspartner sind Holzer Kobler Architekturen und teamstratenwerth

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Pius Betschart, Über Peru an die Berner Marktgasse, Die Kaufmannsfamilie Kaiser-Luder und das Kaiserhaus. Hier und Jetzt Verlag, 2026, ISBN 978-3-03919-647-0

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LINKS

Hier und Jetzt Verlag 


Artikel:

«Arequipa wäre ohne die Erdbeben ein Paradies auf Erden» : Susanna Kaiser-Luders «Erinnerungen» an ihr Leben in Peru (1866-1876) – Berner Zeitschrift für Geschichte No. 03/24 

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1 Kommentar

  1. Einkaufen bei Kaiser war auch für mich ein Erlebnis. In meiner Erinnerung kauften wir vor allem Papeterie-Artikel, inbesondere Einlageblätter und wunderschön gemusterte halbtransparente Zwischenseiten für Photoalben. Auch mein erster Füllfederhalter stammte von dort. Die Auslage der Waren in den Vitrinen aus dunklem Holz und Glas war beeindruckend, ebenso wie der Lift. Was mir in ganz besonderer Erinnerung geblieben ist, ist die Rohrpostanlage mit den glänzenden Messingrohren. Sie diente zum Senden des Geldes an die zentrale Kasse, von wo das Herausgeld auf demselben Weg zurückkam. Ob das grundsätzlich so war, oder nur wenn Noten gewechselt werden mussten, weiss ich nicht. Diese Erinnerungen dürften auf Anfang bis Mitte der 50er-Jahre zurückgehen.

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