Olga Neuwirths Politgroteske «Monster‘s Paradise» geht durch Mark und Bein. Diese mulitmediale Oper bringt nach ihrer Uraufführung an der Staatsoper Hamburg nun auch in Zürich die Welt ins Wanken. Das Publikum war hell begeistert.
Olga Neuwirth (*1968) gehört zu den bedeutendsten Komponisten der Gegenwart. Das Musiktheater ist ihre Welt, die sie multimedial in Szene setzt. Sie hat schon viele wichtige Preise gewonnen, nun kommt aktuell auch der grosse Siemens-Musikpreis dazu, der mit 250‘000 Euro dotiert ist. Neuwirth sei «eine der eigenständigsten und aufregendsten Stimmen aus dem Chor der aktuellen Komponierszene», so die Begründung.
Der aufgeblasene Präsidenten-König erinnert fatal an aktuelle Protagonisten. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/ Monika Rittershaus)
Mit «Monster’s Paradise» legt die österreichische Komponistin eine abendfüllende Oper vor; sie dauert beinahe drei Stunden. Den Auftrag dazu bekam Neuwirth von der Staatsoper Hamburg und der Ernst von Siemens-Stiftung. Die 79jährige Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, mit welcher Neuwirth schon öfter zusammengearbeitet hat, schrieb das Libretto.
Die surreale Geschichte dreht sich um den Präsidenten-König, der nichts anderes tut, als die Stimmen seiner Wähler zu zählen und zu steigern. Er sitzt in einem vergoldeten Büro an seinem Pult, frisst gerne, kackt und furzt. Und den beiden Lakaien befiehlt er, möglichst viel Chaos zu veranstalten, damit noch mehr Wähler nach seiner Führung rufen.
Ein aufblasbarer Präsidenten-König
Das Witzige an dieser Figur ist, dass sie mit einer hautfarbenen aufblasbaren Hülle kostümiert ist. Von Szene zu Szene wird der Präsidenten-König mehr aufgeblasen, bis er schliesslich das ganze Büro ausfüllt – ein köstliches Bild.
Die Parallelen zu Donald Trumps Regierungsstil sind offensichtlich. Es ist eine bissige Satire auch auf seinen Lebensstil, lässt Trump doch tatsächlich sein Büro immer mehr vergolden. Gesungen wird dieser Präsidenten-König von Georg Nigl, einem versierten Interpreten zeitgenössischer Musik. Nigl pendelt mit seinem agilen Bariton entspannt zwischen Sprechen und Singen. Auch die von Neuwirth bevorzugt hohe Lage und das Schrille machen ihm keine Mühe.
Ein goldenes Büro? Wo hat man das schon wieder gesehen?
Dem Präsidenten-König zur Seite stehen seine beiden servilen Adlati Mickey und Tuckey. Sie werden von den Countertenören Andrew Watts und Eric Jurenas gesungen, deren hohe Lage das Absurde noch steigert. Sie sind skurril kostümiert und singen entsprechend virtuos – eine Meisterleistung.
Wer kann die Welt noch retten?
Ansonsten geben die Frauen den Ton an. Vampi und Bampi sind zwei «Vampiretten», die zwar über den Dingen schweben, aber dennoch die Welt retten wollen. Ihre Bühnenpräsenz ist enorm, sie führen wie ein roter Faden durch das Geschehen. Sarah Defrise und Kristina Stanek meistern das grossartig, sie müssen auch viel sprechen. So zum Beispiel beim textlastigen Beginn, der mit den poetischen Worten Jelineks nur schwer verständlich und ermüdend ist.
Die Vampiretten Bampi und Vampi versuchen, die Welt zu retten.
Doch nach und nach kommen die «Vampiretten» in Fahrt. Ihr Dialog ist facettenreich, hintersinnig und pointiert. Und wenn sie singen, kommen sie trotz hohem Körpereinsatz nicht ausser Atem, klingen weich und strahlend. Mit vereinten Kräften versuchen sie, den Präsidenten zu töten, doch das gelingt nicht.
Ein Ungeheuer, das den Frieden liebt
Deshalb vereinen sich die «Vampiretten» mit dem Seeungeheuer «Gorgonzilla», welches die Natur retten will und den Frieden liebt. Kostümiert ist es als monströse schuppige Echse, seine Stimme wird mit Live-Elektronik ins Unheimliche verzerrt. Der Echsen-Darstellerin Vanessa Konzok verleiht die Schauspielerin Anna Clementi ihre Stimme.
Manchmal braucht es ein noch grösseres Ungeheuer, um die Welt –oder was davon noch übrig ist – zu retten.
«Gorgonzilla» wird zum Widersacher des Präsidenten, den er schliesslich auffrisst. Doch die Welt steht in Flammen, es ist zu spät. Mit sagenhaften Videobildern (Jonas Dahl, Janic Bebi) wird sie vom Meer geflutet. Nur die «Vampiretten» haben sich auf ein Floss retten können. Dort sitzen sie an einem Flügel und spielen vierhändig, bis sich die Tastatur wahnwitzig verselbständigt, als könnte die Kunst noch etwas retten – ein grossartiger Schluss.
Musik in harmonischer Schieflage
Olga Neuwirths Musik ist von Beginn weg schräg und laut. Das Stück eröffnet mit einer klassischen Opernfanfare, die jedoch bereits nach wenigen Takten durch die zu hoch gestimmte E-Gitarre konterkariert wird. Die Komponistin spielt mit Zitaten aus Klassik, Musical und Filmmusik, um diese gleich wieder zu brechen. Dazu kommen mikrotonale Verschiebungen bei den Bläsern, Vierteltöne, die irritieren. Auch das Klavier ist bewusst zu tief gestimmt.
Die Musik ist kraftvoll instrumentiert und springt einen an – keine Gnade für das Gehör. Der Dirigent Titus Engel führte mit souveräner Klarsicht durch diese komplexe Partitur, das Orchester der Oper Zürich spielte sie mit Verve und schelmischer Freude an der harmonischen Schieflage. Die Regie von Tobias Kratzner ist pfiffig und temporeich, die Ausstattung von Rainer Sellmaier pompös und schlicht zugleich. Der Applaus war enthusiastisch.
Weitere Vorstellungen: 14./18. März, 10./12. April
www.opernhaus.ch
