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Tinu Heinigers geerdete Geschichten

Der Berner Liedermacher und Poet Tinu Heiniger hat seine Erinnerungsskizzen in Form von geerdeten Kurzgeschichten veröffentlicht. Seit den 70er-Jahren ist der Emmentaler mit seinen Liedern über Alltag, Landschaften und Gesellschaft zu einer eigenwilligen Stimme in der Schweizer Musikszene geworden.

«Geradewegs dem Erdinnern zu» lautet der Buchtitel. Was will uns Tinu Heiniger damit sagen? Im Nachwort löst die Literaturkritikerin das Rätsel auf. In seinem dritten Buch gebe der Autor seine Innenansichten preis, schreibt Beatrice Eichmann-Leutenegger. Vergleichbar mit Dürrenmatts Erzählung «Der Tunnel» oder Jules Vernes Science-Fiction Roman «Die Reise zum Mittelpunkt zum Mittelpunkt der Erde» werde eine subjektive Sicht der Dinge präsentiert: «Bei Tinu Heiniger könnte es ein Zustürzen auf das eigene verletzte oder verletzliche Selbst sein», lautet ihre Interpretation.

Kindheit, Herkunft und frühe Jahre

Heiniger wurde 1946 in Langnau im Emmental geboren und ist dort in einer ländlichen, handwerklich geprägten Umgebung aufgewachsen. Er lernte zunächst Möbelschreiner, spielte Klarinette in der Kadettenmusik und stürmte als Rechtsaussen beim FC Langnau, bevor er als Lehrer zu arbeiten begann. Aus dieser Welt der Werkstatt, der Schulstube und der Emmentaler Hügel bezieht er bis heute Bilder, Figuren und Sprache für seine Lieder und Geschichten.

Tinu als Kind, auf dem Arm seiner Grossmutter. Foto: zvg

«Meine Geschichten sind Erinnerungsskizzen, in denen ich mich an meine Eltern und an meine Kindheit und Jugendjahre erinnere… Ich will nicht behaupten: genau so war es. Aber ich kann sagen: So erinnere ich mich. Meine Geschwister haben andere Erinnerungen an unsere Eltern.»

In der ersten Geschichte geht es um Freund Hene, den sein Vater wegen den Autos und Motoren mochte, schreibt Heiniger. Anders seine Mutter: Sie habe ihn vor Hene gewarnt, weil dieser ein Wichtigtuer sei. Rückblickend gibt der Autor zu: «Wir taten einiges dafür, um im Dorf als eingebildete Angeber und Blöffsäcke zu gelten. Und ja. Stimmt, das waren wir auch.»

Der Weg zum Liedermacher

Mit Bandmitgliedern in der Kirche. Foto: Christoph Hoigné.

Dennoch darf Heinigers Einfluss auf die Kultur im Emmentaler nicht unterschätzt werden: Mit seiner Band brachte er den Jazz ins Emmental und machte sich als Sänger seiner Lieder schliesslich selbständig. In den 1970er-Jahren begann er selbst Songs zu schreiben. 1976 erschien sein erstes Album auf dem Berner Label «Zytglogge».

Sozialisiert in einer Zeit politischer Protestlieder, übernahm er als bekennender Linker zwar deren Ernst und Haltung, distanzierte sich aber von Parolen und suchte eine persönlichere, erzählerische Form. Später wechselte er zu einem Major-Label (EMI) und erreichte mit Alben wie „Bärg u Talsänger“ auch Top-40-Platzierungen, ohne seine karge, akustische Grundhaltung ganz aufzugeben.

Spirituelles Erlebnis

Anfänglich fühlte sich Heiniger als «Macher», als «einer, der überzeugt ist, er bestimme völlig autonom, wie er leben, was er wann und wo tue.» Doch dann liess ihn die Begegnung mit der spirituellen Inderin Amma zweifeln. Auf einem Workshop lernte er die Frau kennen, welche die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unabhängig von Geschlecht, Rasse oder Religion umarmte. Seine anfängliche Skepsis wich dem unerklärlichen Drang, die Frau wiederzusehen. So reiste er ihr durch halb Europa nach und fand in ihren Umarmungen «die Herzenswärme, die er stets gesucht hatte. Amma bedeutet nicht umsonst Mutter,» schreibt Beatrice Eichmann-Leutenegger im Nachwort.

Stil und Themen

Mit Gere und Wolfang. Foto: Christoph Hoigné

Heinigers Lieder sind meist in Berndeutsch gehalten, oft nur von seiner Gitarre getragen, mit präzise gesetzten, knapp formulierten Versen. Der Liedermacher erzählt von Dörfern, Tälern, verlorenen Gelegenheiten, politischem Unbehagen und privater Zärtlichkeit, oft mit trockenem Humor und leiser Melancholie. Immer wieder kehrt er ins Emmental zurück – musikalisch wie literarisch –, so auch im Buch «Mein Emmental“, in dem er seine Kindheit, Familiengeschichten und den Abschied von der vorgesehenen Geschäftsübernahme verarbeitet hat.

Rolle in der Schweizer Musik

Heiniger mit Klarinette. Quelle: www.tinu-heiniger.ch

Tinu Heiniger gilt vielen als Doyen der Berner Mundartszene und als einer der stärksten Liedtexter der Schweiz. 2004 erhielt er den Musikpreis des Kantons Bern, und mit Songs wie dem „Lied vo de Bärge“ hat er dem ländlichen Bernbiet und Figuren wie seinem Grossvater ein musikalisches Denkmal gesetzt. Er pflegt zudem einen Dialog mit der Tradition: Er interpretiert Stücke des Schweizer Liedguts neu und hat etwa Mani Matters „Gygechaschte“ auf einem seiner neueren Alben aufgenommen.

Zusammenarbeit mit den ganz Grossen

Im Laufe seiner langen Karriere arbeitete Heiniger mit zahlreichen Schweizer Rock- und Jazz-Grössen zusammen, so u.a. mit Stephan Eicher, Büne Huber, Hank Shizzoe und anderen. Zu Polo Hofer pflegte er ein gespaltenes Verhältnis. «Ich hatte immer das Gefühl, eigentlich mögen wir uns gut, irgendwie bewundern wir einander sogar… Die andere Seite von Polo kenn ich auch, hab nie verstanden, warum er manchmal so unfair, so perfid und gemein sein konnte.» Über eine Gratiszeitung habe sich Polo abwertend über Heinigers Konzert und neues Album geäussert. Der Satz: «Je weniger Ideen, umso mehr Musiker» habe ihn sehr verletzt, schreibt der Emmentaler.

Späte Jahre und heutige Arbeit

Im Wald. Foto: Dominique Meienberg

Auch mit 80 bleibt Heiniger produktiv: Mit über 75 veröffentlichte er das Doppelalbum „Heiniger Abend“ mit 21 Songs und über 100 Minuten Musik. In Lesungen und Programmen wie „Geradewegs dem Erdinnern zu“ erzählt er heute in seinem neuen Buch freier und radikaler von Brüchen, Zweifeln, Krankheiten und Neuanfängen und legt damit auch die Narben seines Lebens offen.

So ist aus dem «bissigen Berner Poeten», der einst mit Flüchen im Fernsehen aneckte, ein Alterskünstler geworden, der seine Erfahrung ruhig, aber unnachgiebig in Sprache und Musik verdichtet. Sein neuestes Werk «Geradewegs dem Erdinnern zu» ist nach «Mein Emmental» (Zytglogge, 2022) und «Mueterland» (Faro, 2011) sein drittes Buch.

Geradewegs dem Erdinnern zu – Erinnerungsskizzen, Tinu Heiniger. Zytglogge Verlag, 2026, ISBN 978-3-7296-5213-2.

Titelbild: Tinu Heiniger während eines Konzerts im Berner «La Capella». Screenshot von You Tube/PS.

LINK

Zytglogge Verlag

Homepage von Tinu Heiniger

 

 

 

 

Videos mit Tinu Heiniger:

 

Heimat Emmental

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