Die Faszination für die legendäre Rockoper «Jesus Christ Superstar» ist heute genau so gross wie vor fünfzig Jahren. Ein begeistertes Publikum feierte am Samstag im alten Berner Stadttheater die aufwändige Premiere mit einem stimmengewaltigen Ensemble, dem Symphonieorchester (BSO) sowie einer Rockband.
Andrew Lloyd Webber ist jedem Musicalfan ein Begriff. «Jesus Christ Superstar“ ist das erste Musical aus seiner Feder, das ihn und Gesangstexter Tim Rice – mit dem er später den Welthit «Evita» schrieb – in die «Hall of Fame» der Musicals katapultierte.
Seit dem 21. März ist die legendäre Rockoper auf der grossen Bühne des Berner Stadttheaters zu sehen – in einer Inszenierung, die den Messias nicht ausschliesslich als Gottessohn zeigt, sondern auch seine Menschlichkeit hervorhebt: Eine Geschichte von Hoffnung, Zweifel und Widerstand, die sich genauso gut im Hier und Jetzt abspielen könnte, mit Melodien, die zeitlos sind.
Im Warteraum einer Behörde: Nicht die Auferstehung steht im Vordergrund, sondern Jesus als charismatischer Anführer.
Seit der Uraufführung 1971 auf dem Broadway und 1972 im Londoner West End läuft das Stück weltweit durchgängig in Tournee-, Stadt‑, Regional- und Amateurtheatern. Die erste West-End-Produktion brachte 3358 Aufführungen bis 1980, die ursprüngliche Broadway-Serie deren 711. Das Werk wurde professionell in mindestens 42 Ländern produziert und hat bisher über 205 Millionen Dollar eingespielt, was auf sehr viele Tourneen und Wiederaufnahmen schliessen lässt.
In dem Erfolgsmusical werden die letzten Tage Jesu in der Form einer modernen Rockoper erzählt, fokusiert auf die inneren Konflikte von Judas, Jesus und Maria Magdalena. Die Handlung setzt kurz vor dem Einzug Jesu in Jerusalem ein und endet mit seiner Kreuzigung. Die Auferstehung wird nicht gezeigt, der Fokus liegt auf dem irdischen Drama.

Judas (in Weiss im Vordergrund) misstraut Jesus und verrät ihn. Wieviel Schuld trägt er für dessen Tod?
Erzählt wird vieles aus der Perspektive von Judas (Allen Marchioni), der den wachsenden Ruhm von Jesus (Tyce Green) sowie den daraus entstehenden politischen Folgen für gefährlich hält und ihn letztlich verrät. Zentral sind die psychologischen Spannungen: Judas’ Selbstzweifel und Schuld, Jesus‘ Angst und Hadern im Garten Gethsemane, die ambivalente, aber auch romantisch gefärbte Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena (Anastasia Troska).

Maria Magdalena tanzt mit Jesus. Ihr Glaube an den charismatischen Protagonisten scheint unerschütterlich.
Die Berner Inszenierung (Regie: Tomo Sugao) betont Themen wie Personenkult, Skepsis, Verrat und Machtmissbrauch. Die Aufführung nutzt die englische Sprache (deutsche Übersetzungen auf dem Prompter), Projektionen, Rockklänge sowie ein beeindruckendes Bühnenbild (Momme Hinrichs) mit Hebebühne.
Die Passionsgeschichte wird in eine zeitgenössische, politisierte Atmosphäre transformiert (Kostüme: Gisa Kuhn). Während der Premiere gingen mir mehrmals aktuelle Szenen aus dem Iran durch den Kopf, mit verängstigten Demonstranten, organisierten Gegendemonstranten, brutalen Revolutiongarden und einer zaudernden Führung.

Jesus wird von uniformierten Schergen verhaftet.
Eindrücklich zur Geltung kommt in Bern der fantastische Klangkörper im Orchestergraben (musikalische Leitung Hans Christoph Bünger). Auf der Bühne agieren nicht weniger als 24 Solistinnen und Solisten. Chor und Extrachor umfassen weitere 36 Sängerinnen und Sänger. In ihrer Einführung betonte die Dramaturgin Rebekka Meyer, dass man sich in Bern bewusst für die grösstmögliche Formation entschlossen habe.

Während die Priester (rechts) zusehen, wird Jesus gefoltert. Eine Etage höher fordert der gewaltbereite Mob dessen Tötung.
Entsprechend differenziert und musikalisch hochstehend gelingt es dem Ensemble, das Publikum mit unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen zu verzaubern. Jesus lässt seiner Verzweiflung mit kräftigen Tönen freien Lauf und versteht es, den Balladen für Maria Magdalena zarte, liebliche, sanfte Färbungen zu verleihen. Nicht weniger stimmgewaltig wirkt Judas, der sein Hin- und Hergerissensein zusätzlich mit viel Körperlichkeit, zuweilen auch Plumpheit, interpretiert. Maria Magdalena entpuppt sich als selbstbewusstes Feuerwerk, sowohl gesanglich wie tänzerisch.

Jesus stirbt an einem Stacheldrahtzaun.
Die gut zweistündige Berner Aufführung (inkl Pause) ist eine tolle Gesamtleistung, die den Giga-Shows am Broadway und im West-End in nichts nachsteht. Für viele der älteren Herrschaften im Publikum ist «Jesus Christ Superstar» ein Déjà-vue, ein Erinnerung an die eigene Jugend, an Hoffnung, Zweifel und Widerstand in einer Welt, die berechenbarer und einfacher war als die heutige Welt.
Titelbild: Zwischen Zweifel und Zuversicht: Jesus mit seinen Jüngern und Anhängern. Alle Fotos: Rob Lewis / Bühnen Bern.
Aufführungen bis 27. Juni 2026 (an verschiedenen Daten bereits ausverkauft)
LINK
Video: Das Ensemble
