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Das Licht des Südens in der Villa Flora

Die Villa Flora in Winterthur zeigt mit der Ausstellung «Tout est lumière – Cezanne, van Gogh, Matisse und die Maler des Südens» Bilder aus der Sammlung Hahnloser, die das mediterrane Licht in den Norden bringen.

In den noch kühlen Frühjahrstagen erwärmt die Ausstellung Tout est lumière in der Villa Flora in Winterthur Herz und Gemüt. Von Wärme und Licht angezogen waren auch die französischen Maler, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert den Süden für sich entdeckten und erstmals mediterrane Landschaften malten. Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von Paul Cezanne, Vincent van Gogh, Pierre Bonnard, Henri Matisse und anderen sind zu sehen, nicht en bloc, sondern verteilt im ganzen Haus, gut erkennbar am kleinen Sonnensymbol auf der Bildlegende. Auch das Sammlerehepaar Hedy und Arthur Hahnloser verbrachte die Wintermonate in Südfrankreich, wo sie mit ihren Künstlerfreunden in regem Austausch standen.

Im Salon der Villa Flora, Begegnung mit Bildern von van Gogh und Cezanne

Die Schau beginnt im Salon der Villa Flora mit den beiden Wegbereitern der Moderne, Paul Cezanne und Vincent van Gogh. Beim Eintreten leuchten einem zwei van Goghs entgegen: Le seumeur, der Sämann auf dem Acker im prallen Sonnenlicht und Soir d’été, das Weizenfeld vor einer Stadt bei Sonnenuntergang, Rauchfahnen aus Fabrikschloten steigen in den Abendhimmel. Beide Bilder malte van Gogh 1888, im Jahr seiner Ankunft in Arles.

Vincent van Gogh, «Le semeur», 1888

In Arles wollte Vincent van Gogh (1853-1890) zusammen mit Paul Gauguin sein «Atelier des Südens» gründen, doch das Projekt scheiterte. Auf sich allein gestellt, fand er zu ungeahnter Schaffenskraft, über 300 Gemälde und Zeichnungen entstanden in kurzer Zeit. Im «Land der blauen Töne und fröhlichen Farben» fühlte sich van Gogh frei von allen Konventionen und schrieb seinem Bruder: «Im Süden werden die Sinne geschärft. Die Hände werden wendiger, das Auge aufmerksamer und das Denken klarer.» Unter der Sonne der Provence entstanden seine wegweisenden Gemälde.

Paul Cezanne, «Plaine provençale», 1883-1885

Paul Cezanne (1839-1906) – nach seiner eigenen Schreibweise ohne Accent aigu (é) geschrieben – zog es nach seinen Pariser Jahren in die Heimat nach Aix-en-Provence zurück, wo er sich der mediterranen Landschaft widmete. Die fliessende, impressionistische Malweise liess er hinter sich und entwickelte eine eigene flächig organisierte Art der Darstellung, wie das Gemälde Plaine provençale im Salon oder die Bleistift- und Aquarellskizzen der Montagne Sainte-Victoire im Obergeschoss zeigen. Damit revolutionierte er die Malerei. Lange blieb Cezanne unverstanden, erst um die Jahrhundertwende erlangte er vor allem durch jüngere Künstlerkollegen Anerkennung.

Pierre Bonnard, «Le débarcadère de Cannes (L’embarcadère)», 1928-1934

Beeindruckt von Cezannes Malweise reisten nun jüngere Maler in den Midi und entwickelten an der Côte d’Azur ihre Kunst. Hier befreundeten sie sich mit dem Sammlerpaar Hedy und Arthur Hahnloser-Bühler, das sich für ihre neue Ausrichtung interessierte. Ein Treffpunkt war die Villa Pauline in Cannes, die Hahnlosers 1923 erworben hatten. Einer dieser Künstlerfreunde war Pierre Bonnard (1867-1947), der Südfrankreich seit 1906 bereiste und den Winter jeweils dort verbrachte. 1926 erwarb er in Le Cannet oberhalb von Cannes ein Haus mit Blick auf das Meer und das Esterel-Gebirge. Seine Leidenschaft für das Meer und das Segeln teilte er mit Arthur Hahnloser, davon zeugen Bonnards Bilder am und auf dem Wasser, wie etwa Le débarcadère de Cannes.

Henri Matisse, «Nice, cahier noir», 1918

Zu Hahnlosers Künstlerfreunden gehörte auch Henri Matisse (1869-1954). Matisse hatte sich 1905 im Fischerdorf Collioure ein festes Atelier eingerichtet, das unter seinem Einfluss zu einem Zentrum des Fauvismus wurde. Die Fauves, die «Wilden», irritierten damals durch ihre intensive Farbgebung und heftige Malweise. Während des Ersten Weltkriegs lebte Matisse in Nizza. 1918 malte er mit Blick vom Hotelzimmer aus auf die Strandpromenade das Bild Nice, cahier noir. Es zeigt keine klassische Ansicht, sondern eine Komposition mit abstrakten Aspekten: Durch die Farbgebung verbindet er den Innen- und Aussenraum zu einer Fläche, der dunkle Baum auf der Promenade schafft einen Bezug zum schwarzen Heft im Inneren.

Henri Charles Manguin, «La sieste (Le rocking-chair), Jeanne», 1905

Auch Matisse’ ehemaligen Studienfreunde Albert Marquet und Henri Manguin liessen sich an der Côte d’Azur nieder. Henri Manguin (1874-1949) mietete nach einem Besuch bei Paul Signac 1905 ein Haus in Saint-Tropez. Noch im selben Jahr zeigte er im Herbstsalon in Paris erstmals ein Gemälde aus Südfrankreich. 1909 lernte er über Félix Vallotton die Hahnlosers kennen. Er wurde für das Sammlerpaar ein wichtiger Vermittler von Arbeiten der Fauves und war oft zu Gast in Winterthur. Auf seinen Ausflügen entlang der Mittelmeerküste entstanden zahlreiche Landschaften in stark leuchtenden Farbharmonien.

Albert Marquet, «Le Port de Saint-Tropez», 1905

Albert Marquet (1875-1947) besuchte 1905 Manguin und Signac in Saint-Tropez und reiste der Küste entlang weiter nach Nizza und Menton. Vor einer Italienreise im Frühjahr 1908 machte er Halt in Collioure bei Matisse. Auch Marquet entdeckte das Mittelmeer für sich als zentrales Motiv und malte immer wieder Häfen, Küstenlinien und Wasserflächen. 1911 bereiste er erstmals Marokko. Während des Ersten Weltkriegs verbrachte er die Wintermonate in Marseille und arbeitete in L’Estaque, wo er wiederholt die von Cezanne geliebte Bucht malte. 1924 arbeitet er gemeinsam mit Manguin in Sète. Während des Zweiten Weltkriegs suchte er Zuflucht in Algier und malte Ansichten der Stadt, des Hafens und der Umgebung.

Titelbild: Vincent van Gogh, «Soir d’été» (Ausschnitt), 1888. Foto: © SIK-ISEA, Zürich, Martin Stollenwerk
Fotos: Kunst Museum Winterthur,
© Reto Pedrini, Zürich

Bis 30. August 2026
«Tout est lumière. Cezanne, van Gogh, Matisse und die Maler des Südens», im Kunst Museum Winterthur l Villa Flora. Weitere Informationen finden Sie hier

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