Die neue Sonderausstellung auf Schloss Thun nimmt die Wappen der Stadt, der Thunburger und der Gesellschaften unter die Lupe. Im Zentrum steht die Frage, wie der goldene Stern ins Stadtwappen kam. Seniorweb befragte die Museums- und Ausstellungsleiterin Yvonne Wirth.
Im Mittelalter dienten Wappen als Identitätszeichen adeliger Familien. In Thun demonstrierten sowohl die Stadtgründer, die Zähringer, als auch ihre Nachfolger, die Kyburger, mit herzöglichen Wappen ihre Herrschaft über die Stadt. Auch die Adeligen der Region besassen ihre eigenen Ehrenzeichen. Später verdeutlichte das Berner Wappen, der Bär, die erzwungene Zugehörigkeit Thuns zum bernischen Stadtstaat. Gleichzeitig begannen die Thuner Burgerfamilien, ihren wachsenden Einfluss mit eigenen Familienwappen zu unterstreichen.
Das Schloss Thun.
In der neuen Sonderausstellung auf Schloss Thun unter dem Titel «Ausgezeichnet! Der goldene Stern von Thun – 550 Jahre Schlacht von Murten» wird diese spannende Entwicklung wissenschaftlich dokumentiert und für Laien verständlich erklärt: Wappen enthalten mehrere Botschaften: Sie verweisen auf Gruppenzugehörigkeit, sozialen Status und politische Machtansprüche.
So wurden Burgerfamilien verpflichtet, ein Familienwappen zu führen, das im Burgerbuch eingetragen wurde. Auch die Gesellschaften und Zünfte legten sich Ehrenzeichen zu, die in der Ausstellung gezeigt werden. Die älteste Thuner Gesellschaft ist die Gesellschaft zu Metzgern, die im 14. Jahrhundert entstand. Spätestens im 15. Jahrhundert sind auch die Pfistern, Oberherren, Schmieden und Schuhmachern durch ihre Wappen belegt.
In vielen Thuner Gesellschafts- und Familienemblemen ist das Thuner Stadtwappen fester Bestandteil.
Thuner Soldaten in den Burgunderkriegen
Die Gesellschaften und Zünfte vertraten zunächst gewerbliche Interessen, gewannen aber zunehmend an politischer Bedeutung. Wer in Thun in den Grossen Rat gewählt werden wollte, musste einer Gesellschaft angehören. Im Kriegsfall verpflichteten sich die Gesellschaften, den Sold derjenigen Mitglieder zu zahlen, die unter der Berner Flagge in den Krieg zogen.
Das war auch 1476 der Fall, als das mächtige Bern der Stadt Thun befahl, 60 Soldaten für den Zug nach Grandson bereit zu stellen. Karl der Kühne, der Herzog von Burgund, war im Begriff, mit einem Reiterheer die alte Eidgenossenschaft anzugreifen. Die in Thun getroffene Auswahl entsprach offenbar nicht den Erwartungen Berns. Der damalige Thuner Schultheiss Heiner Matter wurde dafür sogar gerügt. Zeitgenössische Berichte zeichnen jedoch ein anderes Bild und betonen die bedeutende Rolle des Thuner Regiments an vorderster Front.
Darstellung der Schlacht bei Murten. Illustration aus der Luzerner Chronik von Diebold Schilling, 1513. Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung.
Für die zweite Schlacht der Burgunderkriege zog Thun erneut Truppen zusammen und schickte 260 Mann nach Murten, wie Quellen belegen. Diese sollen sich als Vorhut heroisch geschlagen und zur Niederlage Karls des Kühnen beigetragen haben. Für die dritte Schlacht bei Nancy, in welcher der Burgunderherzog fiel, stockte Thun seine Truppen um weitere 41 Soldaten auf. Als Belohnung für die Tapferkeit ihrer Soldaten erhielt die Stadt Thun in der Folge das Recht, den goldenen Stern im Wappen zu tragen. Erstmals dokumentiert wurde der goldene Stern 1489 im «Jahrzeitenbuch von Scherzligen».
Mittelalterliche Darstellung des Thuner Stadtwappens mit schwarzem und goldenem Stern.
Historische Erfahrung und Selbstverständnis
Auf der Vernissage der Sonderausstellung betonte der neu gewählte Regierungsrat und Noch-Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP), das Schloss Thun stehe für Hierarchie, Macht und Verantwortung. Heute werde Politik nicht mehr auf dem Schlossberg verkündet, sondern demokratisch unten im Stadtratssaal gemacht. Laut Stiftungsrat Georges Bindschedler steht das Thuner Wappen für historische Erfahrung und Selbstverständnis. Es verbinde die Vergangenheit mit der lebendigen Gegenwart, denn es werde in der Politik, im Sport und in der Wirtschaft fleissig gezeigt. So zeigt auch das Vereinswappen des FC Thun den goldenen Stern.
Seniorweb befragte Museumsleiterin Yvonne Wirth zur Ausstellung:
Seniorweb: Beruht die Geschichte vom goldenen Stern als Dankeschön an die Stadt Thun auf Fakten? Oder ist es eine schöne Legende?

Yvonne Wirth: Die Wappenbesserung von Thun beruht auf historisch belegten Fakten. Sie steht im Zusammenhang mit der Schlacht bei Murten (1476) und ist als Ereignis in zeitgenössischen bzw. historischen Quellen überliefert. Im Zuge dieser Wappenbesserung wurde der zuvor schwarze Stern durch einen goldenen Stern ersetzt. Der goldene Stern wurde als Aufwertung und Anerkennung für die Unterstützung im Rahmen der eidgenössischen Kriegsanstrengungen verstanden.
Auf welche Quellen?
Als schriftliche Referenz kann der Beitrag auf e-periodica herangezogen werden; darin wird die Wappenbesserung u.a. mit Hinweis auf das «Jahrzeitenbuch» dokumentiert (Quelle: Sekundärliteratur).
Sie organisieren als Museumsleiterin regelmässig Ausstellungen auf dem Schloss. Was ist speziell an dieser Sonderausstellung?
- Die Schau wurde aus Anlass des 550-jährigen Jubiläums der Murtenschlacht konzipiert und verknüpft ein überregionales Ereignis mit der konkreten Thuner Stadtgeschichte.
- Sie macht sichtbar, wie Geschichte, Identität und politische Anerkennung sich in einem Wappenzeichen verdichten können, also in einem Symbol, das bis heute im Stadtraum präsent ist.
- Sie bietet einen neuen Vermittlungszugang über Heraldik, Bildsprache und Quellenarbeit, also über die Frage, wie historische «Geschichten» entstehen und was tatsächlich belegbar ist.

Historische Fahne des Bürgerturnvereins.
Gab es schon einmal eine Ausstellung über den goldenen Stern?
Nach unserem aktuellen Kenntnisstand nein. Eine eigene Ausstellung, die sich explizit dem goldenen Stern bzw. der Thuner Wappenbesserung widmet, gab es bislang nicht.
In Murten wurden 1876 und 1976 grosse Jubiläumsfeiern zur Schlacht bei Murten organisiert. War die Stadt Thun Teil dieser Feierlichkeiten?
Das ist derzeit noch nicht abschliessend recherchiert. Es liegen jedoch Fotos und persönliche Berichte vor, die eine Teilnahme von Thunerinnen und Thunern an den Jubiläen 1876 und 1976 belegen. Ob und in welcher Form die Stadt Thun selbst offiziell beteiligt war, klären wir noch ab.
Die «historische Murtengruppe» Thuns, anlässlich der Vierhundertjahrfeier der Schlacht bei Murten am 22. Juni 1876, fotografiert von Rudolf Bühlmann. Quelle: Stiftung Schloss Thun, Inventarnummer 05532.
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Heraldik und Zahl der Zacken
1766 beschloss der Rat von Thun, das Wappen zu offizialisieren. Interessant ist, dass das Thuner Wappen, der goldene Stern auf silbernem Grund, eigentlich gegen eine grundlegende Regel der Heraldik verstösst. Nach der mittelalterlichen Wappenlehre war es nämlich nicht erlaubt, die metallischen Farben Gold und Silber unmittelbar nebeneinander zu verwenden.
In Chroniken und Dokumenten taucht der Stern mit sechs oder mit sieben Zacken auf. Auf einzelnen Wappenscheiben sind sogar fünf oder acht Zacken dokumentiert. Was stimmt nun? Original ist der Stern siebenstrahlig, wie es vom bernischen Regierungsrat 1945 verbindlich festgelegt wurde. Warum die Anzahl der Zacken durch die Jahrhunderte variiert hat, ist bisher ungeklärt.
Titelbild: Museumsleiterin Yvonne Wirth vor der Wappenwand auf Schloss Thun, links: Vereinsloge des FC Thun mit goldenem Stern. Alle Fotos PS.
Dauer der Ausstellung: 25. April 2026 – 22. März 2027
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Der Bericht erschien zuerst im Frutigländer

