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Zu schön und zu laut

Das Theater Basel zeigt die «West Side Story» in einer Fassung von 2013 an der Komischen Oper Berlin. Warum nicht? Barrie Kosky will in seiner Basler Inszenierung nur Licht und Körper zeigen. Das geht dank der meisterhaften Choreografie von Otto Pichler auf. Schade nur, dass die Musik unter der Leitung von Thomas Wise so verstärkt war.

Wir befinden uns in den 1950er Jahren in New York. In den Slums bekämpfen sich zwei Jugendgangs. Die «Jets» sind die alteingesessene amerikanische Gang, die ihr Territorium verteidigt. Denn die «Sharks» sind neu zugezogen, sie sind Immigranten aus Puertoriko. Sie kommen aus einem der ärmsten Länder der Welt und suchen im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» vergeblich ihr Glück. Es ist ein rassistisch begründeter Machtkampf, in dem es auch um religiöse Spannungen geht.

Inspiriert vom Elend der Slums

Die katastrophalen Lebensbedingungen in den Slums von New York und die immer brutaler werdenden Strassenkämpfe der Jugendlichen waren die Realität, die Leonard Bernstein und Laurents zum ersten «Broadway Musical»  überhaupt inspirierten. Ihre «West Side Story» ist eine zeitgemässe Adaption von William Shakespears «Romeo & Julia»-Tragödie: Tony, der nur noch ein halbherziges Mitglied der «Jets» ist, verliebt sich in Maria, die Schwester eines puertorikanischen «Shark».

Eher malerisch als dramatisch: Maria (Samantha Hargreaves) und Tony (Jan-Philipp Rekeszus) auf der leeren Bühne.

Für Arthur Laurents, den Librettisten, und für Leonard Bernstein gab es eine entscheidende Knacknuss zu lösen. «Es ging darum,» schrieb Bernstein in seinem «Logbuch» zur Entstehungsgeschichte, «ein Musical zu kreieren, das mit den Mitteln der Musical Comedy eine tragische Geschichte erzählt.» Die «West Side Story» wurde weltweit ein Hit, Musical und Oper mischen sich darin zu einer genialen Synergie, die herrlichen Songs gehen direkt zu Herzen.

Ein leerer dunkler Bühnenraum

Regisseur Barrie Kosky zeigt diese Slum-Geschichte auf einer dunklen leeren Bühne. Nichts deutet das Elend, die Armut, den Slum an. Nur ein grosser heller Kreis auf dem Boden, der in der Mitte unterteilt ist, deutet die Grenze zwischen den beiden Gangs an. Die «Sharks» und die «Shits» tragen je ihre uniformierten Slum-Kleider. Ihre Kämpfe werden – im Wechsel mit den geheimen Treffen von Tony und Maria – von einer meisterhaften Lichtregie (Franck Evin) effektvoll in Szene gesetzt.

So weit so gut. Doch diese Szenerie wirkt sehr gestylt. Nichts erinnert an einen Slum. Die sich bekriegenden Gangs tanzen die Choreographie von Otto Pichler mit kraftvoller Dynamik und bewundernswert präzise koordiniert. Doch sie wirken wie in einem klinisch sauberen Labor. Eben nicht echt, sondern ästhetisch in Szene gesetzt.

Treffen der beiden Gangs. (Fotos Theater Basel/Ingo JHöhn) 

Als in der Szene der Liebenden raffiniert beleuchtete Glaskugeln von oben herabschweben, wirkt das wunderschön – aber es toppt das gestylte Design noch. Natürlich ist die Musicalwelt grundsätzlich auf Hochglanz poliert, doch die «West Side Story» ist anders. Hier geht es sehr konkret um das Elend der Jugendlichen in den Slums.

In Basel ist die Besetzung der Rollen hochkarätig. Jan-Philipp Rekeszus spielt und singt den unschuldigen Tony, der später zum Mörder wird, mit schlichter lyrischer Intensität. Ihm tritt eine lebhafte, eigenwillige Maria gegenüber, die Samantha Hargreaves keck und mit klarer heller Stimme gibt. Charakterstark treten auch Anita (Kyra Sorce), Riff (Bart Aerts), Bernardo (Máté Gyenei) und Chino (Alessio Urzetta) auf. Es ist mir jedes Mal ein Rätsel, wie sich Musical-Darstellerinnen und Darsteller so dynamisch bewegen und dann auch noch singen können. Das ist eine hohe Kunst.

Zu viel Verstärkung

Bleibt noch die viel zu laute Musik. Die beiden Gangs sind gross und lautstark, das ist ihre Kraft. Doch muss ihr Geschrei auch noch verstärkt werden? Dasselbe gilt für das Orchester, das eh schon Fortissimo spielen muss. Warum das noch verstärken? Dass die Protagonistinnen und Protagonisten Mikrofone brauchen, ist natürlich klar.

Die Musik von Leonard Bernstein ist hinreissend, brillant komponiert und voller herzergreifender Evergreens. Man darf ihr ruhig vertrauen. Bei einer differenzierteren Klangbalance kämen ihre Qualitäten besser zum Tragen. Wir befinden uns ja für einmal nicht in der Musicalhalle, sondern im Theater Basel.

Weitere Vorstellungen: 29./31. Okt. 6./8./20./28. Nov. 18./21./28. Dez.
www.theater-basel.ch

 

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