Ein provokatives und gleichzeitig einfühlsames Drama, das die Selbstbestimmung einer an Demenz erkrankten Person und ihre Fähigkeit für sexuelle Handlungen hinterfragt. Der Film «Queen at Sea» des US-Amerikaners Lance Hammer reisst einen hin und her und fasziniert gleichzeitig mit dem grossartigen Spiel der Protagonist:innen. An der Berlinale 2026 erhielt der Film zu Recht den Silbernen Bären. Ab 29. Oktober im Kino.
Schon nach drei Sequenzen ist das Publikum mitten im Thema, um das sich dann der zweistündige Film dreht. Amanda (Juliette Binoche) und ihr Stiefvater Martin (Tom Courtenay) kämpfen mit einer Situation, die sie entzweit: Ist Amandas Mutter Leslie (Anna Calder-Marshall), die an fortgeschrittener Demenz leidet, noch fähig, wichtige Entscheidungen, wie über ihre Sexualität, selbst zu treffen? Wenn nicht, wer übernimmt die Verantwortung: der Ehepartner, die Tochter mit Enkelin Sara (Florence Hunt) oder eine Institution?
Ich schlage vor, sich dem Film langsam, Schritt um Schritt, die Szenen miteinander in Beziehung setzend, zu nähern. Vielleicht helfen dabei die folgenden persönlichen Reflexionen und die Kommentare des Regisseurs (integral im Anhang).
Die Demenz
«Es gab eine Phase in meinem Leben», meint Lance Hammer, «in der mir Berichte über Demenz ungewöhnlich häufig begegneten, und jeder einzelne schien denselben bitteren Kernpunkt anzusprechen: Eine schwer erkrankte Person kann nicht mitteilen, was sie empfindet, und muss ihre Erfahrungen für sich alleine durchleben. Was mich an dieser besonders grausamen Tatsache interessierte, war nicht nur, wie sie sich auf die betroffene Person auswirkt, sondern auch auf die pflegende. Wie geht beispielsweise ein liebevoller Ehepartner oder ein Kind damit um, dass ein Verstehen des Abgrunds, in dem sich der geliebte Mensch befindet, nicht möglich ist?»
Diese Krankheit beschrieben vor Hammer schon zahlreiche Bücher und Filme (mit dem Stichwort «Demenz» die Website der-andere-film.ch durchsuchen), diskutierten Seminare und analysierten wissenschaftliche Untersuchungen, denn sie betrifft nicht nur Einzelne, sondern immer intensiver auch die ganze Gesellschaft: das Gesundheits- und Sozialwesen und die Finanzen. Wer wie Amanda im Film nach dem Wesen der Demenz fragend antwortet<, «Ich weiss es nicht», liegt wohl richtig.
Martin und Amanda
Von der Unschärfe zum Dilemma
Lance Hammer: «Was mich dazu motivierte, diese Geschichte zu schreiben, war der Wunsch, die schwierigen moralischen Entscheidungen zu ergründen, die jeden Tag in der Privatsphäre von Familienhäusern um uns herum getroffen werden, fast völlig verborgen vor den Blicken der Aussenwelt. Je mehr ich aus den realen Geschichten lernte, auf die ich stiess, desto schwieriger fiel es mir, jene Entscheidungen zu beurteilen, die von den Menschen in diesen komplexen familiären Dilemmata getroffen wurden.»
Wie oft bei existenziellen Fragen hilft ein Griff zu Werner Heisenbergs Theorie der Unschärferelation, die besagt, dass bei Tatbeständen in der Quantenphysik zwei komplementäre Eigenschaften nicht gleichzeitig exakt definieren werden können, nicht wegen technischer Unzulänglichkeiten, sondern aus prinzipiellen Gründen. Vielleicht begnügen wir uns vorläufig damit, die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Demenz analog mit diesem Ansatz (nicht) zu verstehen. Doch der Autor sucht im Film Lösungen: «Ich habe durchaus eine Meinung, ja sogar ein Urteil über das Handeln der Figuren in dieser Geschichte». Er beginnt, die Fragen, die der Film stellt, auszuloten und exakt zu beantworten. Doch dahin folge ich ihm nicht, sondern nehme die oben erwähnte Theorie als abschliessende Antwort.
Amanda und Martin
Sexualität und ihre Dimensionen
«Queen at Sea» handelt von einer Familie, die sich in einem folgenschweren moralischen Dilemma wiederfindet: Die regelmässigen sexuellen Intimitäten des Stiefvaters mit der an Demenz erkrankten Mutter Leslie lösen zwischen ihm und der Tochter einen tiefen Konflikt aus, der sogar die Enkelin und ihren Freund bewegt. «Die zentrale Frage ist nicht, ob Leslie dem Geschlechtsverkehr zustimmt – das tut sie, oft kommt die Initiative sogar von ihr – sondern ob sie noch die Fähigkeit besitzt, Ja zu sagen. Kann man in ihrem beeinträchtigten kognitiven Zustand diesem Ja, dem man einst vertrauen konnte, auch heute noch vertrauen?» Die Antwort, welche hier die Vielfalt der Sexualität einbezieht, verweist darauf, dass wir Menschen generell wohl nur in seltenen glücklichen Augenblicken wirklich fähig sind, Ja oder Nein zu sagen?
Amanda und Leslie
Im Netz der Familie und Gesellschaft
Funktioniert unser Denken bei psychischen Prozessen nicht oft so, als ob wir mit Bauklötzen spielten, die nach den Gesetzen der Schwerkraft stehen bleiben, herunterfallen oder kippen. Doch bei Familien und in der Gesellschaft scheint das so nicht zu stimmen. Hier wird die Geschichte komplex und relativ und ins Denken und Fühlen eingebaut. Erweitern wir den Horizont, dann spüren und erkennen wir, dass wir auf vielfältige Weise in die Familie eingebettet sind. Und dass auch die Familie nicht im luftleeren Raum, sondern in der Gesellschaft eingebunden ist. All dies bringt das eine Antwort suchende Publikum dorthin, wo wir mit Hamlet antworten: «Der Rest ist Schweigen».
Sara und Amanda
Die Conditio humana der «Königin auf See»
In diesem Schweigen, so denke ich, kann ein neues Für-wahr-Nehmen beginnen, und wir sind bei der Ästhetik des Films. Und da hat, wie sehr oft, das Bild, also die Kamera, eine tragende Rolle. Lance Hammer hat dafür den Brasilianer Adolpho Veloso ausgewählt. «Als ich seine Bilder zum ersten Mal sah, war ich tief bewegt von der Schönheit seiner Fotografien.» Als die beiden bei ihrem ersten Zoom-Gespräche miteinander redeten, stellten sie fest, dass ihre ästhetischen und philosophischen Vorstellungen darüber, wie der Film gedreht werden sollte, bemerkenswert übereinstimmten. «Es gab so viele Momente, in denen Adolpho still und leise eine Einstellung in seinem Kopf entwarf, während ich ganz für mich allein dasselbe tat, und dann sahen wir uns an und stellten fest, dass wir genau dasselbe dachten.
Dadurch wurde mir auch klar, dass ich mich ein wenig von der Kamera zurückziehen und ihn wirklich eigenständig arbeiten lassen konnte, was mir ermöglichte, intensiver mit den Schauspielern zu arbeiten. Es steckt echtes Genie in der Art, wie er die Schauspieler im Raum wahrnimmt, statisch und in Bewegung. Es ist sehr poetisch, was er einfängt.»
Poetisch! Und das heisst doch, Neues kreierend. Und so der Schluss: Der Film behandelt nicht nur das ganze Leben, sondern erschafft gleich Neues: Menschen, Situationen, Themen, Zeiten und zeigt uns die «Conditio humana» der «Königin des Meeres» ‒ und gleichzeitig ihre Begrenzung, ihr Ende.
Anmerkungen des Regisseurs Lance Hammer zu »Queen at Sea»
Titellbild: Martin und Leslie
Regie: Lance Hammer; Produktion: 2026, Länge: 121 min, Verleih: Frenetic Films
