Schönes Aussehen, Charakter, Poesie oder Mut? Weshalb verliebt man sich? Im romantisch-komödiantischen Versdrama «Cyrano de Bergerac» von Edmond Rostand rivalisieren ein Poet und ein Adonis um dieselbe Frau. Am vergangenen Samstag fand bei Bühnen Bern vor ausverkauftem Haus die Premiere statt.
Für einmal steht eine Nase nicht für Lüge (Pinoccio), sondern für Hässlichkeit. Der Soldat Cyrano de Bergerac (er soll im 17. Jahrhundert gelebt haben) ist ein Multitalent: Er führt den Degen hervorragend, ist ganz Gentleman und schreibt romantische Gedichte. Doch mitten in seinem Gesicht thront eine grosse, überdimensionierte, fette, verwarzte Nase.
Anfänglich noch stolz auf sein «Bekenntnis», entwickelt er mit der Zeit Komplexe und beginnt sein Aussehen zu hassen. Der Selbsthass ist eine zentrale Stimmung in dem Stück, neben übersteigerten Gefühlausbrüchen. Cyrano wagt es nicht, seiner Angebeteten Roxane die Liebe zu gestehen, die er – ganz der Dichter – für sie empfindet. Aber er schreibt ihr anonyme Briefe mit wunderschönen Gedichten. Dabei spielt der Held sich und der Welt vor, wie toll er ist. Doch hinter der Fassade verbirgt sich ein trauriger Mensch, voller Sehnsucht nach Liebe.

Roxane gefallen die Liebesbriefe von Cyrano, aber sein Aussehen mag sie nicht.
«Breite Schultern, kleines Hirn»
So nimmt das romantisch-komödiantisches Versdrama, das der französische Schriftsteller Edmond Rostand 1897 schrieb, seinen Lauf: Denn Roxane liebt einen anderen. Im Gegensatz zu seinem Vorgesetzten ist der Kadett Christian wunderschön, ein «Beau», aber strohdumm. Ausserdem ist er scheu, weiss nicht, wie sich ein Edelmann Frauen gegenüber zu benehmen hat, und kann nicht dichten: «Breite Schultern, kleines Hirn» lautet das Etikett. Doch Roxane möchte, dass Christian ihr einen Liebesbrief schreibt.

Roxane: Entzückt über die romantische Liebesgefühle in Gedichtform.
Halb eifersüchtig, halb kollegial bietet Cyrano seinem Rivalen an, an seiner Stelle Liebesgedichte an Roxane zu schreiben, mit denen der «Beau» glänzen kann. Zuerst geht alles gut, bis es zur direkten Begegnung von Roxane und Christian kommt. Versteckt unter einem Tisch, souffliert Cyrano dem jungen Liebhaber schöne Worte in Versform. Der herbeigesehnte Kuss gelingt. Doch dann fliegt der Schwindel auf und Roxane wendet sich von beiden ab. «Ich habe einen Mann geliebt und zwei verloren», sagt sie zum Schluss.

Als die Gefühlswelt kollabiert, werden Tausende von Liebesbriefen durcheinander gewirbelt.
Der enttäuschte Cyrano findet zu sich selbst, indem er einsieht: «Im Schutz der Nacht und ohne Pein, Hab’ ich den Mut, wirklich ich selbst zu sein!»
Hauptfigur verdreifacht
Inszeniert hat den unterhaltenden Stoff mit Tiefgang der deutsche Schauspieler und Regisseur Wolfgang Michalek. Die Geschichte war bereits 1990 mit Gérard Dépardieu in der Hauptrolle verfilmt worden. Auf der Berner Bühne nimmt Cyrano breiten Raum ein. Die Übertreibung macht der Regisseur deutlich, indem er die Figur verdreifacht: drei Spielende, drei grosse Nasen, drei Degen. Gespielt wird die Hauptrolle von Kilian Land, Lou Haltinner und Jan Maak. In das Kostüm von Roxane schlüpft Heidi Maria Glössner, den Adonis Christian spielt bei Bühnen Bern Fritz Manhenke.

Cyranos Hässlichkeit, verdreifacht und damit überspitzt.
Die Inszenierung der musikalischen Tragik-Komödie, in der auch gesungen und immer wieder Französisch gesprochen wird, gefällt. Sie konzentriert sich auf das Dreiecksverhältnis Cyrano-Roxane-Christan und verzichtet auf weitere Details aus dem Original. Grosse Gefühle zwischen Liebe und Selbsthass werden übersteigert und mit viel Dramatik ausgelebt. Die Live-Musik von Max Braun verstärkt die Stimmungen und schafft wunderschöne Übergänge. Für witzige Pointen ist gesorgt, weil die Handlung zeitweise als Theater im Theater präsentiert wird.

Unsicher, scheu und ein Idiot: Adonis Christian.
Inhaltlich geht es um Themen wie «Wahrgenommen werden», «Lieben und geliebt werden, auch mit Makel.» Äussere Schönheit zählt in unserer Werbewelt offenbar mehr als Charakter, Sprache und innere Grösse. Wahre Liebe bleibt oft unerfüllt, wenn man sie nicht offen zeigt. Und Selbstverleugnung kann zugleich grossherzig wie tragisch sein. Die Berner Inszenierung kritisiert die gesellschaftliche Oberflächlichkeit vor allem dadurch, dass Menschen nach dem Äusseren beurteilt werden und nicht nach ihrem Charakter.
Zwischen Schein und Sein
Zweites wichtiges Element ist die Täuschung: Die beiden Liebhaber täuschen Roxane, doch der Schwindel fliegt auf. Eine optische Täuschung ist auch das tolle Bühnenbild (Natascha von Steiger). Es zeigt eine Bibliothek ohne Bücher, nur mit Büchertapeten, Tische, aber keine Stühle. Wem kann man glauben? Der Gegensatz zwischen Schein und Wirklichkeit zieht sich durch das ganze Drama: Der äussere Eindruck und die inneren Werte stimmen nicht überein.

Das Stück lebt nicht nur von romantischen Versen, sondern auch von dramatischen Fechtszenen zwischen Cyrano und Christian.
Tragisch, aber ehrlich klingt da Cyranos Selbsterkenntnis in Versform:
«Des Nachts bin ich im Garten ganz allein
Und atme tief die zarten Düfte ein.
Die weh’n so süss von tausend Rosen her.
Mein Riechorgan macht mir das Herz so schwer.
Voll Sehnsucht folgt mein Blick dem Liebespaar,
Das eng umschlugen vorbeigegangen war.
In mir blüht Hoffnung, kurz, ein Augenblick,
Ein süsser Traum, so schön, von Liebesglück.
Doch kaum gerate ich in Frühlingsrage,
Was seh’ ich da? – Den Schatten meiner Nase.»
Titelbild: Cyrano hasst sich wegen seiner grossen Nase. Alle Fotos Florian Spring.
LINK
Weitere Aufführungen in Vidmar 1:
26.5./2.6./4.6./ 25.6./ 27.10. / 6.11./ 12.11./ 22.11./ 29.11.2026
